Von Swantje Karich
18. Februar 2006 Fünfundsiebzig Galerien aus zehn Ländern sind auf der Art Rotterdam vertreten - eine überschaubare Runde. Zwei Hallen eröffnen hier nicht nur den Blick auf die Kunst, sondern auch auf einen der bedeutendsten Seehäfen und Güterumschlagplätze der Erde. In diesem Ambiente spielen die Galeristen frei und herrlich unaufgeregt auf, so die Galerie Art Affairs aus Amsterdam: Sie hängt Arbeiten von John Baldessari (wie table lamp and its shadow; 7500 Euro), versteckt hinter einem skurrilen Hundekopf in goldenem Papierrahmen (4000 Euro) von Mary Younakof; Joseph Beuys hängt da neben fragwürdiger Malerei.
Die kleinen Summen ab 400 Euro geben auf dieser Messe den Ausschlag; denn die Galeristen kommen nach Rotterdam, um einen Anfang zu wagen, sich mit dem Kunstmarkt vertraut zu machen und ihre meist jungen Künstler vorzustellen. Im Preisbereich von 400 bis 7000 Euro wurde am Eröffnungstag die Mehrzahl der Arbeiten verkauft, spontan und ohne lange Verhandlungen griffen die Sammler und Kuratoren zu.
Die Frankfurter Galeristin Ulrike Adler jubelte laut, als sie zwei kleinformatige Gemälde von Sebastian Gögel für 400 bis 650 Euro und eine große Arbeit für 7800 Euro an das Gemeentenmuseum in Den Haag verkauft hatte. Ein privater Sammler kam wenig später und kaufte ein weiteres Kleinformat Gögels.
Ausgestopfter Hase im Renntrikot
Ein Jahrmarkt der Gefühle ist das, für die Galeristen; denn die Künstler zeigen sich nicht immer von ihrer lebendigsten Seite, und ein gutes Preis-LeistungsVerhältnis ist besonders im Erdgeschoß nicht garantiert: Die Galerie Art Kitchen bietet ausgestopfte Tiere (ein Hase im Renntrikot; 1750 Euro) der Künstlerin Afke Golsteijn an. Lohnenswert sind hingegen Martina Wolfs Videoarbeiten - in Regen wird das Medium Film zur bewegten Malerei - bei der Galerie Baer aus Dresden, und sie kosten auch nur 700 Euro.
Im Obergeschoß wartet der Stargast der Schau auf, Robert Miller aus New York. Er zeigt Diane-Arbus-Fotografien (ab 8000 Euro), ein Bild aus ihrer Untitled-Serie für 23 000 Euro und Aquarelle des Berliners Michael Kalmbach: In einem großformatigen Aquarell von ihm fallen Kinder vom Himmel wie die Todgeweihten in Rodins Höllentor (Ohne Titel; 1260 Euro). Angepriesen wird von der Galerie ein konzeptuell arbeitender Chinese namens Ai Weiwei, von dem in der Koje leider nur ein eher albernes Objekt Safe Sex Raincoat von 1986 für 23 000 Euro zu sehen ist.
Glanzpunkte und Fundstücke
Zurück zum Nachwuchs, den eigentlichen Glanzpunkten der Messe. Da zeigt die Galerie Annet Gelink in ihrer Koje den britischen Konzeptkünstler Ryan Gander, Francis Upritchard aus Neuseeland und den Rumänen Victor Man. Von der Bildhauerin Francis Upritchard ist eine Altar-Skulptur (18 000 Euro) zu sehen: Fundstücke sind plaziert und wirken, als wären es Mitbringsel von Reisen in ferne Länder. In einem Zirkelkasten finden sich aus Fimo gefertigte Miniaturtotems, aus einem weichen Handschuh hat sie einen Affenkopf gemacht. Ein Miniaturfuß ist ausgestellt, als sei er sehr kostbar und unersetzlich.
Victor Man schließlich sammelt Zeitschriften und Magazine und sucht dort nach Motiven für seine Malerei, die meist aus drei Teilen besteht und in ihrer Farbigkeit an das 16. Jahrhundert erinnert. Auf einem großen Gemälde ist ein Schlüsselloch, auf einem kleinen Bild sieht man einen Mann, wie er durch das Schlüsselloch schaut, und in einer Malerei auf der Wand verlieren sich schemenhaft Menschen in der weißen Weite (13 000 Euro). Ryan Gander zeigt seine Hommage an Donald Judd, The boy who always looked up (5000 Euro), und an der Außenwand des Stands schließen ein Gemälde und ein Video von Carlos Amorales, The Bad Sleep Well (23 500 Euro) und Manimal (40 000 Euro) die liebevolle Präsentation ab.
Aus Kordeln geflochten
Wirklichkeit und Fiktion überschneiden sich bei der Pariser Galerie Schleicher & Lange. Chris Cornish führt dem Betrachter die Natur nach einer Katastrophe vor, wenn alles wieder von vorn beginnt. Seine gruseligen Science-fiction-Aufnahmen sind digital bearbeitet (Auflage 10; 1800 Euro). Am Stand von Martin van Zomeren wächst ein Baum aus dem Boden, gebastelt aus kleinteiligen Zeitschriften-Ausschnitten von Chris John. Auf seinem Ast sitzt eine Eule, und ihr wachsen Blumen aus den Augen (9000 Euro).
Im Treppenaufgang grüßt ein ungewöhnliches Objekt - ein goldener Springbrunnen, aus Kordel geflochten vom belgischen Künstler Louis de Cordier. Seine Arbeiten sind eine Mischung aus Architektur und Naturmaterialien, Technik und Wissenschaft. Er ist der erste Illy-Preisträger: Für den mit 25 000 Euro dotierten Illy-Preis, den die Art Rotterdam vergibt, waren außer dem Belgier Tiina Mielonen aus Finnland, Germaine Kruip aus Holland, Cristian Andersen aus Dänemark und Martin Healy aus England nominiert.
Einkaufstour zur Völkerverständigung
Die Organisatoren der Messe, Fons Hof und Michael Huyser, versprechen sich viel von diesem Wochenende: Jennifer Flay von der Pariser Fiac komme jedes Jahr hierher und suche sich eine Galerie für ihre Messe aus, sagt Huyser. Die Organisatoren haben, wie schon in den Jahren zuvor, Sammler und Museumskuratoren eingeladen und wollen Völkerverständigung betreiben.
Holländische und belgische Sammler treffen in einem speziellen Programm auf internationale Sammler und Kuratoren. Michael Huyser sieht die Messe in Rotterdam als Entdeckermarkt für Kuratoren und Sammler. Und am ersten Tag waren die Direktoren der holländischen Museen auf Einkaufstour bis in den Abend hinein.
Bis 20. Februar, im Cruise Terminal Rotterdam, Wilheminaplein. Täglich von 11 bis 19 Uhr, am Montag von 11 bis 17 Uhr. Eintritt 12 Euro. Katalog 6 Euro.
Text: F.A.Z., 18. Februar 2006
Bildmaterial: Annet Gelink Gallery, Galerie Adler, Galerie Baer
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