Von Angelika Heinick, Schanghai
15. Oktober 2007 Der Hurun-Report, die jährlich veröffentlichte Liste der reichsten Leute Chinas, weist in diesem Jahr für die fünfhundert Reichsten ein Durchschnittsvermögen von 276 Millionen Dollar aus. Um sich zur New Upper Class zählen zu dürfen, muss man fünf Millionen Dollar auf die Waage bringen - mittlerweile haben 150.000 Chinesen dieses Ziel ereicht. Einem Handbuch gleich liefert der Report die Liste von Luxusgütern, die für die Mitgliedschaft in dieser Gesellschaftsschicht unerlässlich sind: Neben dem MercedesBenz S500L, dem Steinway-Konzertflügel und der Patek Philippe Nautilus wird der Besitz eines Gemäldes von Wu Guangzhong empfohlen, ein sowohl in China als auch im Westen bekannter Künstler. Antikes Mobiliar oder Kunsthandwerk stehen nicht auf der Liste. Dennoch wittern 32 westliche, hauptsächlich europäische Kunst- und Antiquitätenhändler in China einen potentiellen Markt der Zukunft und sind dem Aufruf zur Teilnahme an der ersten Shanghai Fine Jewellery and Art Fair (SFJAF) gefolgt.
Maximin Berko, in Schanghai lebender Sprössling einer belgischen Kunsthändlerdynastie, und der italienische Geschäftsmann Nicolo Mori sind mit dem lokalen Kunstmarkt vertraut und haben sich zum Ziel gesetzt, zum ersten Mal in China weltweit führende Galerien und Juweliere zu versammeln. Veranstaltungsort ist das 1955 vom sowjetischen Architekten Sergej Andrejew als Freundschaftspräsent Stalins erbaute monumentale Shanghai Exhibition Center, wo gerade vor einem Monat die neue internationale Messe für zeitgenössische Kunst Shcontemporary Furore machte. Für die um die halbe Welt hertransportierten Möbel des 19. Jahrhunderts, Altmeistergemälde, Keramiken, Silberobjekte, Ostasiatika sowie Schmuck und die zahlreich vertretene moderne und zeitgenössische Kunst hat die Innenarchitektin Melka Rivé Miao ein imposant schlichtes Dekor entworfen, das den schier endlosen hohen Saalfluchten ein dezent intimes Gepräge verleiht.
Wie reagieren Chinesen auf Flamen?
Die Auktionsergebnisse in jüngster Zeit haben gezeigt, dass zeitgenössische Kunst in China sehr gefragt ist, wie auch Meisterwerke des traditionellen chinesischen Kunsthandwerks, Porzellan der frühen Ming-Dynastie, das chinesische Sammler zu Millionenpreisen in ihr Land zurückholen. Für die Ostasiatika-Händlerin Gisèle Croës aus Brüssel ist es eine Pflicht und ein Vergnügen, hier zum Beispiel ein Paar hoher, mit Cloisonné-Email verzierter Balustervasen in Mei-Ping-Form (Preis auf Anfrage) zu zeigen; gleich zu Beginn der Vernissage drängte sich bei ihr ein elegantes, eher diskret auftretendes Publikum.
Für die Galerie De Jonckheere hingegen aus Paris und Brüssel ist die Messe eine Reise ins Unbekannte. Man nehme aus Freundschaft für Maximin Berko teil und wolle sich überraschen lassen, wie die Chinesen auf flämische und holländische Altmeister reagieren. Zu deutlich religiös orientierte Motive hat man vermieden, aber es sich dennoch nicht nehmen lassen, im gigantisch in die Höhe strebenden Schanghai einen Maarten van Heemskerck zugeschriebenen Turmbau zu Babel, ein in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Italien entstandenes Ölbild zum Preis von 680.000 Euro, in den Mittelpunkt zu stellen.
Warhols Holstentor
Die Münchner Galerie Thomas testet den neuen Markt mit einem breitgefächerten Angebot von Emil Nolde mit dem Gemälde Clematis und Dahlien von 1935 (1,8 Millionen Euro) bis zum amerikanischen Popkünstler Jim Dine mit einem Selbstporträt in Gestalt eines Bademantels in Öl von 2007 zu 145.000 Euro. Cézannes Ernte mit Blick auf die Montagne Sainte-Victoire, ein Bild, das einst Gauguin und später Paul Mellon gehörte, ist bei Tamenaga aus Paris und Tokio mit 17,5 Millionen Dollar als eines der teuersten Werke der Messe angekündigt.
Die Mailänder J&G Gallery führt De Chirico ins Feld mit einem schwarz patinierten postumen Bronzeguss (Ettore e Andromaca von 1970/1988-1991) für 150.000 Euro, während die Galerie Schmit aus Paris als Prunkstück ihres graphischen Kabinetts die Tuschzeichnung einer Femme à l'agenda von Matisse aus dem Jahre 1944 (450.000 Dollar) mitgebracht hat. Bei Rudolf Budja aus Österreich liefert Warhol eine Ansicht aus Deutschland in Schanghai: das Holstentor von 1980 in Siebdruckfarbe auf Leinwand (2,5 Millionen Dollar) ergänzt das kondensierte Panorama sicherer Werte der westlichen Kunst des 20. Jahrhunderts.
Nur ein chinesischer Gast
Eine einzige chinesische Galerie ist mit von der Partie: Die Beifang Gallery aus Schanghai wartet mit jüngsten Werken chinesischer Maler auf wie dem großformatigen Acrylgemälde Float (180.000 Yuan), einer in der Schwebe oder im Fallen dargestellten Figur aus dem Jahr 2006 von Mu Huan. Von Ann New hängt ein ebenfalls großangelegtes Triptychon mit dem Titel A little bit soul: Drei lang gewandete, im Luftschlangengewirr verfangene weibliche Wesen winden sich dort. Der Pariser Jean-Gabriel Mitterrand (JGM Gallery), der sich in Schanghai mit einer Repräsentanz etabliert hat, setzt auf Kunst in Möbelform: Das einem Gingko-Blatt nachempfundene Bronzemobiliar von Claude Lalanne soll 27.500 Euro kosten.
Michel-Guy Chadelaud, Spezialist für französisches Prunkmobiliar des 19. Jahrhunderts, hat ein raffiniertes Musterinterieur à la française geschaffen mit Antichambre, Bureau und Grand Salon im Stil Louis XVI. Ein in Goldbronze gefasstes Vasenpaar aus türkisfarbenem Porzellan mit der Signatur des Kunstschreiners Alfred Beurdeley (900.000 Euro) dürfte sich ebenso zu wirkungsvoller Repräsentation eignen wie der einst für den Zarensohn Mikhail Pawlowitsch bestimmten Weinkühler aus vergoldetem Silber des frühen 19. Jahrhunderts von Jean-Baptiste-Claude Odiot bei Bernard de Leye aus Brüssel (90.000 Euro). Das Galadinner der SFJAF am nächsten Mittwoch wird vom Hurun-Report ausgerichtet, der gerade die neueste Liste der reichsten Chinesen herausgegeben hat. Nun gilt es wohl für die Kunsthändler, die Chinesen mit ihren sagenhaften Vermögen zur Anlage in unsere Kunstschätze zu verführen.
Bis 21. Oktober. Täglich von 12 bis 19 Uhr geöffnet, am Mittwoch und an den Sonntagen von 12 bis 18 Uhr. Eintritt 200 Renminbi, mit Katalog 300 Renminbi.
Text: F.A.Z., 13.10.2007, Nr. 238 / Seite 47
Bildmaterial: Galerie Thomas
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