Von Johannes Leithäuser, London
26. August 2008 Die meisten Briten haben bis vor wenigen Tagen nicht geahnt, dass sie derart vorzügliche Radfahrer unter sich haben. Nun aber, nach zwei olympischen Wochen und acht von neunzehn Goldmedaillen alleine in Radsport-Wettkämpfen sind der schüchterne Sprinter Chris Hoy oder die Jungens vom Bahn-Verfolgungsvierer unvermittelt zu Helden der Nation geworden - und zwar einer Nation, die seit vielen Jahren immer stärker daran zweifelt, dass es sie überhaupt gibt.
Auf den Britischen Inseln hat der Separatismus im Sport über Jahrzehnte hinweg seinen drastischsten Ausdruck gefunden: die vier konkurrierenden Fußball-Nationalmannschaften sind keine britische Marotte, sondern ernsthafte Zeichen von gegeneinander abgegrenzten englischen, schottischen und auch walisischen Patriotismen.
Einzelne Schotten gegen britischen Überschwang
Das Team GB und sein in diesem Ausmaß unerwarteter Erfolg bei den Spielen in Peking haben diese Tendenz erstmals seit langer Zeit umgedreht - ähnliche Einigungseffekte hatte in den letzten Jahrzehnten außer dem Falklandkrieg vermutlich bloß die Krönung der gegenwärtigen Königin Elisabeth II. im Jahre 1953.
Nur einzelne Schotten wehren sich gegen den aktuellen britischen Überschwang; die Schottische Nationalpartei sieht ihr Ziel eines unabhängigen Schottlands in Gefahr und hätte den aus Edinburgh stammenden dreimaligen Olympiasieger Hoy gerne stärker für sich vereinnahmt: Daher verlangt sie deutlich und vergeblich, bei künftigen Spielen sollten die Schotten mit einer eigenen Mannschaft antreten dürfen.
Der Stolz war in misstrauische Skepsis umgeschlagen
Das war zugleich ein missgünstiger Seitenhieb auf London und dessen Gastgeberrolle der nächsten Olympischen Sommerspiele im Jahr 2012. Denn die Londoner Vorbereitungen haben von dem sportlichen Erfolg der Briten in Peking am kräftigsten profitiert. Bislang war die Aussicht auf die Spiele in vier Jahren den meisten Engländern, Schotten oder Nordiren egal, die Londoner sahen eher einen Anlass zum Ärgern als zur Vorfreude darin.
Der Stolz nach dem Sieg im Bewerbungsverfahren vor drei Jahren gegen den Konkurrenten Paris war längst in misstrauische Skepsis umgeschlagen: wegen der inzwischen (auf rund 12,5 Milliarden Euro) vervierfachten Kostenschätzung, wegen der erwarteten Belästigungen durch den Sportstättenbau oder die Ertüchtigung des Nahverkehrs. Trotz der unverdrossenen Beteuerung des Chefs des Londoner Bewerbungskomitees, Lord Sebastian Coe, die Spiele würden everybody's games werden, also Spiele für jedermann, blieb die Stimmung lau.
Beckham, ein Doppeldeckerbus und Streetdancer
Noch die Acht-Minuten-Sequenz bei der Abschlussfeier im Stadion von Peking, während der London sich als nachfolgender Gastgeber vorstellen durfte, verriet viel von der Unsicherheit der Organisatoren. David Beckham, der einen Ball in die Menge schoss, ein roter Doppeldeckerbus, der sich in einen grünen Rasenhügel verwandelte, und Streetdancer, die schwarze Regenschirme aufklappten - das sollte für jeden etwas sein und wurde daher für niemanden etwas Überraschendes. Doch was die einfallslosen Werbestrategen nicht vermochten, vollbrachte stattdessen Boris Johnson, der neue Bürgermeister von London, als er von seinem Pekinger Kollegen die olympische Fahne übernahm.
Während der Exponent der herrschenden Kommunistischen Partei Chinas seinen Part makellos korrekt meisterte, verschwand Johnsons semmelblonder Wuschelkopf gleich im Fahnentuch, nachdem er den Stab ergriffen hatte, und kam erst nach einigem Kampf mit dem Stoff wieder hervor. Die heimischen Zuschauer bemerkten überdies kopfschüttelnd, dass Boris mal wieder sein Sakko nicht zugeknöpft hatte, dass die Anzughosen zerknittert und die Jacketttaschen ausgebeult waren, weil der Londoner Bürgermeister nach dem Ende der Fahnenaktion darin sogleich wieder seine Hände vergrub.
Für Politiker blieb in Peking nur die Zaungastrolle
Diese wohlkalkulierte selbstironische Schusseligkeit ihrer Führungsfigur auf der Pekinger Olympia-Bühne gefiel den Londonern, die das Ereignis zu Hause auf den Großbildleinwänden am Trafalgar Square oder im St. James' Park verfolgten, weitaus besser als die multisoziokulturelle Beckham-Hiphop-Botschaft, die eher noch von seinem Vorgänger Ken Livingstone inspiriert gewesen war. Der hätte selber überaus gerne im Rampenlicht der Abschlussfeier gestanden, doch hatten ihn die Londoner im vergangenen Frühjahr aus dem Amt gewählt.
Auch für andere Politiker, deren Einsatz London die nächsten Spiele verdankt, blieb jetzt nur eine Zaungastrolle. Während der gegenwärtige Premierminister Brown sich in Peking unermüdlich im Kreise der erfolgreichen Athleten präsentierte, damit von deren Gold ein wenig Glanz auf sein arg ramponiertes eigenes Ansehen falle, kam sein Vorgänger Blair allenfalls noch in kurzen Erinnerungssequenzen vor. Häufigere lobende Worte trafen hingegen Blairs Vorgänger Major. Der hatte vor zwölf Jahren den Boden bereitet für die aktuelle Siegesserie britischer Athleten, indem er verfügte, dass die Ausschüttungen des nationalen Lottos künftig auch für die Sportförderung verwendet werden sollten.
Sir Alex Trainer einer brtischen Fußballmannschaft
Majors Entscheidung war die Reaktion auf die Spiele 1996 von Atlanta gewesen, die in einer beispiellosen britischen Demütigung endeten. Damals kam das Team GB mit einer einzigen Goldmedaille nach Hause und rangierte - was als noch schlimmer empfunden wurde - im Medaillenspiegel unter Irland. In Peking rückte die britische Mannschaft mit neunzehn Mal Gold auf den vierten Platz der Medaillenwertung. Für London ist in den britischen Zeitungen schon Platz drei ausgerufen.
Und - noch viel schwindelerregend kühner - der Trainer von Manchester United, Sir Alex Fergie Ferguson, könnte nach eindringlichen Überredungsversuchen des Premierministers Brown und des Olympia-Organisationschefs Lord Coe vielleicht bereit sein, eine olympische britische Fußballmannschaft zu trainieren. Das würde die schottische Unabhängigkeit in weite Ferne rücken.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa