04. September 2008 Kurt Gravemeier wird im kommenden Jahr nicht mehr Bundestrainer der deutschen Springreiter sein. Kurz bevor der Verband ihm zuvorkam, hat der 50-Jährige am Donnerstag selbst einen Schlussstrich gezogen, obwohl er sich am Vortag noch kämpferisch gezeigt hatte und weitermachen wollte. Einen Nachfolger für Gravemeier hat die Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) noch nicht. So weit sind wir noch nicht, sagte FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau am Donnerstag nach der Präsidiums-Sitzung der FN und des Springausschusses in Warendorf: Die wachsen ja nicht auf Bäumen.
Gravemeier muss bisher als Einziger für das katastrophale Abschneiden beim Olympischen Reitturnier in Hongkong büßen. Die deutschen Springreiter waren bei den Olympischen Spielen das erste Mal seit 80 Jahren ohne Medaillen geblieben und sorgten zudem mit der positiven Probe von Christian Ahlmanns Pferd Cöster für negative Schlagzeilen.
Hätte gerne geholfen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen
Das ist meine eigene Entscheidung, betonte Gravemeier am Donnerstagabend: Ich hätte gerne geholfen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, aber nach Abwägung aller Dinge habe ich mich so entschieden. Weiter erklärte er: Ich musste durch die Entwicklungen und Gespräche der letzten Wochen erfahren, dass Verantwortung und Vertrauen ganz neu aufgebaut werden müssen. Hieran bin ich bereit, bis zum Ende des Jahres mitzuwirken. Gleichzeitig will ich aber den Weg für neue personelle Konstellationen freimachen.
Das haut einen um, kommentierte sein Vorgänger Herbert Meyer und berichtete nach einem Telefonat mit Gravemeier: Der ist ganz fertig. Meyer, der Gravemeier ausgebildet und als Bundestrainer vorgeschlagen hatte, sagte: Ich muss ehrlich sagen, ich war auch überrascht. Ich werde da schwer mit fertig. Auch Ludger Beerbaum sagte: Das hat mich ein bisschen überrascht. In den letzten Tagen ging es ja hin und her.
Vorbehalte im Verband
Der Verbandschef betonte hingegen: Es ist ganz eindeutig so, dass er schon in Aachen gesagt hat, dass er nicht weitermachen will. Und das hat er auch nach Hongkong gesagt. Zu anderslautenden Äußerungen von Gravemeier erklärte zu Rantzau: Dann hat er sich wohl umbesonnen, weil er helfen wollte. Da war er ein paar Tage kämpferisch, aber durch verschiedene Gespräche ist er zu einem Sinneswandel gekommen.
Tatsächlich hatte Gravemeier noch am Mittwoch gesagt, dass er weiterhin zur Verfügung stehe, aber keinen Vierjahresvertrag unterschreiben wolle: Ich habe mit den meisten Reitern gesprochen und gehe davon aus, dass ich weitermache. Im Pferdesport-Verband FN gab es allerdings starke Vorbehalte gegen eine Weiterverpflichtung, vor allem aber gegen eine verkürzte Amtszeit.
Seit 2000 im Amt
Die Suche nach einem Nachfolger dürfte nicht einfach sein. Mit dem seit Jahrzehnten erfolgreichen und charismatischen Ludger Beerbaum, aber auch mit dessen Schwägerin Meredith Michaels-Beerbaum hatte es Gravemeier nicht immer einfach. Es gibt sicher starke Persönlichkeiten im Team, sagte Verbands-Boss zu Rantzau und kündigte an: Es werden bestimmte Rahmenbedingungen so geändert, dass es für den Nachfolger leichter wird. Beerbaum sagte über einen möglichen Nachfolger: Da fällt mir spontan keiner ein.
Im Herbst 2000 trat Gravemeier sein Amt an. Hauptberuflich arbeitet der ehemalige Nationenpreisreiter jedoch immer parallel als Verwalter auf Gut Berl bei Münster. Die sportliche Bilanz seiner acht Jahre ist durchwachsen. Bei Europameisterschaften gab es unter Bundestrainer Gravemeier insgesamt sechs Titel, aber bei Weltmeisterschaften nur zwei dritte Plätze.
Text: dpa
Bildmaterial: AFP, dpa