Gastbeitrag

Wendepunkt für Tibet

Von Lodi Gyari

Lodi Gyari: “Die Welt sieht zu“

Lodi Gyari: "Die Welt sieht zu"

16. April 2008 In den letzten Wochen sind wir Zeuge eines Aufstandes gegen die repressive Politik der chinesischen Behörden auf dem tibetischen Hochland geworden, wie wir ihn seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt haben.

Peking hat auf diese Erhebung mit Gewalt reagiert, und dies nur wenige Monate vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in der Hauptstadt Chinas.

Als Vertreter Seiner Heiligkeit des Dalai Lamas bei den seit 2002 stattfindenden Gesprächen mit der chinesischen Staatsführung war ich stets in großer Sorge, dass es zu solchen Ereignissen kommen würde. Niemand von uns hat sich jedoch angesichts der auf Kontrolle und Überwachung bedachten Politik Chinas in Tibet vorstellen können, welche Ausmaße diese Proteste annehmen würden.

Die Gräben werden tiefer

Ich habe während der sechs Dialogrunden mit Vertretern der chinesischen Staatsführung mehr als einmal betont, dass Pekings Politik in Tibet die Tibeter in eine Ecke drängt.

Uns war bewusst, dass die unnachgiebige Verwirklichung einer Politik, die die Identität der Tibeter untergräbt, zusammen mit dem großen Zustrom chinesischer Migranten nach Tibet, und die den Dalai Lama verunglimpfende Rhetorik der Behörden zu einer unerträglichen Situation für die Tibeter führen werden.

Wir sind sehr besorgt darüber, wie einseitig die chinesischen Behörden die gegenwärtige Krise darstellen. Die Gräben zwischen Tibetern und Chinesen, die damit aufgerissen werden, könnten zwischen Generationen von Tibetern und Chinesen stehen und damit einen nicht wiedergutzumachenden Schaden für die einträchtigen Beziehungen zwischen den beiden Gruppen anrichten.

Die Proteste unserer tibetischen Landsleute sind nicht nur ein Ergebnis einiger Jahre chinesischer Hardline-Politik. Ihre Wurzeln liegen tiefer und gründen in den fünfzig Jahren falscher chinesischer Politik in Tibet.

Der Ruf nach Wandel

Die geographische Ausdehnung der Proteste über das ganze Hochland hinweg, von den weiten Ebenen Amdos und Khams bis zu den drei großen Klöstern in Lhasa, verdeutlicht die Notwendigkeit, die wirklichen Missstände in Tibet und die Hoffnungen der Tibeter zu thematisieren, sowohl innerhalb der heutigen Tibetischen Autonomen Region als auch in den tibetischen Gegenden in den heutigen Provinzen Qinghai, Gansu, Sichuan und Yunnan.

Exil-Tibeter waren oftmals die dominante Stimme im Ruf nach Wandel in Tibet, da die Unterdrückung viele Bürger zum Schweigen gebracht hatte. Im Augenblick geschieht das Gegenteil. Unsere Brüder in Tibet inspirieren Tibeter in der Diaspora. Ich verneige mich vor dem Mut meiner Landsleute, die unter Lebensgefahr und unter Einsatz ihrer Freiheit deutlich gemacht haben, dass Chinas Politik dort gescheitert ist und wie stark ihre eigene tibetische Identität ist.

Sogar in dieser tragischen Situation ist Seine Heiligkeit der Dalai Lama nicht von seiner Position des Gewaltverzichtes abgerückt. Er glaubt ferner, dass sowohl die tibetische als auch die chinesische Seite in keinem Fall ihre Hoffnungen aufgeben sollten, stattdessen aber die Krise als Herausforderung annehmen müssten, eine beiderseits einvernehmliche Lösung für Tibet zu finden, um damit Frieden und Stabilität in Tibet wiederherzustellen.

Die Ausnahmesituation muss aufgelöst werden

Niemand sollte meinen, dass unsere nächste Runde von Gesprächen mit der chinesischen Führung, sollte sie jetzt stattfinden, durchgeführt wird, als wäre nichts gewesen. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der Härte des Vorgehens der Behörden und der andauernden, fast täglichen Proteste.

Ich bin mir sicher, dass unsere chinesischen Gesprächspartner darin übereinstimmen, dass zunächst die gegenwärtige Ausnahmesituation in verschiedenen Teilen Tibets aufgelöst werden muss, bevor wir ernsthaft über die Zukunft sprechen können. Es ist zwingend notwendig, dass die Regierungen, die beiden Seiten zu einer Fortführung des Dialogprozesses raten, die chinesische Führung um die Zusicherung bitten, dass in diesem Dialogprozess wirklicher und konkreter Fortschritt erzielt wird.

Wir sind zutiefst bewegt angesichts der Tatsache, dass mehrere chinesische Intellektuelle sich in Reaktion auf Pekings Vorgehensweise in Tibet zu Wort gemeldet haben. Menschen mit Weitblick in China haben erkannt, dass Pekings Politik in Tibet an einem Wendepunkt angelangt ist und dass der Dalai Lama hierbei eine entscheidende Rolle spielt.

Präsident Hu Jintao besitzt in diesem Augenblick die bisher nicht da gewesene Möglichkeit, die jetzige Situation nicht zu einer düsteren Altlast für Tibet werden zu lassen und stattdessen diese einer für China als aufstrebende Supermacht angemessenen Lösung zuzuführen, die auch die Achtung der internationalen Staatengemeinschaft sucht.

Anstatt Interessengruppen zu folgen, deren Vorgehen in der Vergangenheit zum Sturz einer Reihe von führenden Politikern geführt hat, wäre es für alle Seiten besser, auf den Rat vernünftiger Stimmen in China zu hören, die eine Neuausrichtung der chinesischen Tibet-Politik einfordern. Die Welt sieht zu.

Der Autor ist Sondergesandter des Dalai Lamas und Verhandlungsführer der tibetischen Delegation in den Gesprächen mit Vertretern der chinesischen Staatsführung.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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