Von Angelika Heinick
19. Januar 2008 Wo einst die Postkutschen Station machten und Güterzüge verladen wurden, fahren heute Limousinen vor. Zur Eröffnung der "Foire des Antiquaires" strömt ein elegantes Publikum in die Halle des ehemaligen Rangierbahnhofs "Tour & Taxis" im Brüsseler Norden, wo die belgische Antiquitätenmesse seit vier Jahren stattfindet. Auch mit ihrer 53. Ausgabe gibt die Messe, zu der sich 130 Teilnehmer aus zehn europäischen Ländern - davon 62 aus Belgien - eingefunden haben, dem Jahresbeginn einen glanzvollen Auftakt. Amerikanische Händler waren aufgrund des schwachen Dollars nicht zu gewinnen, dafür entsandte der Pariser Handel die stolze Zahl von 41 Ausstellern.
Die massive französische Präsenz ist ein anerkennendes Zeichen für die Anstrengung des Nachbarn, eine ehemals nationale Messe auf internationales Niveau anzuheben. Das ist für die Brüsseler nicht leicht, da das Weltereignis Tefaf in Maastricht Anfang März manche Galerie von Rang davon abhält, schon im Januar ihr Pulver zu verschießen. So beansprucht die Foire des Antiquaires keine Superlative, aber sehr wohl ihren eigenen Grundton eines vielfältigen Angebots - von Antiken, Ostasiatika, Stammeskunst, Mobiliar und Kunsthandwerk bis hin zur modernen Kunst und zum Design - im Rahmen klassischer Gediegenheit.
Zeitgenossen in Maßen
Die moderne und zeitgenössische Kunst, die noch vor wenigen Jahren auf dieser Messe nicht zu finden war, ist auch hier eindeutig auf dem Vormarsch. Doch möchte man nicht "um jeden Preis" das derzeit modische zeitgenössische Segment entwickeln, erklärt Bernard de Leye, Vizepräsident der Messe. Die knallbunten fotografischen Inszenierungen zum Weltuntergang von David Lachapelle bei Maruani & Noirhomme (Knokke) sowie das Breitformat "Deluge (Final Deluge)" von 2007, Auflage 10, für 53.000 Euro, das den feuchtfröhlichen Zerfall der Konsumgesellschaft zelebriert, bleiben eine augenzwinkernde Ausnahme. Ronny van de Velde (Antwerpen) kann mit nichts weniger als einer Aktstudie Picassos zu den Demoiselles d'Avignon aufwarten: Die großformatige Gouache- und Aquarellzeichnung von 1907 mit kräftigen Pinselstrichen in Orange, Blau und Grün wird mit 750.000 Euro beziffert.
Toulouse-Lautrecs Kreideskizze von zwei Zirkusclowns, "Au cirque, Footitt et Chocolat" von 1895 (150.000 Euro) gehört zu den Neuheiten der Pariser Galerie des Modernes. Die Galerie Oscar de Vos aus Sint-Martins-Latem bei Gent hat sich auf die gleichnamige Malergruppe spezialisiert und zeigt eines der seltenen Gemälde des Symbolisten Gustave van de Woestyne, "Bauern auf dem Feld" von 1942 (450.000 Euro), das die Mühen des Ackerbaus denen der Goldsucher gleichsetzt. Gustave de Smet, ein stärker dem Expressionismus zugewandter Vertreter dieser Gruppe, steht bei Kunstsalon Franke (München) mit dem melancholischen Porträt einer "Frau mit Korb" in einer Dämmerlandschaft von 1939 (195.000 Euro) dem schmucklosen "Bildnis einer Frau im Dreiviertelprofil" gegenüber, das Martin van Heemskerck 1530 in Öl auf Holz fertigte (680.000 Euro).
Studien von Jacques-Louis David
Bei Eric Coatalem (Paris) liefert eine Tusch- und Kreidestudie zum Gemälde "Le Serment du Jeu de Paume" Einblick in Jacques-Louis Davids Arbeitsweise: Die Körperhaltung der beiden Figuren in Gehrock und Mantel wurden zunächst als Akt skizziert (350.000 Euro). Seit jeher lassen Bildhauer ihre Figuren gerne als Paare auftreten: Die Brüsseler Messe bietet eine römische Marmorgruppe zweier sich im Arm haltender Jungen des ersten oder zweiten Jahrhunderts bei Phoenix Ancient Art (Genf) für 165.000 Euro oder das Paar in Zypressenholz geschnitzter japanischer Sumo-Schiedsrichter der Heian- oder Kamakura-Zeit (11. bis 14. Jahrhundert; 80.000 Euro bei Kyoto). Serge Schoffel (Brüssel) führt ein seltenes Paar des Bulul-Stammes aus dem Ifugao-Gebiet auf den Philippinen vor, eine männliche und eine weibliche Holzfigur des 15. Jahrhunderts, die dem Fruchtbarkeitskult dienten (350.000 Euro).
Während Autegarden-Rapin mit drei von Roberto Rida mit Spiegel- und Buntglas bedeckten Kabinettschränken aus dem Jahr 2000 (je 30.000 Euro) dem jüngsten Design huldigt, und die Galerie Vincent Colet (ebenfalls Brüssel) eines der Haefeli-Prototypen des 1927 entwickelten "Elektronstuhls" (42.000 Euro) ins Feld führt, widersteht die Lütticher Galerie Le Couvent des Ursulines dem Zeitgeist mit Mobiliar des französischen Biedermeier unter Charles X. In der Teppichhandlung Vrouyr (Antwerpen) hängt ein indischer Mogul-Teppich des 18. Jahrhunderts mit feinstem, aus Paschminawolle geknüpftem Blumenmuster (95.000). Mit einem Teppich, den die Pariser Galerie Chevalier in Iran nach einem Gemälde von François Rouan ("Ossuaire", 2003) knüpfen ließ, wird die Kunst für 50.000 Euro zum Schmuck für den Boden.
Bis 27. Januar. Täglich von 11 bis 19 Uhr geöffnet, Donnerstag, den 24. Januar, bis 22.30 Uhr. Der Eintritt kostet 20 Euro, der Katalog 10 Euro.
Text: F.A.Z., 19.01.2008, Nr. 16 / Seite 42
Bildmaterial: Alain Marcelpoil, Apelles Art, Bernard De Leye, Christian Vrouyr, Galerie Cybele, Harold t'Kint de Roodenbeke, N. Vrouyr, Pierre Dartevelle, Tanakaya
