Pavillon des Arts et du Design und Art Paris

Wäschekommode in Halbmondform

Von Angelika Heinick, Paris

05. April 2008 Der Pavillon des Arts et du Design und die Art Paris haben sich als komplementäre Pariser Frühjahrsmessen etabliert. Art Paris, vor zehn Jahren als Gegenmesse der Fiac ins Leben gerufen, ist mit zeitgenössischer Kunst ins Grand Palais eingezogen; der Pavillon des Arts et du Design hat wieder sein weißes Zelt in den Tuilerien aufgeschlagen. Zeitgenössische Kunst und Design bilden ein bewährtes Paar, seit die Fiac vor ein paar Jahren einige ausgewählte Galerien für Design aufgenommen hat. So dürften die beiden Messen als Parallelveranstaltungen ohne weiteres die gewünschten Synergien freisetzen. Seit 1997 setzt der Pavillon auf den unnachahmlichen Pariser Chic: Die anfängliche Mischung von Kunstschreinermobiliar des 18. Jahrhunderts mit Flohmarktkuriositäten oder bunter Barbotine-Keramik des späten 19. Jahrhunderts mit Art Brut war ein Genuss für unvoreingenommene Kunstliebhaber, aber wirtschaftlich auf die Dauer nicht haltbar.

Mit der im vergangenen Jahr vollzogenen „strategischen Wende“ zum „Grand Siècle du Design“ hat der Pavillon seine Zielgruppe klar definiert: Es gilt, eine der Gegenwartskunst zugewandte Sammlerschicht zu gewinnen. Das Angebot der rund achtzig hauptsächlich französischen Galerien umfasst die Zeit zwischen 1860 und 2008 mit einer spürbaren Verschiebung des Schwerpunkts vom Jugendstil und Art déco hin zu zeitgenössischem Design. Yves Gastou beispielsweise, renommierter Händler für französisches Mobiliar der vierziger Jahre, hat eine aerodynamisch geformte Kommode der Architektin Zaha Hadid von 2007 ins Zentrum seiner Koje gestellt; eine grün schimmernde undefinierbare Masse aus Glasfaser mit Schubladen, die in der Karosseriewerkstatt von Aston Martin lackiert wurde (Auflage 8, 100.000 Euro). Zeitgenössisch, aber in einer in Jahrtausenden verfeinerten Technik gefertigt sind die Keramiken des „Maître d'art“ Jean Girel, Gefäße von schlichter Form mit bezaubernden, von den Landschaften des Malers Joachim Patinir inspirierten Farben (bei Arcanes zwischen 600 und 4000 Euro).

Ausgewähltes junges Design

Franck Laigneau präsentiert eine minimalistisch inszenierte Auswahl skandinavischer Möbel des frühen 20. Jahrhunderts und einen herrlich gemaserten Ahorntisch des schwedischen Architekten Wahlman im „Wikinger-Stil“ für 32.000 Euro, und der New Yorker Sebastien Barquet kann mit einem Couchtisch von 1981 aus dem polierten Querschnitt einer Ulme des japanisch-amerikanischen Designers Georges Nakashima aufwarten (240.000 Euro), während die Galerie Mathivet mit einer halbmondförmigen, rot lackierten Wäschekommode von André Groult aus den zwanziger Jahren (120.000 Euro) die Blicke auf sich zieht. Die bildende Kunst, leider nicht nur mit vorteilhaften Beispielen präsent, hält einige Entdeckungen bereit wie die großformatigen zeichnerischen Entwürfe des Keramikers Jean Mayodon von 1937 für einen monumentalen Keramikwandschmuck mit Szenen griechischer Fabelwesen, „Triptychon pour un boudoir“, die bei Jean-François Chabolle zwischen 15.000 und 35.000 Euro kosten. Eine entrückte Darstellung des „Heiligen Sebastian“ in einer Muschel, eine Aquarellzeichnung von Odilon Redon für 65.000 Euro, erscheint bei der Galerie des Modernes wie eine Reminiszenz an ein anderes Zeitalter.

Die Art Paris vereint unter der Glaskuppel des Grand Palais 115 Galerien, davon 48 aus dem Ausland. Die Messe zügelte ihren internationalen Ehrgeiz, da ihr Stammpublikum aus einer konservativen französischen Sammlerschicht besteht. Art Paris, die im vergangenen November erfolgreich nach Abu Dhabi expandierte und für 2009 eine Messe im chinesischen Shenzhen plant, hat indessen gegenüber der zu internationalen Superlativen aufstrebenden Fiac eine klare Identität gefunden: Man setzt auf Malerei, Fotografie und Bildhauerei in gängigen Formaten und opfert in Maßen dem Gefälligen; aufwendige Installationen sucht man vergebens. Der Pariser Daniel Templon hat mit Kehinde Wileys „Le Christ mort couché sur son linceul“, eine zeitgenössische Interpretation in Öl auf Papier eines Gemäldes von Philippe de Champaigne, das Werk eines Jungstars der New Yorker Szene dem Eingang gegenüber aufgehängt und gleich verkauft (50.000 Dollar).

Eine Szene von Julian Schnabel

Forsblom aus Helsinki zieht mit einer auf Leinwand projizierten, mit Sprayfarbe und Kunstharz übermalten chinesischen Palastszene von Julian Schnabel zu Felde (2007, 370.000 Euro), während der Spanier Juan Genovés bei Gomez Turu aus Barcelona mit „Movimientos“, eine Mischtechnik auf Leinwand von 2007, anhand von Farbklecksen und -spuren aus der Ferne die Illusion sich bewegender Silhouetten erzeugt (77.000 Euro). Françoise Paviot setzt sich für eine schwer zu entschlüsselnde neunteilige Fotoserie „Zone - Hommage Andrej Tarkowskij“ von 2001 von Dieter Appelt ein (Auflage 3, 40.000 Euro), als Schwarzweißserie ebenso eine Ausnahme im farbenfrohen Ambiente der Messe wie die engagierten Wandobjekte von Lamia Ziadé bei Tanit aus München, die den „Hotelkrieg“ in Beirut in Papier nachgeformt hat (3000 Euro). Die großen Klassiker der Ecole de Paris wie Hans Hartung mit dem Gemälde „T1962-L17“ (bei Brimaud, 330.000 Euro) oder der Nouveaux Réalistes wie Tinguely mit einer hübschen „Wassermaschine“ oder „Fontaine-CNAC N°1“ von 1962 bei Renée Ziegler aus Zürich für 400.000 Euro schüren die Nostalgie einer Epoche, als Paris noch Zentrum des Kunstmarkts war und so extravagante Persönlichkeiten barg wie die stets als Mann gekleidete Künstlerin Yolande Fièvre, deren Assemblagen von Hölzchen, Wurzeln und Kieseln in flachen Glaskästen - der Dichter Jean Paulhan nannte sie „Oniroscopes“ - wie „Corps profane“ (bei Di Meo für 40.000 Euro) heute auf dem Markt eine absolute Rarität sind.

Bis 6. April. Pavillon des Arts et du Design. Täglich von 11 bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 15 Euro. Kein Katalog.

Bis 7. April. Art Paris. Täglich von 11 bis 21 Uhr geöffnet, am Montag von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 15 Euro, der Katalog 20 Euro.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Guy Pieters

 
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