Frieze Art Fair 2009

Die Tage dieser Gesellschaft sind gezählt

Von Swantje Karich

Rirkrit Tiravanijas „Untitled (the days of this society is numbered/September 21, 2009)“ bei Gavin Brown

Rirkrit Tiravanijas „Untitled (the days of this society is numbered/September 21, 2009)“ bei Gavin Brown

17. Oktober 2009 Die Rekonstruktion einer Bar in Reykjavík, von den isländischen Künstlern Kling & Bang, heiterte im vergangenen Jahr - aber nur für kurze Zeit - die niedergeschlagene Stimmung auf der Frieze Art Fair in Londons Regent's Park auf. An selber Stelle steht jetzt, ein Jahr nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers und dem Beginn einer schweren Zeit für die Londoner Kunstmarktszene, ein graues Séparée. Von außen wirkt es wie ein Rückzugsort, doch innen findet sich der Besucher in einer zentralen Schaltstelle wieder: Die Irin Kim Coleman und die Schottin Jenny Hogarth haben für „Players“ Überwachungskameras in der Messehalle verteilt und zeigen die Ergebnisse im Rahmen ihres „Frieze Projects“.

Die Bilderfolgen bleiben fragmentarisch, der fröhliche Trubel ist unwirklich. In den Gängen des Messezelts ist jetzt wieder Jubeln erwünscht und ein Stück weit gerechtfertigt, obwohl der Patient Frieze immer noch angeschlagen ist. Die Genesung vollzieht sich allerdings schneller als von vielen erwartet. Insgesamt 165 Galeristen aus dreißig Ländern bringen eine neue Kraft auf die Messe, die durch die Sektion „Frame“ für (relativ) junge, kleine Galerien sichtlich an Dynamik gewonnen hat. Am Eröffnungstag der siebten Messe für zeitgenössische Kunst drängelten sich die internationalen Sammler und Kuratoren zwar nicht, um in den einzigen Eingang zu gelangen, aber die Vorfreude war zurück.

Ein blätterloser Baum von Ugo Rondinone

Prominente wie Gwyneth Paltrow, Valentino oder Roman Abramowitsch, die beim Bummel gesehen werden wollten, trafen sich bei den weltweit agierenden Händlern. Das teuerste Werk der Frieze ist wohl bei White Cube aus London zu finden: Es ist von Damien Hirst: „Night of the Long Knives“, sein Stahlkabinett von 2008 mit dem Titel zum Gruseln, gefüllt mit chirurgischen Geräten, gibt's für fünf Millionen Dollar. Verkaufen konnte die Galerie Andreas Gurskys Fotografie „Kathedrale I“ für 750.000 Dollar; der deutsche Künstler war am Stand und verfolgte das Geschehen ganz gelassen.

Zu den spektakulärsten und aufwendigsten Installationen der Messe gehören auch John Baldessaris überdimensioniertes weißes Ohr „Beethoven's Trumpet (With Ear) Opus No. 133“ für 400.000 Dollar bei Sprüth Magers und Ugo Rondinones ebenso kaltweißer blätterloser Baum „A Day Like This Made Of Nothing And Nothing Else“ für 350.000 Dollar bei Presenhuber aus Zürich. David Zwirner hat wohl Luc Tuymans' „Wonderland“ aus dem Jahr 2007 mit seinen gigantischen Maßen schon vor dem Zeltaufbau plaziert (1,4 Millionen Euro). Die Mehrzahl der Galeristen präsentiert sich aber in einem wesentlich bescheideneren Rahmen, wenn auch nicht immer gleich so radikal, wie es von Christoph Büchel schon bekannt ist: Er zeigt bei Hauser & Wirth, wie Transportkosten gespart werden könnten, er hat einfach seine dreckigen „Socken“ mitgebracht und ausgestellt (20.000 Euro).

„L'homme qui ne marche pas“

Die Endzeitstimmung ist in London Vergangenheit, doch Nachdenklichkeit bezeugen nun die Kunstwerke. Sanft bis radikal werden die Themen meist mit Humor bearbeitet. Michael Landy hat bei Thomas Dane aus London auf seiner großformatigen wundersamen Kohlezeichnung eine mörderische Gerätschaft zusammengesetzt: „H.2.N.Y. Machine Created to Destroy the Tinguely Museum“ aus diesem Jahr (25.000 Dollar) - ein harter Ritt bis zum „Ende der Welt“, bei dem jede Ordnung verlorengeht. Einen Anker in der Vergangenheit suchen auch die aktuellen Biennale-Stars Elmgreen & Dragset bei Helga de Alvear aus Madrid: Ein Giacometti-Mann „L'homme qui ne marche pas“ von 2009 (55.000 Euro) ist am Fuß mit einer Kette gefesselt, an der eine Stahlkugel hängt.

Wortreich formuliert Rikrit Tiravanija, auch er ist in Venedig vertreten, bei Gavin Brown, was die gesellschaftliche Situation auszeichnet: „The days of this society is numbered“ hat er in verschiedenen Farben auf riesengroße Zeitungscollagen geschrieben. Der Countdown läuft also immer noch; kein Grund zur Entwarnung, glaubt man dem Künstler. Dunkle Jahre stehen uns bevor, das sehen wir auf Aleksandra Mirs Weltkarte der Zukunft bei Greengrassi aus London: Die „World Map of Social Networks“ von 2009 ist für 21.000 Euro zu haben. Drei Zeichnungen von Tomma Abts aus dem Jahr 2008 für 10.000 Euro ergänzen hier die Wirkung der konzentrierten Koje.

Ein unspielbarer Ball

Sorgloser posieren zwei nackte Frauen, die Jürgen Teller im Louvre fotografiert hat; „Paradis“ von 2009 (Auflage 5) zeigt bei Lehman Maupin aus New York Charlotte Rampling und Raquel Zimmermann vor Leonardos „Mona Lisa“. Contemporary Fine Arts aus Berlin hat eine besonders eindrucksvolle Skulptur von Thomas Houseago aus Berlin mitgebracht: Die hohe Figur aus Gips ist in der Mitte gespalten und öffnet den Blick auf das großformatige Gemälde „Negativfoto morgens“ von Baselitz aus dem Jahr 2004 (375.000 Euro). Bei Sadie Coles in London dient Sarah Lucas' „Selfportrait with cigarettes“ von 1996 als Türschmuck.

Wallace Berman überschritt schon in den sechziger Jahren alle Grenzen; er ist trotzdem eine Entdeckung mit seinen „Sound Series No. 3“ von 1964 bis 1976, kopierte Collagen für 65.000 Dollar bei Frank Elbaz aus Paris. Schwer spielbar ist Bruno Pachecos „Possible Ball“ von 2009 bei der Marz Galerie aus Lissabon; denn der Volleyball hat einen Durchmesser von zwei Metern. Gelungen ist der Stand von Frith Street aus London mit Cornelia Parkers „Rorschach (Endless Column II)“: Vierzehn fragile Silberobjekte hat sie mit Hilfe einer industriellen, 250 Tonnen schweren Presse plattgewalzt (60.000 Euro). Fiona Tans Video „Study for Provenance“ kostet dort 30.000 Euro (Auflage 4 +1), Giuseppe Penones „Pietra di foglie“ 150.000 Euro und Craigie Horsfields gewebter „Circus“ 50.000 Euro.

Das Gewicht von 1000 Jahren

Jack Goldsteins Schallplatte „Quivering Earth“ kann anhören, wer bereit ist, 12.000 Euro bei Buchholz aus Berlin/Köln aufzubringen. Dort hängt an einem Sicherungsseil außerdem der goldene Ehering des Vaters von Danh Vo, ein Unikat also; den Ring der Mutter wiederum zeigt Bortolozzi. Aus einer Einkaufstasche schaut bei der Berliner Galerie eine säuberlich in Teile zerlegte mittelalterliche Holzskulptur des heiligen Josef: Danh Vo schuf dieses dramatische und gleichzeitig so ästhetische Ensemble vor einem Jahr (15.000 Euro; Edition 3/6). Zeno X aus Antwerpen präsentiert eine Assemblage von Mark Manders von 2009 (90.000 Euro).

Michaël Borremans überzeugt mit „The German“ von 2004/2007, einer nur ungefähr zwanzig Zentimeter hohen Filminstallation. Annet Gelink aus Amsterdam zeigt Yael Bartanas „The Protocols“ von 2008 (je 5000 Euro), Marijke van Warmerdams „Dream machine's plane“ von 2007 (20.000 Euro) und Ryan Ganders „I guess that these folks are the only ones that I believe“ von 2008 (10.000 Pfund). Am offenen Stand von Sies + Höke aus Düsseldorf fällt Kris Martins tonnenschwere Stahlkugel „1000 Years“ ins Gewicht (120.000 Euro), wesentlich leichter sind die Seesterne aus Aluminium von Gianni Caravaggio, die sonderbar entrückt auf dem Boden und an der Wand entlangkriechen (7000 Euro).

Der Nebel hat sich gelichtet

Weit entfernt vom ersten Prominenten-Getümmel am äußersten Ende der Halle profilieren sich erstmals die 29 Galerien in der Sektion Frame; sie ist gedacht für Galerien, die erst kürzer als seit sechs Jahren bestehen. Teilnahmebedingung sind Einzelschauen. Hier war am Eröffnungstag der Teufel los, was nicht zwingend für die Qualität spricht. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel, wie Cyprien Gaillard bei Laura Bartlett, Mike Bouchet bei Parisa Kind, die Performance von Simon Fujiwara bei Neue Alte Brücke aus Frankfurt, Stephen Sutcliffe bei Micky Schubert, Alexandra Leykauf bei Sassa Trülzsch, die ihren Stand schnell als ausverkauft anmelden konnte; die einzige Installation dort fand in den ersten Stunden einen Liebhaber.

Im vergangenen Jahr hieß es an dieser Stelle: „Einfach warten, bis sich der Nebel lichtet.“ Er hat sich gelichtet. Die Lage ist erheblich besser, die Gewöhnung an die neue Situation hat eingesetzt, und eine gesunde Vorsicht hat sich durchgesetzt. Der Übermut, der schon wieder aus der Wirtschaft herüberweht, bleibt im Regent's-Park-Zelt ungehört. Die bisher bekannten Verkäufe rangieren alle unter einer Million Euro. Die Frieze ist zwar noch nicht über den Berg. Aber fest steht: Es ist eine fast ausnahmslos sehenswerte Messe. Amerikanische und russische Sammler wurden gesehen, reservierten jedoch mit Vorliebe, feilschten um die Preise. Wenn sie nach der Messe ihre Versprechen einhalten, ist das angeknackste Selbstbewusstsein der Londoner Szene wieder gestärkt.

Frieze Art Fair, im Regent's Park, noch bis zum 18. Oktober. Von 11 bis 19 Uhr, am Sonntag bis 18 Uhr. Eintritt 15 Pfund. Das Frieze-Jahrbuch kostet 19,95 Pfund.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Becky Beasley/Office Baroque, Galería Helga de Alvear, Galerie Daniel Buchholz, galerie frank elbaz/Bertrand Huet/Tutti Image, Gavin Brown’s enterprise/Lyndon Douglas, greengrassi, Ida Applebroog/Hauser & Wirth, Jochen Littkemann/Contemporary Fine Arts, Karich, Keith Farquhar/Anthony Reynolds Gallery, Linda Nylind/Frieze, Margarita Myrogianni, Michael Werner Gallery

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