Von Hans-Joachim Leyenberg, Hongkong
21. August 2008 Der groß angekündigte Regen als Vorbote des Taifuns Nuri in Hongkong ist ausgeblieben. Die von den deutschen Springreitern herbeigesehnte Medaille aber auch. Mit dem Sieg des Kanadiers Eric Lamaze und seines Pferdes Hickstead im Stechen gegen die schwedische Kombination Rolf-Göran Bengtsson mit Ninja sind am Donnerstag die olympischen Wettbewerbe im Reitstadion von Sha Tin zu Ende gegangen.
Auch um Bronze musste gestochen werden, nachdem zuvor sieben Paare, darunter Ludger Beerbaum mit All Inclusive und Meredith Michaels-Beerbaum mit Shutterfly nach je einem Abwurf im ersten Umlauf im zweiten Umlauf fehlerfrei geblieben waren. Bronze ging schließlich an die Amerikanerin Beezie Madden mit Authentic.
Immerhin unter die Top Ten geritten
Es fügte sich irgendwie zu diesem schwarzen Tag für die deutsche Springreiterin, dass die Weltranglistenerste Meredith Michaels-Beerbaum als Vierte den Platz auf dem Podium um Sekundenbruchteile verpasste. Wir haben ein bisschen Pech gehabt, sagte sie hernach reichlich wehmütig, aber Shutterfly ist keine Maschine. Ich bin stolz auf mein Pferd.
Ihr Schwager Ludger Beerbaum musste mit dem siebten Rang vorlieb nehmen, nachdem im Stechen um Bronze eine Stange fiel. Er und seine angeheiratete Verwandte hatten am Schlusstag noch eine gute Figur abgegeben. Die Aufholjagd führte in Hongkong immerhin noch unter die Top Ten.
Die Große Mauer durfte nicht einstürzen
Die Parcoursdesigner hatten sich im Normalparcours eine 540 Meter lange Runde mit einer dreifachen Kombination einfallen lassen. Wieder war es der 4,20 Meter breite Wassergraben, der Ludger Beerbaum im ersten Umlauf indirekt Verdruss bereitete, denn nachdem All Inclusive Fahrt aufgenommen hatte, kam ihm Hindernis sechs, eine von zwölf Klippen im China-Look, zu schnell vor die Hufe. Zur großen Tücke für das Gros des Starterfeldes wurde die gewellte Planke, ein Hindernis mit dem Namen olympischer Drache.
Die meisten Reiter werden ihn in schlechter Erinnerung behalten. Dagegen war die Große Mauer, eines der Lieblingsmotive der Parcoursgestalter, keine entscheidende Hürde. Mit Rücksicht auf chinesische Befindlichkeiten konnte das Hindernis nicht zum Einsturz gebracht werden. Zwei Abbildungen der Großen Mauer flankierten die Stangen, ohne Schaden zu nehmen.
Ziemlich fassungslos über die Nachrichtenlage
In den Tagen von Hongkong hielt Beerbaums Wallach All Inclusive nicht immer alles, was der Name verspricht. Der heute 44-jährige Olympiasieger von Barcelona berichtete präzise, was im aktuellen Fall des ersten Umlaufs die Navigation störte: Ein Knopf seines roten Rocks hatte sich in der Mähne verfangen.
Im zweiten Umlauf tat Beerbaum die Null-Runde ausgesprochen gut: Mir fällt ein Stein vom Herzen. Es ist ja schon komisch, immer zu erklären, dass das Pferd gut gesprungen und trotzdem kein Null-Fehler-Ritt herausgesprungen ist. Jetzt hat alles gepasst, wir hatten auch etwas Glück in der dreifachen Kombination. Aber das braucht man auf diesem Level in solche einem Parcours auch mal.
Abenteuer Olympia mit Widrigkeiten
Natürlich dienten die Vorkommnisse im deutschen Stall nicht gerade der Konzentration vor den entscheidenden Minuten. In der Stallgasse, zwischen Tür und Angel, war Ludger Beerbaum über das Thema Ahlmann informiert worden und ob der Nachrichtenlage ziemlich fassungslos. Beerbaum war mit seinen Gedanken schon im Parcours, wollte und konnte keine tiefer gehenden Statements abgeben. Als ein Stück Abenteuer hatte Beerbaum vor Monaten in Aachen über die Reitwettbewerbe in Hongkong orakelt, ohne im Entferntesten ahnen zu können, was dort auf ihn und alle anderen im deutschen Lager an Widrigkeiten abseits des Parcours zukommen würde.
Beerbaum hatte lange gegrübelt, ehe er sich für den relativ unerfahrenen All Inclusive als Olympiapferd entschied. Mit ihm wollte er noch etwas gut machen, den einzigen Makel in seiner Karriere tilgen. Für die Nachlässigkeit, die Behandlung Goldfevers mit einer Salbe nicht angemeldet zu haben, zahlten er und die Equipe in Athen mit der Aberkennung der Goldmedaille einen hohen Preis. Der erklärte Wille ist da, 2012 London anzuvisieren: Dann hätte ich sieben Olympia-Teilnahmen und wäre immer noch keine fünfzig Jahre alt.
Der Alterungsprozess, so steht zu befürchten, ist fern der Heimat, bei allen in der Sparte Springen involvierten, vom Bundestrainer bis zum Tierarzt, beschleunigt worden. In Hongkong fiel am Donnerstag mit der Siegerehrung und der kurzen Schlusszeremonie der Vorhang für die fernab von Peking ausgelagerten Reitwettbewerbe. Doch es bleiben noch genügend Fragen offen. Etwa die, was die nach dem Einzelfinale genommenen Dopingproben wohl ergeben mögen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP