Kunst und Antiquitäten

Grotto mit zeitgenössischem Drall

Von Gina Thomas, London

14. Juni 2008 Unter den internationalen Kunst- und Antiquitätenmessen kommt Grosvenor House in London schon aufgrund ihres Alters eine Art Großmutter-Rolle zu. Wie manche Dame von mehr als siebzig Jahren, die zeigen will, dass sie noch voll im Leben steht, hat sich die Messe in der Vergangenheit mehreren Verjüngungskuren unterzogen. Dennoch überwogen stets die dunkelbraunen englischen Möbel, an denen man sich mittlerweile satt- gesehen hat. Obgleich es natürlich immer wieder Stücke gibt, wie diesmal jener Thomas Chippendale zugeschriebene Mahagoni-Bücherschrank am Stand von Jeremy, die sich durch ihre überragende Qualität abheben von der Masse des Angebots und dann auch dementsprechend teuer sind: 675.000 Pfund.

Bis vor einigen Jahren waren in Grosvenor House nur Objekte zugelassen, die mehr als hundert Jahre alt waren. Die Aufhebung dieser Bedingung hat den 85 Händlern, die im Ballsaal des Londoner Nobelhotels ihre beste Ware ausstellen, größere Freiheit geschenkt. Erstmals ist auch die Fotografie vertreten durch die renommierte Londoner Handlung Hamiltons, die unter anderem einen großformatigen, 1983 datierten Silbergelatin-Abzug von Helmut Newtons 1979 aufgenommenen „Zwei Paar Beine in Seidenstrümpfen“ für 450.000 Dollar anbietet. Zu den Neuheiten gehört auch, dass jetzt Wein auf der Messe von der Firma „Andrew Bruce and Bordeaux Index Fine Wine“ verkauft wird, die ihre Ware als Geldanlage empfehlen.

Für den Glanz der Gegenwart forschend

Die seit 1865 bestehende Antiquitätenhandlung Mallett weist mit ihrem Versuch, modernes Design und altes Handwerk mit ihrem traditionellen Angebot an exquisiten Möbeln des 18. Jahrhunderts zu vermählen, einen Weg in die Zukunft: Sie hat die Firma Meta gegründet, die mit althergebrachten Techniken Auftragsentwürfe von zeitgenössischen Designern herstellen lässt. So hängt über einem alten Spieltisch ein imposanter diamantenförmiger Leuchter der Französin Matali Crasset, gefertigt aus 24 handgeblasenen Glaspaneelen, die gefasst sind in Paktong, einer ursprünglich in China entwickelten, Silber ähnelnden Legierung aus Kupfer, Nickel und Zink. Sie wurde im 18. Jahrhundert oft Silber vorgezogen, weil sie härter ist und den Vorzug hat, nicht einzutrüben. Meta hat einen Kerzenleuchter von 1720 analysieren lassen, um die Formel der gelblich-silbernen Legierung für die moderne Anwendung wiederzubeleben.

Der Leuchter, mit 30.000 Pfund ausgezeichnet, fügt sich harmonisch in die klassische Einrichtung des Standes und zeigt, wie Alt und Neu nebeneinander bestehen können. Überhaupt fällt auf, wie sich die Messe in ihrer frischen Darbietung mehr an einen eklektischen Sammlergeschmack richtet. Auch die betagten Chanel-kostümierten Damen, die einst den Ton angaben, scheinen unter dem jünger wirkenden Publikum weniger präsent zu sein. Hector Finch stellt in seinem mit Jakobsmuscheln und Kupferplatten ausgeschmückten Stand, den er als „Grotto mit zeitgenössischem Drall“ bezeichnet, effektvolle Kuriositäten aus, darunter eine Maori-Waffe aus Jade, die ein Häuptling einem englischen Admiral im frühen 18. Jahrhundert schenkte.

Gründe für die Wendung hin zur Moderne

Der Waffe hängt neben dem Preis von 28.000 Pfund noch eine Plakette an, auf der die rührende Geschichte der Übergabe eingraviert ist. Auch Peter Petrou entspricht dem Geschmack für das Ausgefallene mit einer Sammlung von runden chinesischen Holzklöppeln, die den gleichen Zweck erfüllten wie Netsuke. In Gruppen von vierzehn geordnet, die jeweils 6500 Pfund kosten, sehen sie aus wie eine moderne skulpturale Installation. Das gilt auch für die 28 sambischen Körbe des späten 19. Jahrhunderts. Auch Geschmackswandel und Materialknappheit diktieren die wachsende Tendenz der Aussteller, Objekte älteren Datums mit modernen Stücken zu mischen.

Der Kunsthändler Richard Green, der früher bei den Impressionisten Halt machte, zeigt vorwiegend moderne britische Künstler, darunter Frank Auerbach. Die auf Altmeisterzeichnung spezialisierte Flavia Ormond führt mit einer gelungenen Hängung vor, wie sich Epochen und Stile kombinieren lassen. Besonders reizvoll ist das suggestive aquarellierte Porträt Augustus Johns von Lady Ottoline Morell, in deren Salon die geistige Elite Englands in den Zwischenkriegsjahren verkehrte (25.000 Pfund).

Wie in anderen Jahren trumpft die Messe freilich auch wieder mit Einzelstücken von allerhöchster Qualität auf, darunter bei Koopman ein Satz Londoner Silberteller aus ehemals hannoverschem Besitz, 1717 für den späteren Georg II. hergestellt (350.000 Pfund). Bei Susan Clemans besticht eine entzückende nordindische Kette mit Perlen aus dem 18. Jahrhundert und neun Edelsteine aus dem 16. Jahrhundert (185.000 Pfund). Besondere Aufmerksamkeit findet bei Judy & Brian Harden die aquarellierte Miniatur des irischen Juristen Thomas Langlois Lefroy, nicht nur weil sie von George Engleheart gemalt wurde, einer der führenden Namen des Genres, sondern weil der Porträtierte sich in das Herz Jane Austens einschlich und ihr möglicherweise als Vorbild für Mr. Darcy in „Stolz und Eitelkeit“ diente.


George Engleheart schuf im Jahr 1798 dieses zierliche Miniaturporträt von Tho...

George Engleheart schuf im Jahr 1798 dieses zierliche Miniaturporträt von Thomas Langlois Lefroy. Harden erhofft sich 50.000 Pfund für das Bildchen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: A&E Foster Ltd., Caroline Wiseman, Hamiltons Gallery, Jean-David Cahn, Judy & Brian Harden, Peter Petrou, Richard Philp, Wartski

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche