Kunstjahr 2007

Der große Kunstrausch

Von Niklas Maak

17. Januar 2007 Vor kurzem gab die Kunstmesse Art Cologne bekannt, nach dem Vorbild der Art Basel Miami einen Ableger zu gründen, die „Art Cologne Palma de Mallorca“, die am 19. September zum ersten Mal beginnt und, wie man hört, direkt am Flughafen von Palma stattfinden soll, was sehr praktisch ist für das Easy-Jet-Set, das von einem Kunstereignis zum anderen düst: Man muss sozusagen gar nicht mehr aus dem Flugzeug aussteigen, um Kunst zu kaufen. Die Messe am Flughafen abzuhalten ist nur folgerichtig, zumal sich das Zentrum der Gegenwartskunst mittlerweile nicht mehr in Paris oder New York befindet, sondern auf den internationalen Flughäfen - was vor allem daran liegt, dass es mittlerweile so viele Messen und Biennalen gibt, dass man sich wundert, wann die hauptsächlich im Luftraum zwischen den Events zirkulierenden Kuratoren und Künstler überhaupt noch Ausstellungen planen und Kunst machen sollen.

In diesem Jahr erwartet die Kunstwelt eine Ballung von Kunstereignissen, die jetzt schon als legendär gilt: Am 10. Juni eröffnet in Venedig die 52. Kunstbiennale; drei Tage später beginnt die Art Basel, bevor am 16. Juni die Documenta 12 in Kassel und einen Tag später in Münster die internationale Großausstellung „Skulptur. Projekte“ eröffnen. Davor sollten, zwischen der Armory Show in New York (23. bis 26. Februar), der „Fine Art Fair“ in Frankfurt (13. bis 15. April) und DC Düsseldorf (19. bis 22. April), noch mindestens sieben weitere Messen abgegrast werden, bevor man im September auf die Kunstschauen von Istanbul und Berlin fliegen muss - und es ist fast schon seltsam, dass niemand bisher auf die Idee gekommen ist, den bald leerstehenden Berliner Flughafen Tempelhof zur ultimativen Kunstfabrik mit Galerien und Ateliers umzubauen, in der den Sammlern die Werke frisch ans Flugzeug geliefert werden.

Die Künstler streiken

Die Ereignisquadriga aus Documenta, Venedig, Art Basel und Münster wird von den Optimisten der Branche schon jetzt als Höhepunkt des Kunst-Booms und endgültiger Durchbruch der Gegenwartskunst als Massenphänomen gefeiert. Nun wird, solange nach wie vor ungebremst Geld aus Hedgefonds und kleineren Privatvermögen, aus Asien und Russland in den Markt spült, die vielbeschworene Kunstmarktblase auch bis auf weiteres nicht platzen, aber bei der Qualität dessen, was man auf Messen und Biennalen zu sehen bekommt, sieht die Lage dann schon gar nicht mehr so rosig aus.

Denn ausgerechnet im Moment ihres größten Erfolges wird die Kunstszene müde; Künstler, Kuratoren und Direktoren ächzen äußerst laut unter der Last der übergroßen Sympathie, die ihnen von restlos begeisterten Massen, investitionsfreudigen Spekulanten und einmalig unkritischen Kritikern entgegengebracht wird. Neo Rauch will erst mal keine Ausstellungen mehr machen und stattdessen Kirchenfenster gestalten, Isa Genzken, die Künstlerin, die Deutschland auf der Biennale in Venedig vertreten soll, erklärt, das „komplette Kunstsystem brauche dringend Urlaub“, der Berliner Galerist Michael Schultz beklagt gegenüber der „Kunstzeitung“, er wisse nicht, wo er die ganze „Kunst nur hernehmen soll bis zum Frühjahr“, wenn die Messen beginnen - und dass der Documenta-Leiter Roger M. Buergel als ersten Künstler einen Koch nominierte, sahen einige auch als böses Omen. Der innere Kreis der Kunstwelt probt den Aufstand gegen den eigenen Erfolg, und in der Verteufelung „des Betriebs“ ist sich der Betrieb weitgehend einig: Udo Kittelmann vom Frankfurter Museum für Moderne Kunst beklagt „das Rummelplatzgehabe“ des Marktes, Max Hollein, Direktor der Frankfurter Schirn und des Städel, wünscht dem Kunstbetrieb „weniger Auktionsrekorde, Top-Ten-Ranglisten und ,Shooting Stars'“, die Zürcher Ausstellungsmacherin Bice Curiger will „Kunst und nicht Preisrekorde“, und auch Klaus Staeck hat eine Meinung, dass nämlich der Kunstbetrieb „mehr Kunst und weniger Betrieb“ brauche.

Nun wäre ein Mitglied der Kunstwelt fast undenkbar, das ungestraft sagt: Alles phantastisch! Herrlich, dass so viel Geld in die Kassen rasselt, dass Künstler unter die Top Ten der Rankings kommen wollen, der Markt spornt die Kreativität ungeheuer an; besser, die Leute geben Partys für junge Künstler, als dass sie ihr Geld für hässliche Ohrringe und Polopferde verpulvern, und es ist großartig, dass es leidenschaftliche Sammler gibt, die Preise stiften und in Zeiten knapper öffentlicher Gelder die Produktion experimenteller großer Werke ermöglichen. Die Klage über „den Markt“ ist das zentrale Selbstbeglaubigungsritual des modernen Kunstsystems - vor allem in einer Zeit, in der die früher dezidiert antibürgerliche Gegenwartskunst genau ins Zentrum der bürgerlichen Amüsement- und Erbauungsbedürfnisse hineingespült wird.

Was Miami weiß

Der Breitenerfolg der Kunst bringt die Künstler in eine ungemütliche Lage, denn ihre Aura hängt letzten Endes am ungebrochenen Mythos vom Genie, das allein in eisigen intellektuellen und ästhetischen Höhen sein Werk schafft. Wie im 19. Jahrhundert wird der Künstler nach wie vor als romantische Ausnahmeexistenz jenseits aller gesellschaftlichen Normalität bewundert, die Einmaliges schafft (nur das rechtfertigt die hohen Preise von Kunst). Auf der diesjährigen Frieze sah man nicht zuletzt deswegen Kate Moss und Claudia Schiffer wie Vertreter einer besiegten Armee herumlaufen; die Kunstwelt saugt den Glamour aus Pop und Mode restlos auf, und das hat seinen Grund: In dem Moment, in dem in Fernsehcastingshows am laufenden Meter Popstars produziert werden, sind Künstler die letzten authentischen Heroen der Kulturindustrie.

Und diese Heroen haben jetzt ein Nachschubproblem: Gefeierte Nachwuchskünstlerinnen wie Mika Rottenberg kommen mit der Produktion von neuen Arbeiten nicht nach, und so wird in New York, Oslo, Berlin und London immer dieselbe Arbeit mit der dicken schwitzenden Frau, die Teigwürste herstellt, gezeigt. Vielleicht ist das das größte Problem des Kunstbooms: Die Produktion und die Sammlungen werden immer uniformer, die Qualität der eilig nachgeschobenen Ware immer dünner, die Trendmacher immer seltsamer. Stargaleristen und dubiose Berater mutieren zu Kulturwolpertingern: oben Philosoph, unten Finanzmakler, in der Mitte Wahrsager. Mittlerweile werden zufällige Häufungen von Ausstellungsthemen systematisch auf ihren Trendwert abgeklopft und die Vermutungen wie Insiderinformationen an der Börse gehandelt: Gerd Harry Lybke hat seinen Stand auf dem letzten Art Forum in Berlin nur mit Skulpturen bestückt; Nicolaus Schafhausen, Kurator des deutschen Pavillons auf der diesjährigen Biennale von Venedig, zeigt dort die deutsche Bildhauerin Isa Genzken; und dann noch die große „Skulptur. Projekte. Münster“, kuratiert vom mächtigen Kasper König - ist Skulptur das neue Ding, sollte man jetzt Skulpturen kaufen?

Niemand ist ein Pinsel

Die neue Sammlerschicht ist immerhin so groß, dass eine eigene Ratgeberliteratur für Kunstmarkteinsteiger entstanden ist. Vor kurzem veröffentlichte der Sammler Adam Lindemann sein Buch „Collecting Contemporary“: „Du hast dich entschlossen, einzusteigen“, heißt es da, und es folgen Interviews mit den verschiedensten Figuren der Kunstwelt, die sagen sollen, wie der „Einstieg“ nun geht. „Maurizio Cattelans ,Not afraid of love'“, schreibt Lindemann, „für rund 350.000 bis 500.000 Dollar verkauft, erzielte innerhalb eines Jahres bei Christie's 2,75 Millionen Dollar. Solche Profite wären in jeder Branche spektakulär.“ Auch Galerien suchen die neuen Sammler mit eigenartigen Versprechen. Die Galerie Terminus („Die Picassos von morgen - schon heute“) wirbt in Zeitschriften mit den Worten: „Noch kein Sammler? Lassen Sie sich überzeugen von soliden Wertentwicklungsperspektiven und dem ästhetischen Mehrwert großartiger Kunst“. Lindemann bietet dazu in seinem Buch ein „kleines Glossar von Begriffen, die Sie kennen sollten“ und das erahnen lässt, auf welchem Niveau er seine potentiellen Leser ansiedelt. Unter dem Eintrag „Abstrakte Kunst“ ist zu erfahren, dass es sich dabei um Kunst handelt, „die nicht gegenständlich ist“ sowie um „Kunst als kulturellen Kommentar“. Während man noch grübelt, ob nicht auch gegenständliche Kunst ein „kultureller Kommentar“ sein kann, liest man weiter, was „Connoisseurtum“ ist, nämlich „das Gegenteil von einfachem ,Kaufen, was einem gefällt'“. Aber ist nicht der Connaisseur derjenige, der beim Kaufen keine Kategorien mehr bemühen muss, sondern einfach kaufen kann, was ihm spontan gefällt, weil er spürt, was gut ist? Arme Einsteiger. Alles nicht so einfach.

Am Ende teilt Lindemann ermunternd mit, es könne „schon einen kleinen Schock auslösen, wie das Ausgeben von Geld oder schon der Hinweis darauf auf einmal so viele Leute in ihre Nähe bringt. Genießen Sie es!“ Was ziemlich genau den Punkt trifft - denn so leicht wie über die Kunst kommt der normale Besserverdiener nirgendwo anders mit Prominenten und Stars zusammen. Wer im gleichen Raum wie Kate Moss tanzen oder mit Björk morgens um drei auf einem Sofa liegen und sich mit Wodka betrinken will, muss entweder mit einem Rockstar persönlich befreundet sein - oder eben sein Geld für Kunst ausgeben und seinem Galeristen auf die einschlägigen Kunstpartys folgen. „Es wurde für eine Menge Leute mit nur sehr oberflächlichen Kenntnissen möglich, Mitglied von etwas zu werden, was vorher ein exklusiver Club der zeitgenössischen Kunstszene war“, sagen die Berliner Galeristen Bruno Brunnet und Nicole Hackert, die unter anderen Jonathan Meese vertreten, in Lindemanns Buch, und dort wirkt diese kritische Bemerkung wie ein Versprechen.

Yoga und Sammler

Bei einigen dieser neuen Sammler geht es am Ende auch um kulturelle Selbstveredelung. Kunstsammeln gilt gesellschaftlich mehr als andere, als teenagerhaft (Pferde) oder tendenziell zu protzig (Luxusfahrzeuge) verschriene Sammeltätigkeiten. Wer Kunst sammelt, kauft einen intellektuellen Glanz mit, der sogar Popstars anzieht; man kann sich im Licht gesellschaftskritischer Werke als Teil einer neuen Boheme fühlen und beim Kunstgenuss entspannen wie sonst nur beim Yoga, wird ständig mit Vernissagen unterhalten und darf bei alledem auch noch auf ordentliche Spekulationsgewinne hoffen. Diese Nähe von Kunst und Kapital erklärt jedenfalls die Begeisterung einer jungen Managergeneration für die junge Malergeneration - und zumindest eine bestimmte Kunst wiederholt ziemlich genau die Muster neoliberaler Unternehmensführung: Strukturen analysieren und „infrage stellen“, mit „Sehgewohnheiten“ „brechen“, „jenseits des Mainstreams“ mit Formen experimentieren, schockieren - all das, was im Bonusheft der künstlerischen Avantgarden steht, funktioniert auch als Jobbeschreibung neoliberaler Eliteeinheiten im Kampf um neue Märkte. Im Künstler, den er sammelt, entdeckt der Jungunternehmer eine schmeichelhafte Version seiner selbst: unkonventionell, kreativ, wagemutig.

Man muss das gar nicht verteufeln und mit adornitischem Donner beklagen, dass Gegenwartskunst zur Freizeitkleidung des Kapitalismus verkommen sei; aber man kann auch nicht darum herumreden, dass eine Kunst, die wie ein eingeschnappter Ex-Linker immer noch auf dem Nimbus gesellschaftlicher Opposition beharrt, zum systemkonformen Mainstream geworden ist; dass es auf den Messen immer mehr Dinge gibt, die besser nicht als Kunst, sondern als Einrichtungsgegenstände zwischen Tapeten, Kerzenständern und anderem stimmungsbeeinflussenden Mobiliar verkauft werden sollten - und dass Kunstmessen und Biennalen die legitimen Nachfolger der Salons des 19. Jahrhunderts sind, wo ein bürgerliches Publikum Unterhaltung mit leicht verruchtem Bohemetouch suchte.

Wenn das aber so ist: Wiederholt sich dann die Geschichte? Wird es, wie damals, eine Sezession geben, die sich aus der offiziellen Kunstwelt entfernt in andere Gefilde? Und könnte es sein, dass der Marktboom doch nur eine bestimmte Kunst fördert: Dass die erfolgreiche Kunst die wirklichen formalen und inhaltlichen Experimente vermeiden muss - und dass man eine viel interessantere Kunst, deren Provokationen nicht bloß folgenlose Kritikfolklore sind, auch deswegen nicht sieht, weil sie im Kunstsystem keinen Platz hat?

Die Kunst hat, formal und methodisch, den Alltag geflutet. Essen, Autos, Werbung, Mode: Nichts, was nicht von Lehren der Avantgarden profitiert. Die Strategien der Gegenwartskunst sind überall, im Kofferraumdeckel eines neuen BMW ebenso wie im Essen spanischer Starköche und in den Strategiepapieren neoliberaler Unternehmensberater. Man darf gespannt sein, ob die am eigenen Breitenerfolg verzweifelnde Kunst einen Ausweg aus einer Welt findet, die nichts so sehr will, wie nach den Gesetzen der Kunst zu funktionieren.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.01.2007, Nr. 2 / Seite 19
Bildmaterial: REUTERS

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