Von Nicole Scheyerer, Wien
26. April 2008 Sind Künstler heute nur mehr Hofnarren für reiche Eliten oder bergen Sie doch noch gesellschaftskritischen Sprengstoff? Christian Eisenberger stellt auf der Viennafair diese Frage, indem er mit roter Nase und Dynamitgürtel, als Clown-Terrorist verkleidet, herumläuft. Zuvor hatte sich der junge Künstler einen acht Meter hohen Wehrturm aus Holzbrettern und Karton gebaut, aus dem er das Treiben in den Kojen beobachtet. Ein rares Exemplar eines "Messekünstlers", der für ein bisschen Sand im Getriebe des allzu geölten Verkaufsevents sorgt. Das Gegenbild zu Eisenbergers wilder Bastion stellt das Sammlerkabinett dar, in dem weiße Handschuhe Pflicht sind. Zahllose Zeichnungen und Kleinarbeiten, darunter viel Neoformalismus, finden sich auf der diesjährigen Wiener Kunstmesse. Die Galerien Gabriele Senn und Christine König haben ihre gemeinsame Koje in solch ein feines Refugium verwandelt. Schlüssigerweise teilen sie sich mit Eisenbergers Galerie Konzett den Preis für den besten Messestand. Die Viennafair strebt nach mehr Internationalität. Dafür sollen dieses Jahr 270 eingeladene Sammler aus dem Ausland sorgen. Auch im Beirat entschieden erstmals internationale Juroren wie Anthony Wilkinson, Guido Baudach und Michel Rein mit. Von den 126 ausgewählten Galerien stammen 46 aus Österreich, womit der nichtheimische Anteil beachtlich gesteigert wurde. Aus Athen nehmen die Galerien gazonrouge, Kalfayan und The Breeder teil.
Mit der Dvir Gallery und Sommer Contemporary Art wurden zwei neue Gäste aus Tel Aviv gewonnen. Verwunderlich aber, dass ausgerechnet der Schwerpunkt auf den Osten dieses Jahr geschmolzen ist. Der "Focus on CEE", mit dem die Messe sich als Promoter neuer Märkte darstellt, hat sich bei zwanzig Teilnehmern um ein Viertel reduziert. Die Qualität hätte nicht gestimmt, erklärte Messeleiter Edek Bartz. Außerdem sei ein größerer Anteil an polnischen Galerien nicht möglich gewesen, da die Messe nicht ein einzelnes Land hervorheben wolle. Angesichts der Galerienblüte in Krakau, Warschau und Posen ein wenig plausibles Argument. Unverständlich auch die Raumaufteilung, die die kleinen Kojen der osteuropäischen Galerien an den Rand verlegt. So eine Gettoisierung zeigt wenig Sensibilität für die Teilnehmer. Bei den qualitativ sehr unterschiedlichen Ständen haben die Polen jedenfalls eindeutig die Nase vorn: Die Warschauer Program lockt mit einer Einzelpräsentation von Anna Orlikowska, deren Leuchtboxen mit unheimlichen Fotos (1400 Euro) wie eine Persiflage auf Jeff Wall wirken. Bei Lokal 30, ebenfalls aus Warschau, bildet die Arbeit "Furniture Factory" von Jan Mioduszweski, die Malerei und Skulptur raffiniert à la Artschwager verbindet (15.000 Euro), den Blickfang.
Rückkehrer und Kritiker aus Wien
Unter den heimischen Galeristen sind die Ansichten über die Viennafair gegensätzlich: Während Platzhirsch Georg Kargl wissen ließ, ihm wäre die Qualität zu minder, kehrte Thaddeus Ropac nach zweijähriger Absenz zurück. Mit Alex Katz' "Large Marin" um 450.000 Dollar und einem Baselitz um 340.000 Euro dürfte er wohl die teuersten Arbeiten der Messe im Gepäck führen. Aber auch ein jüngerer Jahrgang wie Bernhard Martin ist an dem großen Stand zu finden. Auf dessen Gemälde "Virgo" stürzt eine Figur Hals über Kopf in den Abgrund (80.000 Euro). Erwin Wurms neuester Gag stellen mit pastellfarbenen Pullovern bekleidete Leinwände (38 500 Euro) dar, für die die Galerie Krinzinger garantiert Abnehmer finden wird. Die Galerie Meyer Kainer präsentiert stolz zwei Mona-Lisa-Bilder aus Plastilin, die die Künstlergruppe gelitin kürzlich im Pariser Musée d'Art Moderne ausgestellt hat (32.000 Euro). Franz Wests Bild "Ludwig und Judith" daneben, mit Wittgensteins Kopf auf einem Teller, folgt einem stärker hintergründigem Humor (80.000 Euro). Unter den jüngeren Malern bringt Martin Janda das Gemälde "Dame Lorraine" von Maja Vukoje mit (20.000 Euro), das geisterhaft Kolonialgeschichte inszeniert. Eine beeindruckende, mehr als fünf Meter lange Zeichnung eines Bergwerks vom Künstlerduo Hauenschild und Ritter bietet der Grazer Galerist Patrick Ebensperger für um 28.000 Euro an. Die Charim Galerie macht unterdessen mit einem Sortiment an Kunstmaschinen von David Moises neugierig, der ein Fahrgerät mit einer Pferdestärke konstruiert hat (6500 Euro). Mit Elaine Sturtevants "Wiederholung" von Warhols Marilyn gelang der Galerie Mezzanin mit 85.000 Euro gleich zu Vernissage-Beginn ein Verkaufserfolg.
Reichlich Blattgold glänzt am Stand der griechischen Galerie Kalfayan, die den rätselhaften Tableaus von Edouard Sacaillan eine Einzelpräsentation widmet. Wie Matthew Barneys Satyr auf futuristisch erscheint die weiße Figur von Peter Senoner, die bei Goethe 2 aus Bozen mit ihren Glasaugen frösteln macht (50.000 Euro). Auf Guido Baudachs sparsam bestückten Stand ist Andreas Hofers comichaftes Gemälde "Victorian Sky" für 22.000 Euro zu erwerben. Wie Ritter von der Kokosnuss erscheinen die Figuren auf den mit viel Humor und kunsthistorischen Referenzen inszenierten Fotos von Thorsten Brinkmann, die der Stand der Kunstagenten aus Berlin als Installation präsentiert. Carlier Gebauer präsentieren eine buntere Mischung, zu der auch ein pastoses Jägerbild von Erik Schmidt zählt (25.000 Euro). Von Joan Jonas bietet Wilkinson die herrliche Videoinstallation "My New Theatre" an, zu der die Performance-Künstlerin frenetisch tanzt (50.000 Euro). Unter den jüngeren Ausstellern stechen besonders die ambitionierte Londoner Galerie Hidde van Seggelen, die Frankfurter Galerie Parisa Kind, The Breeder aus Athen sowie Layr Wüstenhagen und Andreas Huber aus Wien hervor. Auf Sprengladungen wird man zwar auch dort nicht treffen, aber dafür auf passionierte, heute noch erschwingliche Positionen, deren Galeristen beim Sprechen über die Inhalte glänzende Augen bekommen.
Bis 27. April im Messenzentrum Wien. Geöffnet von 11 bis 19 Uhr, am Sonntag, den 27. April, von 11 bis 18 Uhr. Eintritt 15 Euro, Katalog 23 Euro
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: artepari, Dario Lasagni, Galerie Widauer, Kalfayan Galleries, Konzett Kunsthandel Galerie, lokal_30, Projektraum Viktor Bucher
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