BMX

Der olympische Kampf um die Jugend der Welt

Von Frank Hollmann, Peking

Wettrennen auf der schwersten BMX-Strecke der Welt

Wettrennen auf der schwersten BMX-Strecke der Welt

22. August 2008 Ein Helm ähnlich der Formel 1, Brust- und Schulterpanzer wie beim American Football, dazu Ellenbogen- und Knieschoner. Dick gepolstert stürzen sich die BMX-Fahrer von der haushohen Rampe auf den welligen Parcour im Laoshan-Park. Eine Garantie für einen schadenfrei überstandenen Lauf ist das längst nicht.

Ex-Weltmeister Kyle Bennett erwischte es im Viertelfinale in der ersten Kurve, da wo das Feld noch dicht beisammen liegt. Drei Fahrer stürzten, der Texaner kugelte sich die Schulter aus. Alles halb so wild, grinste er, ist ja nichts gebrochen. Beim Halbfinale zwei Tage später stand Bennett wieder am Start, den deutsche Vertreter bei der olympischen Premiere erst gar nicht in Angriff nahmen.

Krachende Kollisionen, viele Stürze

BMX ist nichts für Weicheier, sondern für artistisch begabte Draufgänger. 35 bis 40 Sekunden dauert ein Lauf mit den einst eigentlich für Kinder konstruierten Kleinrädern. Ein Sprung jagt den nächsten, manchmal fliegen die Athleten meterhoch mit quergestelltem Vorderrad durch die Luft und landen längst nicht immer auf den Reifen.

Auch bei den olympischen Finals blieben je zwei Starter nach krachenden Kollisionen auf der Strecke, diesmal aber unverletzt. Weltmeisterin Shanaze Reade aus Großbritannien aber kostete der Sturz Gold. Das holte sich die Französin Anne-Caroline Chausson, Zweite der letzten WM.

Wegen Olympiapremiere Rückkehr aufs kleine Rad

Bei den Männern kam Weltmeister Maris Strombergs aus Lettland unbeschadet als Erster über die Ziellinie. Dabei hatten gerade die mitfavorisierten Amerikaner keine Kosten gescheut, um ganz oben auf dem Treppchen zu stehen. Für eine halbe Million Dollar wurde in Südkalifornien eine exakte Kopie des Laoshan-Rennkurses gebaut, der „schwersten Strecke der Welt“, so der Schweizer Teilnehmer Roger Rinderknecht: „Riesentempo, große Sprünge, totale Action, ein Hammer.“

Auch Jill Kintner bereitete sich in der Kopie von Chula Vista auf ihr Comeback vor. 2002 war die mehrfache Weltmeisterin nach zahlreichen Knieverletzungen, einem Nierenriss und wegen zahlungsmüder Sponsoren vom BMX aufs Mountain Bike umgestiegen. Für die Olympiapremiere aber holte sie das kleinere Rad wieder aus der Garage hervor.

Helden für die iPod- und Playstation-Generation?

Der Wechsel zurück sei viel schwerer, erklärt die 26 Jahre alte Frau aus Seattle auf ihrer Homepage. Ein Mountain-Bike sei viel stabiler, laufe runder und verzeihe auch einen nicht ganz geglückten Sprung. Mit einem BMX dagegen müsse man perfekt springen, sagt der Sportfreak.

Als Kind war Kintner auch eine hoffnungsvolle Fußballerin und Tennisspielerin, sie fährt Snowboard, spielt Golf und liebt Fallschirmspringen. Doch nichts fasziniere sie so wie BMX, da entwickele sie einen Tunnelblick und blende alles andere aus, sagt Jill Kintner. Athleten wie sie sind wie geschaffen als Helden für die iPod- und Playstation-Generation.

Teenager im Publikum

Auch deshalb hat das IOC das einst als Funsportart belächelte BMX ins Programm aufgenommen, als Frischzellenkur für die über hundertjährige olympische Bewegung. Ähnlich wie Beachvolleyball soll BMX ein neues jüngeres Publikum für die Sommerspiele begeistern. In Peking klappt das. Auf den Rängen in Blickweite zu den Westbergen herrscht Partystimmung, im Publikum sitzen auffällig viele Teenager.

Wang Cong ist extra aus dem zentralchinesischen Xian gekommen, dem Fundort der weltberühmten Terrakotta-Armee. Dort fahre er gemeinsam mit Freunden, ein paar tausend Yuan, mehrere hundert Euro habe er für sein Rad ausgegeben. Ein Vermögen für einen chinesischen Teenager. Nur wegen BMX ist Wang Cong in Peking. Das übrige Olympiaprogramm interessiert ihn nicht.

China erwartet BMX-Boom

Noch fahren die chinesischen BMX-Fahrer jedoch der Weltspitze hinterher. Ihre einzige Teilnehmerin Ma Liyun, immerhin aktuelle Asienmeisterin, wurde in ihrem Vorlauf Letzte. Aber das wird sich ändern, zeigt sich der Schweizer Rinderknecht überzeugt. Er kenne zwei, drei Chinesen, die hätten das Zeug zu einem guten Fahrer. „Die geben jetzt Vollgas mit Blick auf London 2012.“

Auf die junge Generation chinesischer BMX-Fahrer baut auch Ma Qiang in seinem kleinen Laden knapp unterhalb der Olympia-Arena. Seit zehn Jahren schon verkauft er Räder. Seit in seiner direkten Nachbarschaft das Velodrom und die BMX-Strecke gebaut wurde, muss er keine Werbung mehr machen. Die potentiellen Kunden kommen automatisch vorbei. Auch Mitglieder des Nationalteams und der Stadtauswahl seien darunter, berichtet Ma stolz.

„Leichtathletik oder BMX, da gibt es keinen Unterschied“

Nur wenige olympische Sportarten kommen sowohl im Stadion als auch im Fernsehen derart dynamisch und spektakulär rüber wie BMX. Auch Kyle aus Vancouver ist begeistert. Keine Ahnung habe er gehabt, was das für ein faszinierender Sport sei: „Viel Action, ein lässiges Publikum, großartig.“

Die Olympiapremiere kann das Schattendasein der BMX-Akrobaten beenden, hofft auch Roger Rinderknecht aus Winterthur: „Wir waren immer überzeugt, dass unsere Sportart sehr attraktiv ist. Das Image vom kleinen Fahrrad hat uns immer verfolgt. Mit diesem Auftritt von Peking haben wir endgültig bewiesen, dass unsere Sportler Topathleten sind. Leichtathletik oder BMX, da gibt es keinen Unterschied.“ (siehe Kommentar: Kommentar: Die vergebliche Jagd nach dem Olympia-Trend)

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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