Art Basel 2009

Sie ist nicht zu schlagen

Von Swantje Karich

Giacomettis „Trois hommes qui marchent I“ von 1948/50, 72 Zentimeter hoch, kosten bei Landau Fine Art 18,5 Millionen Dollar.

Giacomettis „Trois hommes qui marchent I“ von 1948/50, 72 Zentimeter hoch, kosten bei Landau Fine Art 18,5 Millionen Dollar.

17. Juni 2009 Daumen rauf, Daumen runter. Der Kunstmarkt legt aktuell einen Rodeoritt hin. Der wirtschaftlichen Lage kann sich auch die Art Basel, die bedeutendste Kunstmesse der Welt, nicht entziehen. Doch am Eröffnungstag spiegelt sich die Rezession - wenn überhaupt - in künstlerischen Inhalten wider. Michael Sailstorfer versucht sich bei der Galerie Perrotin aus Paris mit „Thumb“ von 2009 gar nicht erst an einer Prognose: Seine angestrahlte Gummihand mit ausgestrecktem Daumen rotiert langsam und wirft mal positive, mal negative Zeichen an die Wand. Übung im Bullenreiten gibt es vom Künstlerduo Clegg & Guttmann: Sie haben im Freestylepark der Messe, auf der Sonderschau Art Unlimited nämlich, einen mechanischen Bullen aufgestellt, den der Besucher an einem Steuerknüppel selbst lenken kann. Sie nennen das ganze Werk „Cognitive Exercise“. Erkenntniswillige Reiter wurden aber noch nicht gesichtet.

Erkenntnispotential gibt es hingegen genug auf dieser vierzigsten Ausgabe der Art Basel: 300 Galerien zeigen Kunstwerke von mehr als 2500 Künstlern. Und auch für das Jahr 2009 gilt: Die Art Basel ist stark wie eh und je. Die Direktoren Annette Schönholzer und Marc Spiegler setzen selbstbewusst auf Altbewährtes; einen Rekordumsatz erwartet jedoch niemand. 75 Galerien sind aus den Vereinigten Staaten angereist, 56 aus Deutschland, 33 aus der Schweiz, 28 kommen aus Großbritannien, 26 aus Frankreich, 22 aus Italien.

Brad Pitt in den Messegängen

Insgesamt ist die Art Basel, wie schon traditionell, eine von Europa und den Vereinigten Staaten dominierte Veranstaltung, auch wenn jeweils ein Aussteller aus Argentinien, Indien, Israel, Russland, Südafrika und der Türkei teilnimmt. Am Eröffnungstag sorgte der Filmstar Brad Pitt für Rumor, als er durch die Gänge streunte. An das teuerste Kunstwerk der Messe wagte sich der Schauspieler aber wohl nicht: Das ist Warhols elf Meter langes Bild „Big Retrospective Painting“ aus dem Jahr 1979 für achtzig Millionen Franken - einziges Werk am Stand des Zürcher Galeristen Bruno Bischofberger.

Das Meer glitzert im Erdgeschoss in Halle 2.0 am Stand von Timothy Taylor aus London: Dort hängt „Sparkling Sea“ von Alex Katz aus dem Jahr 2007 (280.000 Dollar). Sechsstellige Preise sind in diesem Teil der Art Basel die Regel, Millionenwerke keine Seltenheit; denn hier sind die wichtigen Händler zu finden, die Werke der Klassischen Moderne und die hochpreisigen Zeitgenossen. Bei Landau Fine Art aus Montreal marschieren drei dürre Männer von Alberto Giacometti auf: „Trois hommes qui marchent I“ (Auflage 4/6) von 1948/50 kosten 18,5 Millionen Dollar. Ein überdimensionierter versteinerter Apfel in felsiger Landschaft von Magritte, „La Parole donnée“ von 1950, verlangt bei Landau 2,5 Millionen Dollar.

Verpackte Warhol-Schachteln

Michael Werner zeigt Yves Kleins „Untitled Fire Painting (F 90)“ von 1961 für 675.000 Euro, Baselitz' „Zwei schwarze Bäume“ von 1986 für 850.000 Euro. Picabias gibt es mehrere, seinen „Nu de Dos“ von 1942/44 für 2,2 Millionen Euro. Ammann aus Zürich verpackt Warhols „Kellogg's Cornflakes“-Schachteln lieber in Plexiglas-Boxen, ein skurriler Anblick. An dem Stand trugen schon am Eröffnungstag einige Werke rote Punkte, der größte von ihnen klebt neben Barbara Krugers Arbeit „I shop therefore I am“ von 1987.

Ein wenig versteckt hängt hier auch Agnes Martins „Words“ von 1961 für 1,1 Millionen Euro. Nebenan bei Gagosian geht es munter weiter mit den Millionenpreisen, während Richard Prince' Zigaretten-Cowboy gelassen seinen Schimmel reitet. In einem Separée versammelt Gagosian vier kapitale Werke von Giacometti und Picasso, die zusammen ganz sicher mehr als zehn Millionen Dollar kosten.

Gerhard Richters „Wolke“

Giacometti ist überall in Basel. Die New Yorker Galeristin Marian Goodman brilliert mit Baldessari, gefeiert aktuell auf der Biennale in Venedig für sein Lebenswerk. L&M, ebenfalls New York, haben keine Scheu, ihre Preise anzuschreiben: Sie stehen auf (fast) jedem Schild und zeigen nur Dollarmillionen. Ohne offiziellen Preis ist aber Gerhard Richters Triptychon „Wolke“ von 1970; es soll auf Anfrage 4,8 Millionen Dollar bringen. Philip Guston ist mehrfach präsent: McKee aus New York zeigt „Blue Sky & Green Sea“ von 1977. Auf Marlene Dumas' großformatiger „Electra“ von 2000 streckt eine junge Frau ihr nacktes Bein durch die Gitterstäbe einer Zelle: bei Acquavella für vier Millionen Dollar.

Perrotin aus Paris und Deitch aus New York präsentieren sich als Verbündete: Sie residieren in Halle 2.1, wieder in besonders geräumigen Kojen. Bei Deitch beobachtet Francesco Clementes „Diana Damrau as Lucia“ von 2008 (250.000 Dollar) die Szenen, die sich vor einer kleinen Kammer abspielen: Perrotin zeigt dort die sinnfreie Gemeinschaftsproduktion „The Simple Things“ von Takashi Murakami und Pharell Williams, von Manga-Künstler und Hip-Hop-Produzent also.

Im Maul eines „Mr. Dob“-Kopfs aus Fiberglas stehen Babylotion, Muffin, Mini-Turnschuh und eine etwas klein geratene Dose Pepsi aus Gold und Platin, alle mit Diamanten, Smaragden und Saphiren beklebt. Perrotin hat für das Ensemble schnell einen Liebhaber gefunden (dem Vernehmen nach für 2 Millionen Dollar). Wer's weniger glitzernd mag, findet bei Deitch Warhols Gemälde „Reagan Budget“ von 1985/86 (125.000 Dollar).

Raketenstarts in Serie

Vorbei an der Berliner Galerie BQ mit Werken von Dirk Bell - für „Nacht Acht Acht“ hat sich hier die Ankaufskommission der Bundesrepublik entschieden -, erreicht man den Hauptgang von Halle 2.1. Bei Guerra aus Lissabon zieht eine Videoinstallation von Rui Toscano die Blicke auf sich: Auf einem kleinen Bildschirm starten in schnellen, harten Schnitten Raketen Richtung Unendlichkeit; „The Right Stuff“ von 2008 kostet 13.000 Euro. Richtigen Stoff hat Rirkrit Tiravanija bei Gavin Brown aus New York aufgehängt: Seinen durchlöcherten schwarzen Wollpullover über weißem T-Shirt nennt er „Untitled 2008 (all those days in New York)“.

Als kleine Bronze-Skulptur mit Gold patiniert, steht Larry Gagosian unter einer Glasglocke und sieht doch arg clownesk aus: Jonathan Horowitz hat sich an dem Kunsthändler abgearbeitet (Preise auf Anfrage.) Regen Projects aus Los Angeles widmen ihre größte Fläche Blättern von Raymond Pettibon; er mischt die Evolutionslehre mit Sex und Mickey Mouse auf (Preis nur auf Anfrage). Friedrich Petzel aus New York/Berlin zeigt Maria Lassnigs Gemälde „Fraternité“ von 2008 (300.000 Euro); die neunzigjährige Malerin, bisher stets ohne Galeristen, wird heute von den Global Players Hauser & Wirth und Petzel vertreten. Bei Casey Kaplan aus New York füllt der Biennale-Teilnehmer Liam Gillick dekorativ eine lange Wand mit seinen Alu-Gittern (je 45.000 Dollar). Überhaupt tauchen allenthalben Venedig-Künstler in Basel auf.

Eine lederne Stadt

Aus Tierhaut genäht und gebastelt hat Liu Wei eine ganze Stadt auf der anderen Seite der Halle 2.1, bei Boers-Li aus Peking, und ihr den Titel „Barriers and Belief“ gegeben; der Preis stehe noch nicht fest, sagt der Galerist gelassen. Humorvoll geht es auch bei der Kerlin Gallery aus Dublin zu: David Goldbolds Wandcollage lenkt von der neuen Ernsthaftigkeit ab; Jesus zum Beispiel kämpft dort mit einem Drogenrausch (3500 Euro je Blatt). Foksal aus Warschau zeigt das eigenwillige Video „Because“ von Cezary Bodzianowski, das während eines Rom-Aufenthalts entstand (10.000 Euro): Der Performance-Künstler versucht die Aufmerksamkeit zweier Putti für sich zu gewinnen, erfolglos.

Klosterfelde aus Berlin präsentiert Christian Jankowskis Film „Strip the auctioneer“ (Auflage 5+2; 20.000 Euro), der während der Art Basel Miami Beach 2008 entstand und die Partyfrenetik bezeugt. Metro Pictures aus New York zeigen neben anderem ein träumerisches kleines Acrylbild von Andreas Hofer; es zeigt „Batman of the Future“ (40.000 Euro). Bärbel Grässlin aus Frankfurt übertrifft alle Kippenberger-Angebote: Bei ihr hängt „Ohne Titel (Meine Lügen sind ehrlich)“ aus dem Jahr 1992 für 1,7 Millionen Euro, Einblick in den ganzen Kippenberger-Kosmos. Verkauft hat sie schon Arbeiten von Imi Knoebel, Herbert Brandl oder Georg Herold.

Verlässt man nach all dieser hochpreisigen Kunst die Halle 2 Richtung Halle 1 und Art Unlimited, lohnt dort auch ein Besuch bei den „Statements“, der Plattform für junge Künstler: Herausragend sind Pawel Ksiazeks Sound-und-Bild-Installation „Silent Utopia“ bei ZAK/Branicka, Nina Könnemanns Video „Fence“ bei Günther aus Hamburg und bei der Galerie Jongma aus Amsterdam Guido van de Werves Installation „Number twelve“ mit einem Schach-Klavier: Bei dem surrealen Spielgerät erklingen Töne, wenn man einen Zug auf dem Schachbrett macht. Nach einer Phalanx von mehr als 300 Galerien summt der Kopf von so viel Qualität, und es bleibt da nur eine Erkenntnis: Der Parcours auf der Art Basel 2009 ist unschlagbar. Da kann die Messe auch mal den einen oder anderen Rodeoritt aushalten.

Bis 14. Juni in den Messehallen 1 und 2. Geöffnet von 11 bis 19 Uhr. Eintritt 38 Franken, Katalog 65 Franken; Katalog zu Art Unlimited 40 Franken.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Art Basel, Blum & Poe, Boers-Li/Karich, Cristina Guerra Contemporary Art, Deitch, Galerie Emmanuel Perrotin, Gavin Brown's enterprise/Karich, Haas & Fuchs, Landau, Metro Pictures, Michael Werner/Granzeuer, Nelson-Freeman/Karich, Regen Projects/Raymond Pettibon/Joshua White, Stephen Friedman/Karich

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