Von Rose-Maria Gropp und Catrin Lorch
25. Januar 2008 Wir sagen nicht Weltanschauung, sondern Handel!, erklärte Hein Stünke, als er im Herbst 1967 als Wortführer des Vereins Progressiver Deutscher Kunsthändler das beschrieb, was irritierte Kunstjournalisten einen Jahrmarkt nannten, auf dem zeitgenössische Kunst eine Ware ist, wie Spülmaschinen und Automobile, die sich in Messeständen feilbieten lässt. Den ersten Kölner Kunstmarkt hatte Stünke gemeinsam mit Rudolf Zwirner erdacht; achtzehn Galeristen zählt die Statistik und vermeldet, dass diese in fünf Tagen ein Drittel ihres Jahresumsatzes erzielten.
Schon war der Kunstmarkt ein Modellfall, an dem man Grenzen und Möglichkeiten des Kunsthandels diskutierte. Die Schranken der Exklusivität müssen fallen, forderte Georg Jappe im Gründungsjahr - und eröffnete damit eine Diskussion, die bis heute nicht abreißt: Wie viel Kunst verträgt eine Messe? Wer darf dabei sein? Der Kunstmarkt pendelte während der ersten Jahre zwischen Köln und Düsseldorf; andere Städte kopierten das Konzept: Basel und Paris, später Chicago.
Rasantes Wachstum
Mit dem Einzug in die Rheinhallen der Kölner Messe findet der Kunstmarkt 1983 einen dauerhaften Standort; ein Jahr später heißt er Art Cologne. Aus der Messe der Hundert wird eine Schau mit 160 Teilnehmern, darunter gut ein Drittel aus dem Ausland. Die Art Cologne wird in der Kunststadt Köln zum Museum auf Zeit geadelt. Anfang der neunziger Jahre pilgern 45 000 Besucher dorthin; Mitte des Jahrzehnts sind es fast doppelt so viele. Der Erfolg der marktführenden Veranstaltung macht die Ablehnung von Bewerbern teuer: Im Einzelfall musste die Art Cologne den Abgelehnten bis zu 45 000 Mark zahlen, der Verteilungskampf der Galeristen endete zu oft im Einspruch. Wer sich von der inzwischen etablierten Veranstaltung nicht mehr repräsentiert fühlt, gastiert Anfang der neunziger Jahre auf der Nebenmesse Unfair; 1994 verleibt sich die Art Cologne die Unfair ein.
Das Resultat ist eine Mega-Messe mit knapp 350 Ausstellern. Das Jahr 1996 bringt eine Secession, vor allem renommierte Kölner Galeristen haben im Jahr zuvor das Art Forum in Berlin gegründet. Die dreißigste Art Cologne im Jahr 1996 gerät so zum Spiegel der andauernden Krise: Zwar wurde sie verkleinert - von 348 auf 279 Aussteller -, aber es fehlten eben auch viele der wichtigen kritischen Galeristen. Im Jahr darauf übernimmt die Kölner Messegesellschaft das Unternehmen Art Cologne: Bis dahin war der Bundesverband Deutscher Galerien (BVDG) Veranstalter, der auch die Auswahljury stellte; der BVDG ist von nun an ideeller Träger der Traditionsmesse. Die Koelnmesse installiert 1997 direkt einen unabhängigen Zulassungsausschuss, der aber auch für Aufruhr sorgt.
Rückkehrer aus Berlin
Doch dass die ersten Secessionisten aus Berlin zurückkehren, spricht dafür, dass es sich vor einem Jahrzehnt noch niemand auf die Dauer leisten kann, nicht in Köln dabei zu sein. Als im Jahr 2003 die Frieze Art Fair in London, aus dem Stand ein internationaler Erfolg, die zeitgenössische Szene abgreift, bestellt Köln einen künstlerischen Direktor, den Amerikaner Gérard Goodrow, der zuvor im Auktionshaus Christie's arbeitete. Er soll der Messe wieder ein Profil geben, doch hat er weder den Handlungsspielraum noch die Visionen. Zu langsam setzt Goodrow die alten Forderungen - Verkleinerung, Verjüngung, Konzentration - um und zahlt dafür einen hohen Preis: Die Sonderschau Open Space, von einer Kölner Agentur zunächst als parallele Rheinschau etabliert, muss er in die eigenen Hallen holen: Nur in diesem kostengünstigen Rahmen gastieren die umworbenen jungen und internationalen Galerien.
Unterdessen hat die Messegesellschaft die angestammten Rheinhallen verkauft und die Art Cologne in weniger attraktive Hallen verlegt. Auch der Termin wird, auf Initiative der Galeristen für zeitgenössische Kunst, ins Frühjahr verschoben. Doch während sich Gérard Goodrow mit der Gründung eines Ablegers auf Mallorca - nach dem Vorbild der Art Basel Miami Beach - verzettelt, muss man sich das Vernissagenpublikum der ersten Kölner Frühlings-Messe im Jahr 2007 mit unerwarteter Konkurrenz in Düsseldorf teilen: Die duesseldorf contemporary ist eine vom Verlag Gruner & Jahr subventionierte Veranstaltung in der schuldenfreien Landeshauptstadt, deren Oberbürgermeister Joachim Erwin die Kunst zur Chefsache erklärt hat, während die Stadt Köln sich kaum noch den Unterhalt ihrer Museen leisten kann geschweige denn der kurzfristig verlegten Messe ein Umfeld schaffen.
Aussteller fordern Neuanfang
Obendrein verliert Köln fast monatlich Galerien an Berlin. Das einstige Umfeld der Art Cologne existiert nicht mehr; die verbliebene Kölner Szene macht den künstlerischen Direktor für das schlechte Image der ehemals führenden Messe haftbar. Im November 2007 forcieren Kölner Galeristen - unter ihnen Daniel Buchholz, Gisela Capitain, Christian Nagel und Monika Sprüth - die Krise mit einem offenen Brief. In ihm drohen sie, an der Messe in diesem April (2008) gar nicht teilzunehmen oder nur als Aussteller im Open Space; sie fordern einen Neuanfang - andere Räume, eine neue Leitung, eine Verkleinerung, die Abschaffung der teuren Sonderschauen (von denen Kenner der Lage schätzen, dass allein sie den Etat mit 500 000 Euro belasten).
Beim aktuellen Stand der Dinge ist alles möglich, seit Oliver P. Kuhrt, für die Art Cologne zuständiger Geschäftsführer der Koelnmesse, die Betroffenen im Dezember 2007 an einen Tisch geholt hat. Sogar eine andere Trägerschaft erscheint der Messegesellschaft, die mit der Art Cologne nur schlechte Schlagzeilen einfährt, als denkbare Lösung. Möglicher Kandidat wäre - wieder - der BVDG (dem die Koelnmesse ohnehin noch jährlich 250 000 Euro überweisen muss, weil der Galeristenverband ihr die Art Cologne überlassen hat). Tatsächlich hat der BVDG ein Interesse daran, seinen Mitgliedern einen hochklassigen Messeplatz im Inland zu erhalten. Um eine unabhängige erstklassige Auswahl der Teilnehmer sicherzustellen, wäre die Gründung einer eigenen Gesellschaft für die Art Cologne denkbar.
Favoritin aus der Schweiz
Die gesamte Struktur der Kölner Kunstmessen steht in diesen Tagen also zur Disposition - auch der Fortbestand der Cologne Fine Art und des wenig erfolgversprechenden Ablegers Art Cologne Palma de Mallorca. Doch während die Buchprüfer arbeiten, während Führungspersonal gesucht und täglich über Konzepte verhandelt wird, wird es immer dringlicher, einen handlungsfähigen Messedirektor für die 42. Art Cologne zu präsentieren, die am 15. April ihre Vernissage feiern will. Wunschkandidatin ist schon seit dem November vergangenen Jahres Eva-Maria Häusler, bislang bei Sam Kellers Erfolgsmodell Art Basel die Show-Managerin. Eine Entscheidung in dieser Frage wird Anfang der kommenden Woche erwartet.
Unterdessen laufen die Sitzungen des Auswahlkomitees weiter, aus dessen Kreisen verlautet, man werde dieses Mal besonders hart jurieren. Vom glücklosen künstlerischen Direktor Gérard Goodrow hört man seit Dezember schon nichts mehr; es gilt in Köln als nicht unwahrscheinlich, dass er mit einer Abfindung rechnen darf. Doch solang noch keine vernünftigen Konzepte stehen, nutzen sogar Galeristen, die dem Rheinland in leidvoller Treue verbunden sind, das Vakuum - und melden sich gar nicht erst zur Teilnahme an der Art Cologne an. Und ein anderer Klassiker lockt: die seit dem Umzug ins Grand Palais erstarkte Moderne-Messe Fiac in Paris. Da ist doch noch die alte Nähe der rheinischen Sammlerszene zum Nachbarn.
Text: F.A.Z., 26.01.2008, Nr. 22 / Seite 47
Bildmaterial: koelnmesse
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@ Gordian Hense (Klar_und_hell) Herr Hense, ich zitiere Sie:
22:05Verfallsmöglichkeit des Wissens? Zugangsschwierigkeiten?
20:31