Art Basel Miami Beach

Die heißen Tage von Miami

Von Swantje Karich

Mary Boone zeigt Barabra Krugers Vinyldruck “Untitled“ von 2007.

Mary Boone zeigt Barabra Krugers Vinyldruck "Untitled" von 2007.

11. Dezember 2007 Miami galt Anfang der achtziger Jahre als Sündenpfuhl Amerikas. Diese Zeiten sind längst vergangen. In diesen Tagen geht die Stadt in Florida mit ihren 1,5 Millionen Einwohnern eher im Kunst- und Partytaumel unter, der die Art Basel Miami Beach begleitet. Und während die 200 - aus 850 Bewerbern ausgewählten - Teilnehmer aus den Vereinigten Staaten, aus Kanada und Lateinamerika, aus Europa, Asien und Afrika noch gespannt auf die Kundschaft warteten, während die Privatjets im Minutentakt einschwebten, war in Hotels und Gebäuden von Miami schon ein Paralleluniversum entstanden: 21 Nebenmessen durchziehen die Straßen in diesem Jahr; 2006 waren es noch elf. Die Satelliten mit mehr als 1115 Galeristen buhlen um die wertvolle Aufmerksamkeit der angereisten Sammler - wer soll da noch durchblicken?

Der Fokus richtet sich also wieder auf die Muttermesse im Convention Center von Miami. Hier ist man sich selbst genug, in acht Kategorien, darunter die „Art Kabinetts“, One-man-shows auf der Messe, und die „Art Supernova“, zwanzig ganz junge Galerien, die in einer kleinen Sonderschau zusammengestellt sind. Als „Art Positions“ sind wieder zwanzig junge Galerien am Strand versammelt, die in Containern ausstellen. Ein wenig Melancholie war am Eröffnungstag zu spüren: Die sechste Ausgabe der Art Basel Miami Beach ist die Abschiedsvorstellung ihres Erfinders und Chefs Samuel Keller; er wechselt als Direktor zur Fondation Beyeler nach Riehen.

Ehrungen für Samuel Keller

Die Stadt Miami hat Samuel Keller als Dank für sein Engagement einen Orden verliehen; der 5. Dezember wurde offiziell zum Sam-Keller-Tag ausgerufen. Als Präsident der beiden Messen, Art Basel und Art Basel Miami Beach, wird er ja weiter an deren Geschick beteiligt sein, auch wenn er in vielen Interviews versichert, keine Kontrollfunktion einnehmen zu wollen. Skepsis herrscht noch bei manchen, wie es mit der Dreierspitze im Jahr 2008 weitergehen wird: Bei der Eröffnung waren Kellers Nachfolger Marc Spiegler, Cay Sophie Rabinowitz und Annette Schönholzer noch hinter ihm aufgereiht und kamen noch nicht zu Wort. Ihr Erbe ist nicht ganz leicht.

Die Verkaufsergebnisse gleich der ersten Stunden belehrten die Vorsichtigen eines Besseren, die rückläufige Zahlen wegen des schwachen Dollars befürchteten. Schon nach wenigen Gesprächen verzeichneten einige Galeristen ausverkaufte Stände. Die allgemeine Beobachtung war jedoch eindeutig: Die Geschäfte gehen dieses Jahr langsamer. Wenn Qualität und Preis stimmen, ergeben sich aber auch mit den amerikanischen Sammlern gute Verhandlungen, so der Tenor. Einige Galeristen äußern sich sogar froh darüber, dass sich die Schlussverkaufsstimmung der vergangenen Jahre bei einem gesunden Maß einzupendeln scheint.

Kunstrausch mit guten Verkäufen

Wirklich lohnte es sich schon bald nicht mehr, nach dem Preis zu fragen - die Antwort lautete häufig: Sorry, it is sold. I can't tell you the price. Jonathan Meese, vertreten von Contemporary Fine Arts aus Berlin, war der meistgehörte Name auf der Wunschliste (Preise zwischen 8000 und 50.000 Euro). Friedrich Christian Flick sah man bei Hauser & Wirth für einen sechsstelligen Dollarbetrag Christoph Büchels Installation „Trainingground for Democracy“ von 2007 erwerben; die Arbeit soll künftig in der Flick-Collection im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen sein. Jean-Christophe Ammann wandelte kunsttrunken durch die Gänge und war von der Klassischen Moderne ganz berauscht: Bei Landau Fine Arts aus Montreal habe er einen „ungeheuren Klee“ - „Rhythmus der Bäume“ von 1940 (1 Million Dollar) - gesehen; das sei ein Wahnsinn; und Kicken aus Berlin sei ja auch wieder mit seinen Spitzenfotos von Helmut Newton angereist. Für den Klee besteht Interesse, so heißt es bei Landau, verkauft ist er noch nicht. Auch für Dubuffets „Henry Michaux Acteur japonai“ von 1946 wird mit der Galerie noch um den Preis von 6,5 Millionen Dollar verhandelt.

Die 58 Galeristen der „Art Nova“, die aus 22 Ländern kommen, können sich die hohen Standmieten nicht leisten und bilden in bescheidenen kleinen Kojen einen Kreis um diese kapitalen Stände. Unter diesen vollzieht am Eingang Deitch Projects aus New York den glamourösen Begrüßungsakt mit Jeff Koons. Hier haben überhaupt die New Yorker Galerien ihren Platz. Zu ihnen gehört natürlich auch David Zwirner, bei dem eine hervorragende Arbeit von Michaël Borremans hängt: „The Mother“ von 2007 misst nur dreißig mal 35 Zentimeter, entwickelt aber durchaus eindrucksvolle Kraft (80.000 Dollar). Neo Rauch lässt bei David Zwirner nach „Gold“ graben (2003; 1,2 Millionen Dollar), und Luc Tuymans zeigt auf dem Gemälde „St. Croce“ das verhärmte Gesicht einer Nonne (2005; bereits verkauft).

Eröffnungsgedränge mit Rockern

Auch im Gemeinschaftsstand der Handlungen Marlborough Fine Arts, New York, und Krugier, Genf, konnte man am Eröffnungsabend keinen Fuß mehr vor den anderen setzen. Am Eingang zum Stand wachte eine Security-Frau über die Werke, darunter ein kapitaler Francis Bacon, bullige Fernando Boteros oder die schöne Graphik „Le voyeur“ von Picasso aus dem Jahr 1933. Prominente Besucher aus der kunstaffinen Musikszene waren Lou Reed und Iggy Pop; Tony Bennett und Lenny Kravitz folgten. Später dann wurde auch der Architekt Jaques Herzog gesichtet. Noch am selben Abend rockte Iggy Pop am Strand von Miami vor Hunderten von Zuschauern.

Braucht Damien Hirst Geld? Seine Londoner Galerie White Cube bietet eine Fotografie seines brillantenbesetzten Schädels „For the Love of God“ an: Wer den Druck, mit Diamantstaub überzogen, besitzen will, muss stolze 10.000 Pfund bezahlen. Hirsts Schädel ist in einem adäquaten Umfeld gehängt: Eine der Vitrinen mit Kriegsszenerien von den Chapman-Brüdern war schnell verkauft; Mona Hatoums unheimliches Bettgestell sucht noch einen Liebhaber für 325.000 Pfund. Bei der Galerie Sikkema Jenkins verstört Kara Walker mit ihrem Scherenschnitt „Mississippi Mud“ von 2007 die gutgelaunten Gäste (300.000 Dollar). Jonathan Monks drei Meter hohes Gemälde „Dear painter paint me again and again“ ist eine Hommage an Kippenberger, zu finden bei Yvon Lambert aus Paris (50.000 Dollar). Xavier Hufkens hat aus Brüssel seinen prominenten Hauskünstler mitgebracht: Erwin Wurm führt hier Regie mit einer Ansammlung seiner komischen Skulpturen, dabei auch ein gebogenes „Boot“ für 60.000 Dollar. Sensibel sind seine neuen Zeichnungen, „Die Theorie der Arbeit“ lohnt sich für 4000 Dollar.

Robert Indiana lässt glühen

Zeno X aus Antwerpen hat eine überraschende Skulptur von Mark Manders, „Figure with an ornament“, für 35.000 Dollar schon verkauft. Kasmin aus New York zieht die Blicke auf sich mit Robert Indianas zwei Meter hohem Glühbirnen-Verwirrspiel „The electric EAT“ aus dem Jahr 1964. Mit Sternen vor den Augen vom Flackern der Lichter lohnt ein Abstecher zu der „Art Nova“-Präsentation der Galerie Podnar aus Ljubljana: Tobias Putrih ist dort mit einer filigranen Holzskulptur vertreten; aus feinen Stäben hat er ein hochdekoratives Gesteck mit dem Titel „Modena“ (22.000 Dollar) geschaffen, das in der Gesamtansicht an die Farbfelder von Josef Albers erinnern.

Sensationell fräst sich eine „Guantánamo-Zelle“ von Gregor Schneider in den Raum der Galerie von Konrad Fischer aus Düsseldorf: „X.Ray No. 5“ erhofft sich einen Platz in einer der bekannten Sammlungen von Miami (240.000 Dollar); die Reaktionen auf die Amerika-kritische Kunst aus Deutschland sind jedoch gemischt. Zu den beliebteren Stücken gehört da Tom Sachs' monumentale, zweieinhalb Meter breite Pyrographie einer Dollar-Note aus diesem Jahr; sie wird ihren spendablen Käufer an den schlechten Dollarkurs erinnern, der freilich für die Europäer die Reise preisgünstiger macht. Ein Star auch dieser Messe ist der indische Künstler Subodh Gupta, Jahrgang 1964. Bei Bernier aus Athen hat er Rollwagen und zwei Koffer aus Aluminium und Bronze zu seiner Skulptur „Von Kuwait nach Delhi“ zusammengeführt; selbstverständlich ist auch sie bereits verkauft. Für vier Millionen Dollar hängt bei Bernier außerdem ein poetischer Philip Guston, „Desire“ von 1978.

Beruhigung die Gutes tut

Der Hunger auf Kunst ist ungestillt in Miami. Die Lust auf Partys scheint etwas abgeflaut: Die heißen Tage von Miami, die nun seit fünf Jahren zu den Legenden auf dem weltweiten Kunstmarkt gehören, laufen im sechsten Jahr der Schau wohl ein wenig bedachter ab. Was nur gut für die Kunst sein kann. Die Art Basel Miami Beach nähert sich einer Zweitausgabe ihrer älteren Schwester in der Schweiz an.

Noch bis Sonntag, den 9. Dezember, im Miami Beach Convention Center, Messehallen A und D. Geöffnet von 12 bis 20 Uhr. Eintritt 30 Dollar, Katalog 50 Dollar.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: David Zwirner, New York/Zeno X, Antwerp, David Zwirner, New York/Zeno X, Antwerp US, Karich, MCH Swiss Exhibition (Basel/Zurich) AG

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Wie von Geisterhand bewegte Venus Xu Zhens bei der ShangART Gallery.Begehrter Schein: Tom Sachs' “Dollar Bill“ von 2007 bei Sperone Westwater Damien Hirsts Druck “For the Love of God“ bei White Cube (10.000 Pfund) Bildgewaltig: Michaël Borremans Acrylgemälde “The Mother“ aus diesem Jahr (80.000 Dollar)Die Galerie Podnar zeigt Tobias Putrihs Holzskulptur “Modena“ (22.000 Euro).Ugo Rondinone bespielte die Koje der Galerie Presenhuber mit Skulpturen und einer monumentalen Landschaftszeichnung. Luc Tuymans blasses Bildnis einer Nonne von 2005, auf 67 mal 51 cmBei Bernier/Eliades: Philip Gustons Gemälde “Desire“ aus dem Jahr 1978