Art Cologne 2008

Die Ruhe vor dem nächsten Sturm

Von Swantje Karich

18. April 2008 Es ist der erwartete Zwischenzustand geworden, in dem sich die Art Cologne derzeit bewegt. Aber es ist gar nicht so schlimm, nach all den Querelen; es ist erst mal die Ruhe vor dem nächsten Sturm. Die Situation - hoffnungsfroh oder apokalyptisch; die Meinungen gehen da weit auseinander. Die Zeiten jedenfalls, in denen sich Gérard Goodrow für die Belange der Veranstaltung verantwortlich fühlte, sind vorbei: Bei der Eröffnung sah man den ehemaligen künstlerischen Direktor der Messe gutgelaunt Werbung für seinen neuen Arbeitgeber, das Auktionshaus Phillips de Pury & Company, machen. Und Daniel Hug, der neue Mann für Köln aus Los Angeles, fühlte sich auch noch nicht angesprochen, wenn es um die aktuelle Ausgabe geht; erst im Mai bricht seine Zeit an.

Derweil spielen die 200 Galerien aus 23 Ländern - noch einmal wurde die Schau um vierzig Teilnehmer reduziert - erfrischend gelöst auf. Allein fünfzig davon sind allerdings im „Open Space“ vereint, für den eine andere Jury verantwortlich zeichnet. Das Komitee der eigentlichen 42. Art Cologne hat ordentlich gewählt, aus einem eher nationalen Pool, der ihm noch zur Verfügung stand. Auffallend gut sortiert ist die Kategorie „New Talents“, die ehemals „Förderkojen“ hieß: Valerie Krause bei Holtmann aus Köln oder auch Agnieszka Kalinowska bei Nächst St. Stephan aus Wien, Grit Hachmeister bei Fiebach & Minninger aus Köln oder Gregor Russ bei Ruzicska/Weiss aus Düsseldorf. Hier findet sich die Gegenwart - wie sonst eben nur im Open Space, dem eigenständigen Erlebnispark innerhalb der Messe, der durch seine Ausweitung auf 3000 Quadratmeter seine Wirkung noch einmal stark ausbauen konnte. Hier ist wohl auch die Zukunft der Art Cologne selbst vorzubesichtigen; denn hier ist Daniel Hug zu Hause, hier wird Kunst nach seinem Geschmack gezeigt, hier hat diesmal seine eigene Galerie einen letzten Auftritt, mit der Künstlerin Hanna-Mari Blencke.

Rund um den Open Space

Doch wie präsentiert sich die Traditionsmesse beim Rundgang durch die Hallen 4 und 5? Es ist immer noch ein eindrucksvoller Weg durch die jüngere Kunstgeschichte, der sich ausgesprochen entspannt abschreiten lässt. Im Erdgeschoss der Halle 4 gruppieren sich um den Open Space wichtige etablierte Galerien, Schmela aus Düsseldorf, Bärbel Grässlin und Wilma Tolksdorf aus Frankfurt oder Thomas Zander aus Köln. Auch im Obergeschoss reicht das Spektrum von der Nachkriegskunst bis in die Gegenwart. In der Halle 5 tritt die Klassische Moderne geschlossen an: Henze & Ketterer aus Wichtrach/Bern, Nothelfer aus Berlin, Melsheimer aus Köln und Salies & Vertes aus Salzburg bilden da eine Gruppe im Zentrum.

Das wohl teuerste Bild der Art Cologne 2008 hängt bei Henze & Ketterer: Kirchners „Halbakt mit erhobenen Händen“ von 1910 für 5,5 Millionen Euro. Salis & Vertes bieten „Seerosen“ von Nolde aus dem Jahr 1917 im Originalrahmen, gefertigt vom Künstler, für 2,5 Millionen Euro an. Utermann aus Dortmund hat Rohlfs' attraktives Aquarell „Glühende Gewitterwolke“, um 1937, mitgebracht (94 500 Euro). Die Verkaufsmeldungen ließen nicht lange auf sich warten, bereits am Tag der Vernissage. Schlichtenmaier aus Grafenau etwa berichtet: Wilhelm Nays „Lob des Grau“ aus dem Jahr 1952 brachte 130.000 Euro, Geigers Gemälde „E 190“ von 1952 gute 75.000 Euro, und Antes' „Gelbes Bild - (weiße) Figur“ von 1969/70 fand für 78.000 Euro einen neuen Liebhaber.

Abstraktion von Richter bereits verkauft

Im geräumigsten Stand dieses Jahres tritt Paul Schönewald im Obergeschoss der Halle 4 an. Auch der Düsseldorfer Kunsthändler konnte schon von einem Spitzenabschluss berichten: Er hatte ein 2,6 mal zwei Meter großes, ausgesprochen starkes abstraktes Gemälde von Gerhard Richter aus dem Jahr 1985 verkauft. Bei der Münchner Galerie Karl Pfefferle hängen neue Bilder von Rainer Fetting und Clemens Kaletsch und glänzen drei neue Skulpturen aus massivem Aluminium von Bruno Gironcoli (für 18.000 Euro aufwärts). Strelow aus Düsseldorf hat seinen Stand üppig bestückt: Kenneth Nolands Acrylgemälde „A 18-3“ von 1963 zeigt die eindrucksvolle Kraft seiner „Chevron-Paintings“ auf 1,7 mal 1,8 Metern (350.000 Euro).

In das Netz der Kategorisierungsfreude ist dieses Jahr eine Größe wie Norbert Kricke gegangen, ausgerechnet als „Hidden Treasure“: Im Verborgenen haben sich die bei Strelow gezeigten fragilen Arbeiten Krickes tatsächlich befunden, sagt Strelow; denn seit 25 Jahren seien sie nicht mehr öffentlich gezeigt worden (Skulpturen von 45.000 bis 120.000 Euro, Zeichnungen von 4000 bis 8000 Euro). Die Galerie Haas aus Zürich gab gleich zu Beginn zwei ihrer prächtigen Bronzen von Jonathan Meese ab; übrig blieb nur „General Sweetie (Wau Wau im Wolfsfell)“ (auch er für 78.000 Euro). Für Frank Stellas großformatige Collage „The Waves“, entstanden 1985/1989, stellt sich Haas 86.000 Euro vor.

Miniaturen von Richard Tuttle

Im Erdgeschoss der Halle 4 erwartet Schmela aus Düsseldorf die Besucher. Eine Arbeit von Rudolf Stingel ist dort bereits verkauft; für ihre Effekte gingen die Mitarbeiter des Künstlers in säurebeschichteten Stiefeln auf einer Styroporoberfläche hin und her. Der Hingucker bei Schmela ist eine Serie von Taschentuchwerken Richard Tuttles aus dem Jahr 2006: Diese verzupften Formen, mit Pigmenten eingefärbt, sind spröde und wirken gleichzeitig mysteriös zerbrechlich (50.000 Dollar). Fiebach & Minninger aus Köln haben ein „New Talent“ in ihren Stand mitgebracht: Grit Hachmeister, Jahrgang 1979, collagiert offenbar die Abgründe ihres Lebens, auf einer ganzen Wand, in Zeichnungen und Fotografien.

Die Meisterschülerin von Timm Rautert in Leipzig gewährt intime Einblicke, sehr persönlich und zugleich kaltschnäuzig (300 bis 2400 Euro). Bei dem Wiener Lukas Feichtner öffnet sich ein Ensemble aus Architekturmodellen vom „New Talent“ Lorenz Estermann: Pappe und Sperrholz hat er zu Phantasieobjekten zusammengesetzt und mit unentschlossenen Farben bemalt (Modelle 5000 Euro, Drucke davon 400 Euro). Wer sich eine ganze Wand zu Hause mit diesen fremdartigen Gebilden, Kiosken und Wohnhäusern tapezieren will, kann für 7000 Euro ein Konvolut von 25 Drucken erwerben.

Installationen von Gregor Russ

Im Erdgeschoss der Halle 4 trifft man auch auf die Galerie Ruzicska/Weiss aus Düsseldorf. Die Installationen von Gregor Russ sind hier perfekt ausgeleuchtet: Seine Kopfskulpturen „Halb Gott - Gott“ (12.000 Euro) und „Halb Mensch - Mensch“ (10.000 Euro) sind aus rauhem braunen Ton gefertigt und hart bearbeitet, wodurch in der Oberfläche tiefe Furchen entstehen. Russ' mit Autolack angemalter „Halb-Gott“ thront auf einem hohen Sockel, unangreifbar und majestätisch, während der „Halb-Mensch“-Kopf auf der Seite liegt, wie in einen tiefen Schlaf versunken. Entlang dem Parcours der „New Contemporaries“ - der jungen Galeristen mit ihren ganz jungen Künstlern - fallen die Kojen von Christian Lethert aus Köln auf oder Rupert Pfab aus Düsseldorf: Lethert zeigt Jorinde Voigt (Preise von 1400 Euro an; Voigt ist allerdings auch bei Fahnemann aus Berlin vertreten) und Gereon Krebber mit seinen saloppen „Gelben Pömpeln“ aus Pappmaché, Farbe und Fixierer (3800 Euro).

An der Schnittstelle vom Open Space und dem klassischen Gesicht einer Messe zeigt sich, wohin es in Köln gehen könnte: Der Open Space braucht die Stände, die ihn umgeben, um die Anziehungskraft seiner Spielwiese entfalten zu können; umgekehrt profitieren die Kojen von seiner Offenheit. Zurzeit bespielen nur drei Galerien sowohl die Messe als auch den Open Space. Für die Zukunft der Art Cologne ist zu wünschen, dass diese Trennung entschärft wird, die Übergänge wieder fließender werden. Sonst droht der Messe als Nächstes eine Spaltung, die auf die Dauer nicht guttun kann.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Galerie Schlichtenmaier, Galerie Strelow, Galerie Ulrike Schmela, Henze & Ketterer, Jens Ziehe, Karl Pfefferle, Lorenz Estermann, Nächst St. Stephan, Olivia Berckemeyer/Peter Langer, Salis & Vertes, Schönewald Fine Arts, Walter Storms

 

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