Gegenwartskunst

Viel Glamour und keine Steuern

Von Mark Siemons, Schanghai

17. Mai 2008 Seitdem die Kunst vom reinen Luxusgut zur Quelle der Vermögensbildung avanciert ist, wächst in Hongkong das Interesse. Christie's und Sotheby's, die schon seit den achtziger Jahren in der Stadt präsent sind, haben ihren Umsatz seit 2000 von 88 auf 370 Millionen Dollar gesteigert, so dass die Erlöse Hongkong mittlerweile nach New York und London als den drittgrößten Marktstandort der Welt ausweisen. Traditionell stehen dabei chinesische Antiquitäten im Vordergrund, aber der Chinaboom hat den Käuferblick auch auf die Gegenwartskunst gelenkt.

Nun will sich die erste „Hong Kong International Art Fair“ diesen Trend zunutze machen: Sie ist mit 102 Galerien aus neunzehn Ländern die internationalste Kunstmesse, die die Stadt je gesehen hat und das Ergebnis einer Zusammenarbeit von „Single Market Events“, die für die London Fashion Week oder die British International Motor Show verantwortlich sind und „Andry Montgomery“, einer Gruppe von Ausstellungsorganisatoren und Consultants. Messedirektor Magnus Renfrew legt Wert darauf, dass die Messe auch zur Kulturalisierung der Stadt beitragen soll. Denn die Künste spielen in der öffentlichen Aufmerksamkeit Hongkongs bisher eine ungleich geringere Rolle als im Westen.

Gute Resonanz zur Eröffnung

Nun hofft man, mit dem Glamour-Faktor der Branche die Attraktivität entschieden erhöhen zu können und der Kunst einen ähnlichen In-Status zu verschaffen, wie ihn in Hongkong bislang nur Autopräsentationen haben. Das ist natürlich ein schwer zu erreichendes Ziel, aber immerhin erschien am Vernissageabend „tous Hongkong“, wenigstens wenn man darunter seine reichsten und schönsten Vertreter verstehen will. Die Neugier und das Interesse der Besucher sei größer als auf anderen Kunstmessen, die Kauflust indessen, zumindest im niedrigpreisigen Segment, geringer, hörte man immer wieder an den Ständen der internationalen Aussteller. Manche Galerien wie Albion aus London meldeten indessen schon am ersten Tag höhere Erlöse als bei der im vergangenen Jahr inaugurierten ShContemporary in Schanghai.

Feng Mengbos Installation “Q2008“ ist bei Hanartz TZ aus Hongkong zu sehen. “Poured Lines: Blue“ von Ian Davenport aus dem Jahr 2007 bei der Galerie Ingl... Massimo Vitalis Foto “Cantania under the CVolcanoi 2“ von 2007 am Stand von M... Großer Andrang herrschte im Eingangsbereich der ersten Art Hong Kong.

Die Messe in Hongkong rechnet sich einen Standortvorteil dadurch aus, dass sie im Unterschied zur Volksrepublik keine Steuer auf den Import und Export von Kunst erhebt und dass die staatliche Zensur transparenter ist. Wagemutiger als auf dem Festland erscheinen die ausgestellten Objekte jedoch nicht, im Gegenteil. Trotz des internationalen Anspruchs liegt der Hauptakzent eindeutig auf chinesischer Kunst; Inder und Koreaner sind auch prominent vertreten, aber nichts aus Afrika oder dem Nahen Osten. Die qualitativen Unterschiede sind gewaltig: Der zweite und dritte Aufguss von Mao-Pop-Art jeder Art verkauft sich noch immer gut, wie die roten Punkte ausweisen. Aber es sind auch große Stücke wie die abstrakte Tuschemalerei von Wang Dongling bei Goedhuis Contemporary aus New York oder die sinnlichen Videoinstallationen von Lee Lee Nam bei der Galerie Cais aus Seoul zu sehen.

Einige westliche Galerien prunken mit hochpreisiger Moderne, am auffallendsten die neben New York an vier Orten international agierenden Kunsthändler von Marlborough Fine Arts mit Picasso, Gerhard Richter und Bacons „Man at a Washbasin“. Die lokale Szene kritisiert den geringen Anteil von Hongkonger Galerien. Außer einer unbeholfenen Gemeinschaftspräsentation gab nur Grotto Fine Art einen Einblick in die Stadt-Kunst, die vom China-Label noch nicht profitieren kann. Einen Ortsbezug stellen indessen die Gespräche und Konferenzen her, die das Hongkonger „Asia Art Archive“ während der Messe organisiert. Und immer wieder kommt die Frage auf, welche Bedingungen eine Stadt erfüllen muss, damit sie überhaupt als Kulturstadt bezeichnet werden kann.

Bis 18. Mai. Hong Kong Convention and Exhibition Centre. Täglich von 11 bis 19 Uhr geöffnet, am Sonntag, dem 18. Mai bis 17 Uhr. Der Eintritt kostet 150 HK$ (15 Euro), der Katalog 180 HK$.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Art HK 08 , Cais Gallery, Hanartz TZ Gallery, Inglbeby, M+B

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche