18. September 2008 Schon wieder Doping-Alarm im Reiterlager? Christian Ahlmann, der Springreiter, der zurzeit als unerwünschte Person zu Hause in Marl für die Sünden seiner ganzen Branche büßt, hat sich in den vergangenen Tagen noch einmal zu Wort gemeldet. Allerdings nicht, um Klarheit in seinen Dopingfall bei den Olympischen Spielen in Hongkong zu bringen, wo man ihm die Anwendung einer scharfen Salbe (mit dem Wirkstoff Capsaicin) bei seinem Schimmelwallach Cöster nachwies.
Im Gegenteil: Ahlmann stiftete reichlich Verwirrung. Von einem positiven Test im Vorfeld der Spiele ist nun die Rede, über den die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) ihn und Cösters Besitzerin Marion Jauß nie informiert habe. Angeblich ein ungehöriger Vorgang, der juristische Schritte nach sich ziehen könnte. Das ist ziemlich ärgerlich, sagt Reinhard Wendt, der Leistungssport-Chef der FN. In der Warendorfer Reiterzentrale sieht man angesichts der wilden Fehl-Interpretation von Marl nicht einmal eine Ansatzmöglichkeit zur Reaktion.
Im Pferdesport gibt es zweierlei Kategorien
Denn tatsächlich hat es einen positiven Medikationstest von Cöster gegeben, der allerdings einer Vorsichtsmaßnahme der FN entsprang. Man wollte aus den positiven Medikationsfällen bei den Spielen von Athen 2004 lernen: Damals verlor Deutschland die Mannschafts-Goldmedaille der Springreiter, weil Ludger Beerbaum nachgewiesen wurde, dass er sein Pferd Goldfever ohne Genehmigung mit einem Cortisonpräparat behandelt hatte.
Wohlgemerkt wurde er wegen verbotener Medikation disqualifiziert und nicht etwa wegen Dopings, also medikamentöser Leistungssteigerung. Anders als im Humansport gibt es im Pferdesport zweierlei Kategorien. Während menschliche Athleten mit Heilmitteln im Körper geduldet werden, dürfen im Pferdesport nur wenige Substanzen ungestraft ohne Genehmigung angewandt werden. Das Ziel ist tierschützerisch begründet: Es sollen keine kranken Tiere an den Start gebracht werden. Zudem können Heilmittel häufig als Dopingmittel missbraucht werden.
Ausschluss von Minimalspuren durch feinste Geräte
Um sicherzugehen, dass sich im Organismus der Pferde nicht noch minimale Spuren von Medikamenten befinden, hat die FN in der Quarantäne vor den Spielen bei allen vierbeinigen Olympiastartern vorsorgliche Tests vornehmen lassen. Diese ergaben, was der Mannschaftstierarzt Björn Nolting schon ahnte: Eine Rückenbehandlung von Cöster und eine Gelenkbehandlung von Shutterfly, dem Pferd von Meredith Michaels-Beerbaum, hatten Spuren hinterlassen. Zwei positive Tests also, die man als normal ansah, weil sie durch Heilmittel außerhalb eines Turniers entstanden waren. Das sind rein interne Abläufe, sagt Wendt, weshalb man es nicht als notwendig angesehen habe, Reiter und Besitzer zu informieren.
Die Pferde wurden trotz der Testergebnisse am 25. Juli nach Hongkong geflogen, und das bedeutete kein Risiko. An Ort und Stelle nämlich wurde von der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) kostenlos das Post Arrival Elective Testing angeboten. Dabei konnten die Verbände Urinproben ihrer Pferde auf - so die schriftliche Auskunft der FEI - insgesamt 67 Substanzen testen lassen, die in Pferde-Heilmitteln enthalten sind. Tests auf Dopingsubstanzen hingegen wurden nicht angeboten. Der Vorteil: Diese Tests wurden im Olympia-Labor vorgenommen, schlossen also das spätere Auffinden von Minimalspuren durch noch feinere Geräte aus. Allerdings übernahm das Labor keine Garantie.
Wer mit dem Spektrum nicht auskommt, hat ein Problem
Alle deutschen Olympiapferde wurden in Hongkong noch einmal getestet. Das Ergebnis: Die Behandlungs-Rückstände von Cöster und Shutterfly waren verschwunden. Dafür fand man beim Vielseitigkeitspferd Mr. Medicott (von Frank Ostholt) und beim Dressurpferd Bonaparte (von Heike Kemmer) Behandlungsspuren. Der eine hatte eine Erkältung hinter sich, der andere war beim Beschlagen vernagelt worden. Für solche Fälle bietet die FEI kostenpflichtige Nach-Tests an. Diese wurden beantragt und ausgeführt und fielen negativ aus.
Das Problem für Ahlmann und vier weitere Springreiter, denen die Anwendung von Capsaicin nachgewiesen wurde: Unter die 67 Substanzen des Post Arrival Elective Testing fällt diese Substanz nicht. Zwar wurden deutsche Funktionäre an Ort und Stelle gegenteilig informiert, doch der Wirkstoff kommt auf der offiziellen Prüfliste nicht vor. Da die Capsaicin enthaltende Salbe, die Ahlmann verwendet hat, als Dopingmittel zur Hypersensibilisierung der Beine missbraucht werden kann, gehört sie auch nicht auf diese Liste. Wer mit dem Spektrum nicht auskommt, der hat ein Problem, sagt Verbandstierarzt Michael Düe.
Man hat die Reiter in Sicherheit gewogen
Ahlmann sagt zu seiner Entschuldigung, er habe die Salbe als Heilmittel eingesetzt, nicht etwa als Dopingsubstanz. Sollte Ahlmann also vor den Spielen Cösters Rückenschmerzen mit der Salbe behandelt haben, so wäre er durch die Medikationskontrollen vor dem olympischen Turnier nicht gewarnt worden. Sollte Ahlmann die Salbe zur Hypersensibilisierung der Beine verwendet haben, so wäre sie sowieso erst in den offiziellen Wettkampftests entdeckt worden. Man hat die Reiter in Sicherheit gewogen, kritisiert Ahlmanns Mannschaftskollege Ludger Beerbaum.
Hätte man bei den Vor-Tests nach Capsaicin gesucht, hätten wir den Fall nicht gehabt. Beerbaums Interpretation setzt allerdings voraus, dass Ahlmann die Substanz lediglich als Heilmittel eingesetzt hat. Oder dass das Anwendungsgebiet des Mittels aufgrund schwacher Ergebnisse zu Turnierbeginn nachträglich zu Zwecken der Leistungssteigerung vom Rücken auf die Beine verlegt wurde. Ich nehme an, es gab Insider-Informationen, dass dieses Mittel auch zur Hypersensibilisierung missbraucht wird, gibt Beerbaum zu. Doch er findet: Das sieht ein bisschen nach Fallenstellen aus.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa