23. August 2008 Die Schrecksekunde kam in der letzten Runde. Plötzlich war Sabine Spitz ins Stocken geraten, flog aus dem Sattel, schien bange ihr Rad abzuchecken. Fünf Runden lang hatte sie das olympische Mountainbikerennen im Cross-Country dominiert, war weit vorne weg gefahren und hatte ihren Vorsprung auf mehr als eine Minute ausgebaut. Und nun stand offenbar doch noch einmal alles auf der Kippe. Ich habe auf einem Stein aufgesetzt, wurde ausgehebelt und bin aus den Pedalen gerutscht, sagte sie später. Aber ich hatte ja genug Vorsprung, da konnte ich ganz ruhig bleiben.
Tatsächlich lag Sabine Spitz im Ziel in 1:45:11 Stunden immer noch 41 Sekunden vor der Polin Maja Wloszczowska, die vor Irina Kalentiewa aus Russland Zweite wurde. Und da war die Zeit schon eingerechnet, die dafür draufgegangen war, vor der Ziellinie anzuhalten und ihr Rad, wie schon beim Gewinn der Bronzemedaille vor vier Jahren in Athen, zu Fuß ins Ziel zu tragen - als Zeichen, dass nicht nur die Reiterin, sondern auch das Ross, ihr 7,3 Kilogramm leichtes Karbon-Bike, großen Anteil an diesem Erfolg hatte. Ich habe so viele Jahre darauf hingearbeitet, sagte die 36 Jahre alte Schwarzwälderin. Jetzt endlich Gold zu holen ist das Größte.
Aber heute war einfach ihr Tag, da hat alles gepasst
Der Olympiasieg kam nicht unbedingt aus heiterem Himmel. Schon 2007 war eines meiner besten Jahre, sagte Sabine Spitz. In dieser Saison legte sie noch einmal nach: Sie wurde Europameisterin und WM-Zweite im Cross-Country und gewann bei der Marathon-WM die Silbermedaille. Auf dem Laoshan Mountainbikekurs westlich von Peking erlebte sie nun den Höhepunkt ihrer Karriere. Wir hätten nicht gedacht, dass es so deutlich werden würde, sagte ihr Mann und Manager Ralf Schäuble, der sie zum Mountainbikesport gebracht hatte. Aber heute war einfach ihr Tag, da hat alles gepasst.
Zum Beispiel das Wetter. Es war heiß an diesem Samstag in Peking, sehr heiß. Sabine Spitz mag solche Bedingungen, sie kommt viel besser zurecht damit als viele andere. Zudem lag ihr die Strecke, auch wenn die manche Überraschung barg. Als ich am Montag meine erste Runde hier gefahren bin, dachte ich: Whoops! Ist das der gleiche Kurs, auf dem wir letztes Jahr den Testwettkampf hatten?, fragte sich Sabine Spitz. Er war es - wenngleich in verschärfter Form. Den Chinesen war er nach dem Test offenbar zu fade, also streuten sie ein paar zusätzliche Stolpersteine ein.
Es wäre zu gefährlich gewesen, weiter zu fahren
Die Strecke war letztes Jahr noch viel leichter, sagte Silbermedaillengewinnerin Maja Wloszczowska. Ich war sehr überrascht, es gab viel mehr schwierigere Abfahrten. Vor allem in dieser Hitze, wenn du müde wirst, kann das gefährlich werden. So gab es eine Reihe von Sturzopfern, darunter auch die spätere Bronzemedaillengewinnerin Irina Kalentiewa oder die Titelverteidigerin Gunn-Rita Dahle-Flesjaa. Ich machte auf einer der Abfahrten einen Salto über das Rad, sagte die Norwegerin.
Zudem hatte sie große Schwierigkeiten mit ihrer Hinterbremse, so dass sie das Rennen in der vierten Runde aufgab. Es wäre zu gefährlich gewesen, noch weiter zu fahren, sagte sie. Neben ihr verabschiedeten sich zwei weitere Titelanwärterinnen vorzeitig: Die Spanierin Marga Fullana kämpfte mit Magenproblemen, der Kanadierin Marie-Helene Prémont machte offenbar die Hitze zu schaffen, sie gab in der zweiten Runde mit rasendem Puls auf. Da auch die beiden Chinesinnen Ren Chengyuan und Liu Ying nicht so stark waren wie erwartet, war der Weg frei für Sabine Spitz.
Ein Schild mit 'Leistung ist auch ohne Doping möglich'
Vor dem ersten längeren Downhill ging ich an Marga Fullana vorbei, weil ich dachte, sie würde dort sicher Probleme bekommen und ich könnte vielleicht einen kleinen Vorsprung rausfahren, sagte sie. Dann habe ich hinter mir nur noch Schreie gehört. Die Volle-Kraft-voraus-Taktik erwies sich als perfekt. Sabine Spitz konnte an der Spitze ihr eigenes Rennen fahren, ihren Rhythmus finden, unbedrängt ihre Vorteile in Technik und Radbeherrschung ausspielen - und so ihren Vorsprung Sekunde für Sekunde ausbauen.
Während ihre Teamkollegin, Olympia-Debütantin Adelheid Morath, am Ende auf Rang 18 einkam, erreichte Sabine Spitz so mit 36 Jahren das höchste der Gefühle im Mountainbikesport - reichlich spät. Andererseits hat sie erst mit 22 Jahren damit begonnen. Ich bin immer noch hungrig, sagte sie. In diesem Drang lässt sie sich auch nicht von den allfälligen Zweifeln bremsen, die heutzutage jede Spitzenleistung im Radsport zwangsläufig begleiten. Im Gegenteil. Als ich heute auf dem Podium stand, sagte sie, hätte ich mir am liebsten ein Schild umgehängt, auf dem steht: Leistung ist auch ohne Doping möglich. Tatsächlich aber fühlte sie in diesem Moment sowieso nur noch eins: Pure Freude.
Mountainbike, Cross-Country, Frauen:
GOLD: Sabine Spitz (Murg-Niederhof)
SILBER: Maja Wloszczowska (Polen)
BRONZE: Irina Kalentjewa (Russland)
18. Adelheid Morath (Freiburg)
Kurzporträt Sabine Spitz
Beruf: Mountainbike-Profi
geboren: 27. Dezember 1971
Olympia-Teilnahmen: 2000, 2004, 2008
größte Erfolge: Olympiasiegerin 2008, Olympia-Dritte 2004, WM-Gold2003, WM-Silber 2007 und 2008, Europameisterin 2008
Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa, REUTERS