Von Swantje Karich
07. Juni 2008 Auf dem Vorplatz der Messe in Basel grüßt eine Versammlung von riesigen Tonköpfen des Schweizer Künstlers Ugo Rondinone: Erfreuen sich diese Geschöpfe mit ihren breiten Fratzen an der herbeiströmenden Menschenmasse, oder liegt in ihren Minen ein leicht nervöser Zug, wie sich die 39. Art Basel so machen wird? Die neuen Co-Direktoren, Marc Spiegler und Annette Schönholzer, präsentierten sich jedenfalls sehr einig als das neue Team, nachdem wenige Wochen vor Beginn Cay Sophie Rabinowitz als künstlerische Leiterin aufgegeben hatte.
Über ihre inhaltlichen Visionen sagten sie dann aber wenig. Ihr Credo: Die Art Basel ist ein Selbstläufer, da muss nichts mehr erklärt werden. Widerspruch zwecklos: Offene Fragen waren während der Pressekonferenz nicht zugelassen. Dabei sein in Basel dürfen 2008 wieder rund 300 Galerien aus 33 Ländern; 2000 Künstler sind vertreten. Die Vereinigten Staaten bilden mit 72 Ausstellern die stärkste Fraktion, danach folgt schon Deutschland mit 49 Teilnehmern. Insgesamt gingen mehr als tausend Bewerbungen ein - so viele wie noch nie zuvor.
Gestrenge Auswahl
Einige Galerien, die 2007 das erste Mal aufgenommen worden waren, fanden keine Zustimmung mehr; nun durften andere Premiere feiern: Neu ist Ruth Benzacar aus Buenos Aires, Cazeau-Béraudière aus Paris, Richard Green aus London oder Marianne Boesky aus New York. Die Beijing Art Now Gallery aus Peking sorgt für Aufsehen mit ihrem Art-Unlimited-Beitrag: In Qiu Anxiongs Zugwaggon, Staring into Amnesia von 2007, flimmern über die Fensterscheiben unentwegt fremde Erinnerungsbilder. Aus China sind dieses Jahr vier Galerien angereist.
Viele Aussteller waren zwar vorher besorgt, ob die wichtigen Sammler aus Amerika aufgrund des starken Euro überhaupt erscheinen würden. Doch am Stand von Matthew Marks aus New York ließ sich beobachten, was gerade sie in Basel suchen: Amerikaner kauften Werke vom amerikanischen Künstler Ellsworth Kelly. Es ist eben schick, anlässlich des 85. Geburtstags des Künstlers hier ein Erinnerungsstück mitzunehmen.
Spitzenwerke drängen sich
Das Selbstbewusstsein der Direktoren ließ sich dann auch schnell begründen: In den zwei Messehallen öffnet sich eine einzigartige Parade von der Klassischen Moderne bis in die Gegenwart. Hier hängt Kunst für Millionäre an den Ständen. Die waren angereist zur Preview und kauften ein - etablierte Namen zu hohen Preisen. Das teuerste Bild hängt bei Marlborough, und es ist natürlich von Francis Bacon: Sein hellrosafarbenes Triptychon Three Studies of the Human Body von 1970 erstreckt sich über 4,5 Meter. Stolze achtzig Millionen Dollar kostet es. Mit drei Studien des menschlichen Körpers hatte sich die Galerie auf der Tefaf in Maastricht schon einmal 2007 gezeigt, damals mit einer Preisauskunft in Höhe von 44 Millionen Dollar.
Gerade hat der russische Milliardär Roman Abramowitsch für Bacons Triptych, 1976 im gleichen Format 77 Millionen Dollar (netto) bei Sotheby's in New York bezahlt - daneben Lucian Freuds nackte Dicke, Benefits Supervisor Sleeping aus dem Jahr 1995 (für weitere dreißig Millionen). Acquavella aus New York hat in Basel Freuds jugendlicheres Girl in Attic Doorway der Jahre 1994/95 dabei (für zwölf Millionen Dollar); es ist aber schon verkauft, heißt es. Die Abramowitschs sah man übrigens am Eröffnungstag Giacometti-Skulpturen bei Krugier aus Genf bestaunen.
Epochemachendes von Beuys
In Halle 2.0 erhofft sich der Galerist Michael Haas aus Berlin viel von Kirchners leichtfüßiger Tänzerin mit gelben Schuhen des Jahres 1914 (unter 7 Millionen Euro). Schon nach wenigen Minuten hatte Michael Werner Fautriers rund 1,5 Meter hohe Bronze Standing Woman von 1935 verkauft (1,5 Millionen Euro). Die Galerie Gmurzynska zeigt einen schönen Yves Klein, IKB 81 von 1957 (9,5 Millionen Euro) und Mirós Painture von 1928 (6 Millionen Euro). Die starke deutsche Fraktion auf der Art Basel vertritt auch Kewenig aus Köln mit einer gut bestückten Koje: Dort lohnt Beuys' geretteter Kreide-Satz auf einer Schultafel aus dem Jahr 1984, der heute Sehnsüchte auslöst: Nur noch 1017 Tage bis zum Ende des Kapitalismus (650.000 Euro). Von Boltanski berührt L'album de la famille de B. mit 105 Schwarzweißfotos von 1991 (230.000 Euro).
Ammann aus Zürich setzt auf Zuspruch für Twomblys Blue Ridge Mountains Transfixed by a Roman Piazza von 1962 für starke 6,5 Millionen Dollar. Ihren Hauskünstler Robert Rauschenberg, der erst vor drei Wochen verstorben ist, ehrt Jamileh Weber, ebenfalls Zürich: Die neun Metall-Skulpturen aus seiner Serie Gluts der achtziger Jahre sind erstmals ausgestellt (900.000 bis 2,2 Millionen Dollar). Bei Pace Wildenstein hängt Tim Eitels präzises Kleinformat aus diesem Jahr mit prall gefüllten Müllsäcken als Motiv (32.000 Euro). Hier steht auch Sol LeWitts Modell für Zig Zag with Columns, von 1995, das als Public Art Project - in Lebensgröße - auch auf dem Weg zur Art Unlimited bewundert werden kann (500.000 Dollar).
Ein Kapitän wechselt den Standort
Einen skurrilen Auftritt legen Hauser & Wirth hin mit Paul McCarthys Drei-Meter-Skulptur aus braunem Fiberglasplastik: Captain Ballsack unter seinem großen Hut lässt sich nicht aus der Ruhe bringen; für 1,8 Millionen Dollar wird er in Zukunft an anderer Stelle sein Unwesen treiben dürfen, denn er ist verkauft. Max Hetzler hat Mona Hatoums bedrohliche Paravent-Reibe aus schwarzem Stahl von 2008 mitgebracht (Auflage 3; 180.000 Euro). In Halle 2.1 hofft Yvon Lambert aus Paris/New York auf George Segals The Dentist von 1966/70 (560.000 Euro).
Zwar dreht sich bei Gisela Capitain aus Köln Kippenbergers Zentrifuge, ein Karussell mit Schleudersitz, nicht mehr und ist auch schon verkauft, es weckt aber trotzdem die Lust auf dieses Abenteuer. Crousel aus Paris trumpft mit Hirschhorns Nietzsche Car auf: Das Auto ist im Stil des Künstlers über und über mit Utensilien, Schriften und Accessoires des Philosophen bestückt. Für so viel Hirnmasse erscheinen die 140.000 Euro fast günstig. Einen Tabu-Bruch erhofft sich Dinos Chapman, indem er Hitler-Aquarelle erwarb und sie übermalte (je 33.000 Pfund): Die Bilder sind am Stand der Londoner White Cube Gallery zu sehen. Dort soll Damien Hirsts Schrank mit sechs Plastikskeletten, Yes, but how do you really feel von 1996, stolze 1,65 Millionen Pfund bringen.
Verschattete Nebenbereiche
Die Spiellust auf der Art Unlimited scheint in den vergangenen Jahren ihren Höhepunkt erreicht gehabt zu haben: Hans Peter Feldmann (bei Massimo Minini) und Thomas Ruff (bei Johnen + Schöttle) verblüffen zwar mit für sie ungewöhnlichen Werken, Jon Kessler öffnet sein Gesichter-Universum (bei Arndt & Partner), aber insgesamt kann dieser Bereich nicht überzeugen. Carl Andres Lament for the children von 1976 (bei Paula Cooper) wirkt allzu verloren in der großen Halle, in der auch die Art Statements mit ihren Einzelschauen wenig Anziehungskraft entfalten.
In den angestammten Hallen aber feiert die Art Basel - einmal mehr selbstbewusst wie üblich - ihre singuläre Stellung. Die drei Nebenmessen übrigens - die Liste, die Volta und die Scope - müssen da die Konkurrenz weiterhin untereinander suchen. Die steigende Anzahl guter Galerien dort lässt allerdings auch schon ihre Teilnehmerlisten wie ein kleines Who's who erscheinen.

In der "Art Unlimited-Halle": Carl Andres "Lament for the Children" von 1976/1996 bei Paula Cooper
Bis 8. Juni in der Basler Messe. Täglich von 11 bis 19 Uhr. Eintritt 35 Franken, Katalog 65 Franken.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: A. Burger/Gupta/Hauser & Wirth, Acquavella, Annely Juda Fine Art, Art Basel, Galerie Max Hetzler, Granzeuer, Michael Haas