Home

Olympiasieger Jan Frodeno im Gespräch

„Ausruhen kann man sich später“

Der in Südafrika aufgewachsene frühere Wellenreiter Jan Frodeno über seinen Sprint zu Triathlon-Gold, die besondere Vorbereitung auf das Rennen in Peking, den Vorteil des Außenseiters und das Ende seiner Lebensplanung.

„Das war das Rennen meines Lebens”„Das war das Rennen meines Lebens”
19. August 2008 

Triathlon-Olympiasieger Jan Frodeno im Interview über seinen Sprint zur Goldmedaille, die besondere Vorbereitung auf das Rennen in Peking, den Vorteil des Außenseiters und das Ende seiner Lebensplanung.

Herr Frodeno, wie haben Sie die letzten Meter bis zur Goldmedaille erlebt?

Das war das Rennen meines Lebens. Ich bin wie in einem Tunnel gelaufen, das habe ich mir immer gewünscht. Ich habe noch nie ein großes Rennen gewonnen, und jetzt gleich Gold bei Olympia, das ist Wahnsinn. Ich bin das Rennen so oft in meinem Kopf durchgegangen, habe so oft schon das Zielband in meinen Händen gesehen.

Wann wussten Sie, dass sie heute gewinnen können?

Nach Kilometer fünf beim Laufen wusste ich, dass es heute ein ganz großer Tag für mich werden würde. Als wir am Ende nur noch zu dritt waren, wusste ich, dass ich eine Medaille sicher hatte, aber ich wollte Gold. Ich habe daran gedacht, dass ich von diesem Augenblick immer geträumt habe. Dann bin ich losgerannt, das war wie ein Automatismus. Ich hatte überhaupt keinen Druck. Mich kannte ja kaum jemand, das war vielleicht mein Glück.

Am Ende waren Sie mit Weltmeister Javier Gomez, dem Olympiasieger von Sydney Simon Whitfield und dem Silbermedaillengewinner von Athen Bevan Docherty in einer Gruppe. Haben Sie gegen diese erfolgreichen und erfahrenen Athleten an ihre Chance geglaubt?

Ich habe versucht, nicht an die großen Namen zu denken, und mich auf mein eigenes Rennen zu konzentrieren. Ich hatte überhaupt keinen Druck. Mich kannte niemand, das war vielleicht mein Glück. Ich habe gedacht, Sieg oder Sibirien, probier' alles. Ausruhen kann man sich später.

Haben Sie sich besonders auf diesen olympischen Triathlon vorbreitet?

Ich bin viel auf hügeligen Kursen gelaufen. Ich habe gewusst, dass es das härteste 10-Kilometer-Rennen aller Zeiten werden würde. Ich wollte meine Energie für den richtigen Zeitpunkt aufsparen und bei der Hitze nicht vorher verbrauchen. Deswegen bin ich auch bei der Attacke in der zweiten Laufrunde nicht mitgegangen. Und wir haben gewusst, dass die Entscheidung im Endspurt fallen kann, deswegen haben wir sehr viele Sprints trainiert. Bisher habe ich viele Rennen sehr knapp verloren, aber ich habe meine Lektion bis zum richtigen Zeitpunkt gelernt.

Die Athleten der anderen Nationen haben stark zusammengearbeitet, wie war das bei den drei deutschen Startern?

Wir haben im Vorfeld viel zusammengearbeitet. Daniel Unger ist mein Vorbild und mein Trainingspartner, aber heute musste jeder für sich kämpfen.

Sie sind als Außenseiter in das Rennen gegangen und nun als Olympiasieger ins Ziel gekommen, glauben Sie, dass sich ihr Leben nun verändert?

Ich habe auch in diesem Punkt viel von Daniel Unger gelernt, sein Leben hat sich nach seinem Weltmeistertitel sehr verändert. In Deutschland ist es knallhart, es zählt nur Platz eins. Ich weiß nicht, wie das bei mir sein wird, ich habe das noch gar nicht so realisiert, dass ich jetzt Olympiasieger bin. Meine Lebensplanung endete mit diesem Rennen. Das war schon immer mein Motto: Es gibt keinen Plan B, Plan A muss funktionieren. Aber ich habe ein paar ganz gute Prämien ausgehandelt.

War es Plan A hier Gold zu gewinnen?

Nein, höchstens Traum A.

Als Sie mit der Goldmedaille auf dem Siegerpodest standen, sind Ihnen die Tränen gekommen. . .

. . . man denkt an den ganzen Weg bis zu diesem Zeitpunkt. Es war ein langer harter Weg. In diesen Sekunden ist noch einmal mein ganzes Leben an mir vorbeigezogen.

Wie viel trainiert ein Triathlon-Olympiasieger am Tag?

In diesem Jahr müssen es bisher rund 1.100 Kilometer Schwimmen, 12.500 Kilometer Radfahren und 4.400 Kilometer Laufen gewesen sein. Das sind vier bis acht Stunden jeden Tag.

Wie sind sie eigentlich zum Triathlon gekommen?

Mein erster Sport in Südafrika, wo ich aufgewachsen bin, war Wellenreiten. Mit Sechzehn habe ich dann angefangen zu schwimmen, und meinen ersten Triathlon habe ich mit Neunzehn gemacht. Da war ich sofort vom Triathlonvirus angesteckt.

Aufgezeichnet von Cai Tore Philippsen, Peking



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Erster im Ziel: Jan Frodeno

Mit einem unwiderstehlichen Schlussspurt hat Jan Frodeno die gesamte Weltelite hinter sich gelassen und überraschend Triathlon-Gold in Peking gewonnen. Weltmeister und Mitfavorit Daniel Unger kam enttäuscht nur auf den sechsten Platz. Von Cai Tore Philippsen, Peking

ENTSCHEIDUNG: Triathlon

Deutschland hofft auf die zehnte Goldmedaille. Im Triathlon hat Daniel Unger Chancen, im Gewichtheben Mathias Steiner, und im Diskuswerfen Robert Harting. Dazu tritt Fabian Hambüchen in seiner Paradedisziplin an. Die FAZ.NET-Olympia-Vorschau.