Von Angelika Heinick
19. April 2008 Wenn eine Kunstmesse einen Star braucht, dann hat die Art Brussels ihn in Wim Delvoye gefunden. Der belgische Künstler hat das Eröffnungsband der 26. Ausgabe der Brüsseler Messe für zeitgenössische Kunst durchtrennt, und seine provokativen und inzwischen institutionalisierten Werke sind dort vielerorts präsent. Mit 179 Teilnehmern hat die Art Brussels, die nun in die Hallen 1 und 3 des Messegeländes am Heysel-Park umgezogen ist, ihr maximales Fassungsvermögen erreicht. Man habe nicht die Absicht, noch mehr zu wachsen, erklärt die Messeleiterin Karen Renders. Um den Standard des Brandaktuellen, das Markenzeichen der Art Brussels, zu halten, setzt die Messe auf Wechsel und hat aus 430 Bewerbungen siebzig neue Teilnehmer ausgewählt. Und man ist stolz darauf, die internationalste Messe in Europa zu sein - die belgischen Galerien stellen nur ein knappes Viertel der aus 24 Ländern angereisten Aussteller, allen voran die Nachbarn Frankreich (29), Deutschland (21) und Holland (10). Belgien ist ein attraktiver Markt: Wir haben die stärkste Konzentration von Sammlern pro Quadratmeter, scherzt der Brüsseler Galerist Rodolphe Janssens.
Die Belgier sind offen für Neues und kaufen zukunftsweisend - allerdings hauptsächlich zu Preisen unter 50.000 Euro. Das mag erklären, warum auf dieser Messe sechsstellige Preise selten und die ganz großen Kaliber der internationalen Händlerzunft nicht mit dabei sind. In diesem von der Gegenwart geprägten Bild, in dem die klassische Moderne oder die Pop Art gar nicht vorkommen, erscheinen Arbeiten der achtziger und neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts schon fast wie Relikte aus einem anderen Zeitalter. Greta Meert aus Brüssel setzt mit Carl Andres Bodenplastiken aus blauem Kalkstein, Still Blue Well und Still Blue Crux von 1989 (30.000 bis 35.000 Euro), der Minimal Art ein Denkmal, und bei Almine Rech, Paris, zitiert Sylvie Fleury frech die Wandboxen von Donald Judd: Ihre Installation Eternal wow on shelves (80.000 Euro) von 2008 lässt eine formlose violette Glitzermasse über die verchromten Kästen sich ergießen.
Fließende Zeichnungen von Tony Cragg
Buchmann aus Berlin/Lugano zeigt neueste Zeichnungen von Tony Cragg als Instrumente des visuellen Denkens wie eine Bleistiftzeichnung mit Damenprofilen im Linienwirbel (7000 Euro) oder großformatige Aquarelle mit sich im Dampf auflösenden Gefäßen (17.000 Euro). Gilbert & George treten bei Guy Pieters aus Knokke - wie schon auf der Art Paris - mit der wandfüllenden Selbstdarstellung Front and Back and Piss von 1996 für 290.000 Euro als Altmeister der Provokation auf; der Chinese Wang Du hat eine zusammengeknüllte Seite von China Daily, 31 octobre 2006 im aufwendigen Wachsausschmelzverfahren zu einer mehr als zwei Meter hohen Bronzeplastik vergrößert (Auflage 4, bei Baronian Francey aus Brüssel für 450.000 Euro). Bei Rodolphe Janssen thront ein Modell von Wim Delvoyes Betonlastwagen in gotischem Maßwerk aus rostveredeltem Kortenstahl (160.000 Euro), der demnächst in Originalgröße einen Brüsseler Platz zieren wird.
Der Iraner Farhad Moshiri gilt als Jeff Koons des Mittleren Ostens; in Brüssel führt Janssen ihn mit Baked Stereo, einem mit Pailletten vergoldeten, im Backofen zerschmolzenen Ghetto Blaster (27.000 Euro). Der Pariser Kamel Mennour mischt eine Lichtskulptur von Claude Levêque, Pulsions (Auflage 3, 38.000 Euro), mit den Foto-Lichtboxen von Zineb Sedira: Ihre Serie Haunted House zeigt die Spuren französischer Kolonisation am Ufer des Mittelmeers (8000 Euro). Die Galerie Aidan aus Moskau setzt sich mit dem Archetypus der amerikanischen Hausfrau auseinander. Vika aus der Serie Almost American aus den Jahren 2005 bis 2007, von Irina Davis fotografiert und übermalt, lächelt uns in schwarzen Dessous und mit falscher Unschuld zu, während sie Teig ausrollt und ein Ei zerschlagen hat (Auflage 3, 8000 Euro). Home, eine an der Wand installierte übergroße Polyester-Kartoffel von Erwin Wurm (Auflage 3, 78.000 Euro) steht bei Elisabeth und Klaus Thoman aus Innsbruck trotz ihrer offensichtlichen Komik als Symbol grundlegender Lebensmittelversorgung.
Der mit Blattgold verzierte Hahn auf einer zwei Meter hohen Edelstahlkugel von Koen Vanmechelen spielt sich bei Deweer aus Otegem derweil glatt zum Salvator Globe auf (2008, Auflage 5, 77.000 Euro). Die Skulptur ist Teil des Cosmopolitan Chicken Project, für das der Künstler als Bild einer globalen, dynamischen und interkulturellen Gesellschaft seit Jahren Hühner aus aller Herren Ländern kreuzt. Die Anleitung How to read the financial pages, eine aus Zeitschriften vernietete Skulptur von Jonathan Callan (bei Kudlek Van der Grinten aus Köln zu 6500 Euro), lehrt die Absurdität eines solchen Unterfangens. Wim Delvoye indessen, der am Ausgang eine Art Souvenirshop eingerichtet hat, wo man das Set Play with Wim samt tätowiertem Gummischwein für nur! 249 Euro erwerben kann, liefert zur Kunst das Surrogat gleich mit.
Bis zum 21. April in den Hallen 1 und 3 des Brüsseler Messegeländes. Täglich von 11 bis 19 Uhr, am Montag, dem 21. April, bis 22 Uhr. Der Eintritt kostet 15 Euro, der Katalog 25 Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Almine Rech Gallery Brussels, Buchmann Galerie, Deweer/Koen Vanmechelen, Galerie Thoman, Jiri Svestka, Kudlek van der Grinten, Rodolphe Janssen
