05. September 2008 Muss der Leitwolf zurück ins Rudel? Vor dem Hintergrund der massiven Glaubwürdigkeitskrise der deutschen Springreiterei zeichnet sich ein interner Machtkampf ab zwischen den Verbands-Oberen und dem jahrelang dominanten Ludger Beerbaum. Der eine oder andere unter den Springreitern, deutete Verbandspräsident Breido Graf zu Rantzau in Warendorf an, hat besonders viel Einfluss gewonnen. Er war sehr einbezogen in die Mannschaftsbildung und andere Dinge.
Dadurch sei die Lage ein bisschen kopflastig, geworden, sagte der Präsident. Wir sind fest entschlossen, dass wir das Gleichgewicht für die Zukunft wiederherstellen wollen. Und das ist auch schon angesprochen. Beerbaum, der seit dem Mannschafts-Olympiasieg 1988 Mitglied fast jeder deutschen Championats-Equipe war, wird nicht nur ein Teil der Verantwortung für das schwache – medaillenlose – Abschneiden bei den Olympischen Spielen in Hongkong zugemessen. Auch die Gründe für den massiven Autoritätsverlust des Bundestrainers Kurt Gravemeier werden bei dem willensstarken Reiter aus Riesenbeck gesucht.
Vertrauen, Autorität, Kooperation müssen neu geordnet werden
Bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz bestätigte die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN), dass Gravemeier nur noch bis zum Ende des Jahres im Amt bleiben wird. Überraschend erklärte Rantzau, dass der Münsteraner schon Anfang Juli am Rande des CHIO in Aachen angekündigt hatte, er wolle seinen Vertrag auslaufen lassen.
Reinhard Wendt, der Leistungssport-Chef des Verbandes, sagte sogar, dass die Krise, in die Olympia-Starter Christian Ahlmann mit seiner positiven Doping-Kontrolle die Springreiter gestürzt hat, Gravemeier noch einmal hätte zögern lassen. Doch dann hat er beschlossen, den Weg frei zu machen für eine personelle Neuorientierung. Die Fragen von Vertrauen, Autorität und Kooperation müssen neu geordnet werden, sagte Wendt.
Vier weitere Olympia-Reiter in Hongkong mit ähnlicher Substanz
Der Fall des tief in die allgemeine Ächtung abgestürzten ehemaligen Doppel-Europameisters Christian Ahlmann (Marl), der sein Pferd Cöster mit einer scharfen Salbe behandelt hatte, hat die Branche schwer gezeichnet. Ende September steht ihm eine Anhörung bei der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) bevor.
Vier weitere Olympia-Reiter waren in Hongkong mit der gleichen oder einer ähnlichen Substanz aufgefallen, die sich unter anderem dazu eignet, die Beine von Springpferden schmerzempfindlich zu machen. Am Freitag bestätigte die FEI, dass auch die Analyse der B-Probe bei Rufus, dem Pferd, mit dem der Brasilianer Rodrigo Pessoa in Hongkong Einzel-Fünfter geworden war, ein positives Ergebnis brachte.
Maßnahmenkatalog zum weiteren Anti-Doping-Kampf
Mit ungeheurer Betroffenheit und ungeheurem Ernst, sagte Wendt, hätten die Führungsgremien des Verbandes sich am Donnerstag mit dem Fall befasst. Schon am Mittwoch hatten die Spitzenfunktionäre in Düsseldorf Thomas Bach, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), und dessen Generaldirektor Michael Vesper Bericht erstattet.
Am Freitag gab die FN einen Maßnahmenkatalog zur weiteren Verbesserung der Anti-Doping-Situation im Reitsport bekannt. Die Zahl der Medikationskontrollen bei internationalen Spitzenturnieren wird erhöht – und zwar nicht auf Kosten der Proben an der Basis. Dazu sollen sie überlegter vorgenommen werden.
FN muss noch weiter, intensiver und tiefer nachdenken
Schon beim Turnier Ende des Monats in Donaueschingen will die FEI offiziell die Pferdebeine mit einem thermographischen Gerät auf Manipulationen hin untersuchen. Dazu plant die FN einen weiteren Vorstoß bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur, die bisher wegen Überlastung die Kontrollen im Pferdesport nicht übernehmen konnte. Bach habe der FN geraten, das System in unabhängige Hände zu legen.
Überdacht und verbessert werden soll die Lage der Turnierstewards. Und auch die Rolle der Veterinäre sei auf dem Prüfstand, sagte Wendt. Diese übernähmen einerseits Funktionärsaufgaben bei den Turnieren, andererseits träten sie immer wieder als Entlastungszeugen in Doping-Verfahren auf und könnten von den Verbänden nicht belangt werden. Schließlich entstünden oft Probleme, wenn mehr der Kunde als der Patient gesehen wird. Die FN werde über ihre aktuellen Sitzungen hinaus noch weiter, intensiver und tiefer nachdenken müssen. Auf das empfindliche Reitergewissen jedenfalls, das zeigt der neue Maßnahmenkatalog, baut auch in der Reiterzentrale Warendorf niemand mehr.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP