Die anglikanische Kirche entschuldigt sich

Sorry, Darwin

Von Julia Voss

Wird er die Entschuldigung annehmen? Charles Darwin (1809 - 1882)

Wird er die Entschuldigung annehmen? Charles Darwin (1809 - 1882)

15. September 2008 Was würden Sie zu einer Entschuldigung sagen, die hundertfünfzig Jahre nach dem Vorfall eintrudelt? Nichts? Weil Sie ja vermutlich längst tot wären? Richtig, so würden die meisten Menschen die Lage beurteilen, nicht aber die anglikanische Kirche, die an diesem Wochenende auf die Idee gekommen ist, sich bei Charles Darwin zu entschuldigen.

Hintergrund sind die Ausfälle des Bischofs von Oxford, Samuel Wilberforce, wohlgemerkt im Jahr 1860, als dieser auf der Jahrestagung der British Association for the Advancement of Science die Evolutionstheorie angriff. Die Geschichte ist bekannt: Eintausend Zuhörer hatten sich in dem Hörsaal des Naturgeschichtlichen Museums in Oxford eingefunden und lauschten nun der legendären Frage des Bischofs, ob Thomas Henry Huxley, der als Verteidiger der Evolutionstheorie in den Ring gestiegen war, über seine Großmutter oder den Großvater mit dem Affen verwandt sei.

Schon fast eine Blitzevolution

Die nicht weniger legendäre Antwort von Huxley lautete, dass er lieber einen Affen zum Großvater hätte als einen Mann, der seine Bildung und seinen Einfluss dafür einsetze, eine wissenschaftliche Diskussion ins Lächerliche zu ziehen. Kurzum: Huxley wollte lieber vom Affen als vom Pfaffen abstammen - aber, wie gesagt, das ist hundertfünfzig Jahre her, und die Wogen könnten eigentlich längst als geglättet bezeichnet werden. Charles Darwin wurde nach seinem Tod 1882 in der Londoner Westminster Abbey neben Isaac Newton begraben - ein recht großes „sorry“ von Kirchenseite. Und Darwin hatte schon in der zweiten Auflage der „Entstehung der Arten“ den entscheidenden Satz geändert: Wo es zuerst auf den letzten Seiten hieß, dass der Keim des Lebens „wenigen, vielleicht auch nur einer einzigen Urform eingehaucht worden sei“, stand nun, „dass der Schöpfer den Keim alles Lebens nur einer einzigen Form eingehaucht hat“.

Er, der kein Geheimnis daraus machte, dass er nicht an Gott glaubte, überließ damit der Religion die letzten Fragen, die seiner Ansicht nach nicht in die Domäne der Naturwissenschaft fielen. Dass die anglikanische Kirche nun umgekehrt nach hundertfünfzig Jahren einsieht, dass sie nichts zur Naturgeschichte beitragen kann, ist aus urgeschichtlicher Sicht jedenfalls schon fast eine Blitzevolution.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS

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