Kunst und Bank

Die neuen Sammelstellen

Von Niklas Maak

01. Oktober 2007 Aus Frankfurt dringen Jubelmeldungen an die Presse: Das Städel Museum expandiert, ein dreißig Millionen Euro teurer Neubau ist geplant, auch die Sammlung soll wachsen: Die DZ Bank werde, heißt es, dem Städel Teile ihrer Sammlung bedeutender Gegenwartsfotografie „überlassen“. Natürlich ist es erst mal eine gute Meldung, wenn Kunst nicht ungesehen in Bankdepots dämmert, sondern der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

Aber was heißt „überlassen“? Die unglückliche Geschichte von privater Kunst in öffentlichen Häusern ist nicht vergessen: Es war der Immobilienunternehmer und Sammler Dieter Bock, der seine Kunst dem Frankfurter MMK als „Dauerleihgabe“ - „überließ“, und das böse Erwachen kam bekanntlich, als Bock die Dauer seiner Leihgaben für beendet erklärte, die im Museum wertgesteigerte Kunst quasi über Nacht abzog und der verblüfften Stadt ein halbleeres Museum hinterließ.

Missbrauchte Nobilitierungsmaschinen

Man muss den Banken nicht gleich ein derart unnobles Verhalten unterstellen - aber gute Verträge wären das Mindeste, eine Schenkung ohne Wenn und Aber das Beste; andernfalls bleibt immer der Verdacht, der Leihgeber wolle Unterhaltungskosten abwälzen oder seine Werke zumindest wertsteigernd in der Nobilitierungsmaschine Museum einlagern. Aber nach einem Jahrzehnt Krach und Elend geht der Trend ohnehin zum Privatmuseum, das die kulturelle Landschaft bereichert und den öffentlichen Kassen nicht zur Last fällt.

Ingvild Goetz hat es in München mit ihrem von Herzog de Meuron entworfenen Ausstellungsbau vorgemacht; Julia Stoschek ließ in Düsseldorf eine alte Fabrik von den Berliner Architekten Kühn Malvezzi zu einer beeindruckenden Sammlung für Videokunst umbauen; und in Berlin legt der Sammler Christian Boros die Messlatte für originelle Privatmuseen sehr hoch, nämlich auf das Dach eines ehemaligen Luftschutzbunkers, wo er seit kurzem in einem aufgesetzten Bungalow residiert. Darunter, im Bunker, ließ er für seine Sammlung die 161 Bunkerräume zu Atrien verbinden und die engen Kammern in ein großzügiges Labyrinth auf 2500 Quadratmetern aus unterschiedlichsten Räumen verwandeln.

Kultur und Irrsinn

Nun hatte der 1942 gebaute Bunker eine wechselvolle Geschichte: Nach dem Krieg mutierte er unter der Roten Armee zu einem Militärgefängnis. Mitte der fünfziger Jahre begannen die volkseigenen Betriebe dann, in den kühlen Räumen Bananen und Südfrüchte für die Privilegierten zu lagern. Nach 1990 fanden hier Techno-Partys und die „Sexperimenta“, aber auch Ausstellungen statt, Kultur und Fetisch-Irrsinn wechselten bald so schnell, dass man nicht mehr wusste, ob die Lederriemen an der Decke noch Kunst oder schon etwas anderes waren: 1996 fand die „Ouvertüre der Lust“ statt, aber auch die Kunstausstellung „Files“, bei der Ólafur Elíasson zusammen mit Ugo Rondinone zu sehen war, von dem ein Wandbild vergessen im Bunker blieb und jetzt dem Käufer des Bunkers gehört. Auch das wäre dem Sammler im öffentlichen Museum nicht passiert: dass er später mal ein Bild mehr mitnehmen darf, als er mitgebracht hat.



Text: F.A.Z., 28.09.2007, Nr. 226 / Seite K1
Bildmaterial: Thorsten Thiel, Wonge Bergmann

 
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