„Deutschland feiert“

Leben lernen auf dem Segelschiff

Von Andreas Obst

Die Segelschiffe

Die Segelschiffe

18. August 2005 Als „emotionalen Höhepunkt“ des ersten Tags hatten die Veranstalter der Rostocker Hanse Sail die nächtliche Fahrt der „Fryderyk Chopin“ aus dem diesjährigen Partnerland Polen angekündigt. Unter Fackeln und zur Musik Chopins sollte die Brigg in den Rostocker Stadthafen einlaufen, den Hauptschauplatz der Festtage, eskortiert von ebenfalls feierlich illuminierten Booten des Rostocker Ruderclubs.

Pünktlich zur festgesetzten Stunde tönten die ersten Takte des dritten Satzes aus dem Klavierkonzert in e-Moll durch die Lautsprecher. Die Musik hatte es schwer, sich gegen den Lärm der Fahrgeschäfte vom Jahrmarkt durchzusetzen, der sich über zwei Kilometer entlang der Uferlinie zog. Der Wind hatte aufgefrischt, es war bitter kalt geworden. Trotzdem drängten sich einige hundert Neugierige entlang des Piers. Durch die schmalen Lücken zwischen den Segelschiffen, die in Dreierreihe nebeneinander festgemacht hatten, mühten sie sich, Blicke auf den Kanal zu erhaschen.

Einfahrt der „Fryderyk Chopin“ dauert noch an

Das Fernweh

Das Fernweh

Die Warnow aber lag still und schwarz. Das Klavierkonzert ging zu Ende, ohne daß sich auf dem Wasser etwas bewegt hätte. Dann dröhnte wieder nur der Jahrmarkt. Das Orchester hob neuerlich an und wurde nach einigen Takten abgestellt. Ein einsames Ruderboot zog auf dem Wasser vorbei, am Heck flackerte eine Fackel kurz auf und verlöschte. Dann kam noch ein Ruderboot.

Es würde noch ein wenig dauern mit der Einfahrt der „Fryderyk Chopin“, ließ sich eine Stimme über die Lautsprecher vernehmen. Die Menge am Pier stemmte sich gegen die Windböen. Ein drittes Mal ertönte das Thema des dritten Satzes, und dann kam das Schiff endlich. Ein dunkler Schatten über dem Wasser, die Segel gerafft, mit tanzenden Lichtpunkten auf dem Deck. Es war eine eher klägliche Inszenierung.

Die schönsten Schiffe sind Segelschiffe

Vielleicht hätte man es besser wissen müssen. Wer von einem Volksfest „emotionale Höhepunkte“ erwartet, ist selbst schuld. Ein Volksfest läßt sich nicht inszenieren, es lebt aus sich heraus. Seine Höhepunkte liegen eher in seiner Breite. Am eindrucksvollsten ist es, wenn sich allen Beteiligten der Eindruck vermittelt, das Fest sei da, weil es schon immer war. Fast wie eine Naturerscheinung.

Die Hanse Sail entstand in Rostock vor fünfzehn Jahren. Man wollte damit von den anderen großen Hafen- und Meerfesten profitieren. Im Gegensatz zur Sail in Bremerhaven etwa richtete sich die ostdeutsche Ausgabe gleich auf eine jährliche Wiederkehr ein. Deutschland sei eine alte Seefahrernation, hatte man plötzlich auch dort erkannt. So lag nichts näher, als die schönsten Schiffe der Welt in den eigenen Hafen zu bitten. Die schönsten Schiffe, darüber herrscht allgemeine Einigkeit, sind Segelschiffe. Bei den meisten, die heute über das Wasser gleiten, handelt es sich um Nachbauten - die überall darbende Werftindustrie ist dankbar für solche Aufgaben zur Arbeitsbeschaffung.

Tauchfahrt ins Grauen

Wenn sich die Schiffe in Rostock versammeln, jedes Jahr am zweiten Augustwochenende, dann - so lautete die Spekulation der kommunalen Tourismuszentrale, die den Seglertreff organisiert - werden die Menschen an Land schon kommen, schauen und staunen. Und wenn die Sehnsucht nach den Wellen übermächtig wird, nach dem Wind, der in die Segel fährt, und nach den rollenden Planken, dann sollen sie mit hinaus fahren, auf die weite Ostsee. Deshalb bieten die meisten Schiffe bei der Hanse Sail Tages- und Halbtagesfahrten für jedermann. Im Ausflugspreis ist eine warme Mahlzeit an Bord eingeschlossen. Die eigentliche Hanse Sail findet draußen auf dem Wasser statt.

Die Fregatte

Die Fregatte

An Land gibt es den Rummel. Seine Attraktionen reichen vom „Ostfriesenlümmel“, einer „extra langen“ Mettwurst für sechzig Cent, über die „Tauchfahrt ins Grauen“ in einer beweglichen Röhre mit vierzig Sitzplätzen, und sie hören beim „Top Spin 2“ noch lange nicht auf. Dabei handelt es sich um eine riesige Schaukel, die sich in ruckartigen Bewegung bis zu einer Höhe von sechzehn Metern aufschwingt und dabei mehrfach überschlägt. Kinder, die kleiner sind als hundertvierzig Zentimeter, und Betrunkene haben keinen Zutritt. Die Fahrt kostet drei Euro.

Anrührend provinziell

Die Jahrmarktsensationen werden preiswerter als anderswo angeboten. Rostock ist keine reiche Stadt, auch wenn manche Ecken im Rücken des nach der Wende nutzlos gewordenen Hafengeländes, das übers Jahr als riesiger Parkplatz dient, wie frisch poliert scheinen. Die Arbeitslosenquote liegt bei fast zwanzig Prozent. Man hofft dort weiterhin auf die Sogkraft der Hanse Sail, die inzwischen ein wirtschaftliches Hintergrundeigenleben entwickelt hat. Sponsoren der Veranstaltung chartern historische Segelschiffe und laden Geschäftspartner zu den Törns ein, um auf schwankenden Planken die Zukunft zu verhandeln. Das funktioniert immer besser. Der Einsatz der Stadt für die Hanse Sail beläuft sich in diesem Jahr auf weniger als eine halbe Million Euro, der Umsatz erreicht fast das Hundertfache.

Die Seemannslieder

Die Seemannslieder

Vor diesem Hintergrund erscheinen die eigenen Repräsentationsveranstaltungen der Hanse Sail anrührend provinziell. Beim Captain's-Empfang etwa in der städtischen Hochschule für Musik und Theater im eigenwillig restaurierten Katharinenstift beglückwünschten Jeansträger mit wallenden Bärten und Schiffsnamen auf Vor- und Rückseiten ihrer Sweat-Shirts einander zu Wimpeln und Urkunden, die zum Abschluß der mehrtägigen Regatta von Karlskrona in Schweden nach Rostock ausgegeben wurden, und dafür, daß Schiff und Mannschaft zum wiederholten Mal in Rostock festmachten.

Volk blieb Staffage

Dann führten gertenschlanke Models Abendkleider eines Designers aus Krakau vor, und die Square-Dance-Truppe „Sea Gulls“ aus Rostock johlte und tanzte. Auch anderntags beim Empfang der Marine auf der Fregatte Mecklenburg-Vorpommern, die in Warnemünde festgemacht hatte, blieb das Volk Staffage einer staubtrockenen Inszenierung um Militärmusik und Flaggenparade. Immerhin gab es eine Gemeinsamkeit zwischen den Offizieren und ihren Gäste auf dem Achterdeck und den Menschen unten am Pier: Alle tranken Bier aus Rostock.

Das Schifferklavier

Das Schifferklavier

Für die Erfolgsgeschichte der Hanse Sail steht heute ein Mann: der parteilose Roland Methling, den die Rostocker im Frühjahr zu ihrem Oberbürgermeister wählten. Er hat die Hanse Sail erfunden und zur größten Veranstaltung im Lande gemacht. Sein Lohn ist nun die politische Karriere. Bei der Eröffnung posierte er mit schäumendem Bierseidel auf der Bühne neben Ministerpräsident Ringstorff und Berlins Regierendem Bürgermeister Wowereit, der die Gelegenheit nutzte, neuerlich zu betonen, daß Berlin das dreieinhalb Autostunden entfernte Rostock als Hauptstadthafen betrachte.

Ein Nickerchen von Berlin entfernt

Die amerikanischen Kreuzfahrttouristen, deren Schiffe in Rostocks Kreuzfahrt-Dependance Warnemünde festmachen, sehen das genauso: Für sie ist Rostock von Berlin nur ein Nickerchen im Sonderzug entfernt, der die Schiffspassagiere vom Hafen in die Hauptstadt bringt. Rostocks wachsende Bedeutung in der maritimen Vergnügungsindustrie spiegelt auch die Zahl der Kreuzfahrtschiffe, die dort festmachen. In diesem Jahr werden es neunzig sein, für nächstes Jahr rechnet man mit hundertdreißig.

Der Matrose

Der Matrose

Doch übers Leben lernt man eher an Bord eines Segelschiffs. Nach diesem Motto hat sich ein Verein in Eckernförde benannt, der mehr als tausend Mitglieder zählt. Der Verein hat die Brigg „Roald Amundsen“ gechartert, das ehemalige Tankschiff der Nationalen Volksarmee wurde nach der Wende in Wolgast zum Traditionssegler umgebaut. An diesem feuchtkalten Tag hat Klaus Alde das Kommando. Der Marineoffizier im Ruhestand führt das Schiff auf zwei Törns im Jahr, ganz zum eigenen Vergnügen, wie er betont. Und zur Unterrichtung der Gäste. Mit einigen Kreidestrichen auf dem Holzdeck erläutert Alde die Unterschiede zwischen Brigg, Bark und Schoner und wie der Wind wehen muß, damit aus einem plumpen Rahsegler ein Langstreckenrennschiff wird.

Durch die aufgewühlte See

An diesem Tag gilt es, bei der Sponsorenregatta gut abzuschneiden. Statt der üblichen vierzigköpfigen Mannschaft hat der Kapitän nur acht Mitsegler zur Verfügung. Sie werden mit knappen Befehlen vom Mast-Captain geleitet. Leila ist im richtigen Leben Tierärztin und hat sich ihre Position an Bord binnen weniger Jahre erarbeitet. Auch das Segeln auf dem Traditionschiff folgt strengen Regeln, die in der Sportsegelschifferschein-Verordnung festgelegt sind. Innerhalb von vier Jahren muß der Kandidat für den Traditionsschiffereintrag einen umfangreichen Katalog von Voraussetzungen nachweisen.

Immerhin stehen die Gäste an Bord während der Manöver nicht im Weg. Sie sind vollauf damit beschäftigt, sich an allem festzuhalten, was Halt verspricht. Das Schiff rollt durch die aufgewühlte See - sieben Meilen hinaus auf die Ostsee, sieben Meilen zurück. Dann ist die Regattastrecke absolviert. Am Ende hat die „Roald Amundsen“ den zweiten Platz belegt. Von zwei gewerteten Schiffen.

Text: F.A.Z., 18.08.2005, Nr. 191 / Seite R8
Bildmaterial: F.A.Z. - Christian Thiel

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