Der Olympiakommentar

Barren mit Chemie

Von Hans-Joachim Leyenberg

Von Hans-Joachim Leyenberg

Christian Ahlmann und Cöster

Christian Ahlmann und Cöster

22. August 2008 Capsaicin ist ein probates Zusatzfutter für Koikarpfen. Es macht sie groß und stark. Für Pferde ist es weniger gesund, wenn man ihnen die Vorderbeine mit dem Extrakt der Chilischote einreibt. Es ist, gelinde gesagt, eine Gemeinheit. Beim Kontakt mit Hindernissen zum Beispiel tut das richtig weh. Also hebt das furchtsame Ross die Hufe. Man könnte es auch „chemisches Barren“ nennen. Dass Christian Ahlmann und weitere drei Reiter am olympischen Tatort zu diesem Mittel gegriffen haben, steht noch nicht fest.

Aber es ist leider nicht auszuschließen. Deshalb ist das Entsetzen groß, gerade am Schauplatz Hongkong Schlagzeilen der unangenehmen Art produziert zu haben. Gleich vier auf einen Schlag werden also vom Hof gejagt. Das erinnert an Dimensionen, wie sie die Tour de France kennt. Das Krisenmanagement, dass muss man der Internationalen Reiterlichen Vereinigung lassen, funktioniert: Kaum erwischt, schon weggeschickt. Und die Öffentlichkeit prompt informiert.

Der Anfangsverdacht ist „ein Desaster“

Das bisweilen reichlich sentimental rübergebrachte Miteinander von Mensch und Pferd ist ein Kapital, von dem der professionelle Reitsport zehrt. Es mündet letztlich in den Handel mit Pferden. In Deutschland besteht die Basis aus weit über einer Million Pferdeliebhabern, die mitunter ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Spitzensport plagt. Es bekommt jetzt Futter.

„Wir mögen diesen Sport, weil wir Pferde mögen“, versicherte Peter Hofmann, der Springausschuss-Vorsitzende des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei am Donnerstag. Deshalb nennt Reinhard Wendt, der deutsche Chef de Mission in Hongkong, bereits den Anfangsverdacht gegen Ahlmann „ein Desaster“.

Als olympische Disziplin sitzt das Reiten nicht sehr fest im Sattel

Einen wie auch immer gearteten Artenschutz für den Profi in den eigenen Reihen wird es nicht geben. Es wird drei Tage dauern, bis das Ergebnis der B-Probe, genommen aus dem Blut und Urin von Ahlmanns Pferd Cöster, vorliegt. Es wird ungleich länger dauern, auch nur im Ansatz Vertrauen in die Praktiken von Profireitern zurückzugewinnen.

Als olympische Disziplin sitzt die Reiterei nicht so sicher im Sattel, als dass sie sich Skandale à la Hongkong erlauben könnte. Fürs Erste sind Ross und Reiter genannt. Wollte man zynisch sein, könnte man festhalten, dass es im Nachhinein eine glückliche Fügung war, dass die Deutschen in der Mannschaftswertung nicht auf einem Medaillenrang gelandet sind. Das Resultat wäre kaum zu halten gewesen. Die Wahl der Mittel und Wege zum Erfolg ist nicht nur ein Bestandteil des Reglements. Sie sind auch und vor allem eine Frage der Moral.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben