Hotellerie

Sternenlose Nächte

Von Andreas Lesti

Die Temperatur des Kalten Krieges: Im Null Stern Hotel gibt es keine Heizung, da sollte man sich besser warm anziehen zum Schlafen.

Die Temperatur des Kalten Krieges: Im Null Stern Hotel gibt es keine Heizung, da sollte man sich besser warm anziehen zum Schlafen.

11. Juni 2009 Teufen, eine Gemeinde im Appenzeller Land, hübsch auf einer Anhöhe südlich von St. Gallen gelegen, hat Prunkanwesen und Villenfassaden, einen Millionärsanteil von etwa fünf Prozent und die höchste Ferrari-Dichte der Schweiz. Und seit zwei Tagen hat Teufen ein „Null Stern Hotel“.

Dieses erste „Null Stern Hotel“ der Welt befindet sich - Achtung - in einem Nuklearbunker, und weil es sich als Luxus-Antithese versteht, passt es besonders gut in eine der reichsten Gemeinden der Schweiz. Die Gemeinde wiederum dürfte es freuen, dass das neue Hotel nicht weiter auffällt. Nur ein Schild und eine kleine Treppe, die unter einem Altersheim und neben zwei Garagentoren zu einer zehn Zentimeter dicken Stahltüre führt, weist auf Teufens neue und skurrile Übernachtungsmöglichkeit hin.

Der Service wird hier eher klein gehalten, dafür gibt es Wärmflaschen umsonst - das hilft gegen die ungemütlichen 15 Grad.

Der Service wird hier eher klein gehalten, dafür gibt es Wärmflaschen umsonst - das hilft gegen die ungemütlichen 15 Grad.

Das „Null Stern Hotel“ ist weniger und zugleich auch mehr als ein gewöhnliches Hotel. Weniger, weil es schlicht, kalt und nicht nur stern-, sondern auch weitgehend servicefrei ist. Und es ist mehr, weil seine Erfinder, die Konzeptkünstler und Zwillingsbrüder Frank und Patrik Riklin aus St. Gallen, das Hotel als Kunstprojekt verstehen. Die beiden sind 35 Jahre alt, haben lange, dunkle Haare und Vollbärte. „Die Hoteleröffnung“, sagt Frank Riklin, „war eigentlich wie eine Ausstellungseröffnung. Nun ist das Hotel Alltagskunst. Deswegen macht es nichts aus, wenn mal zwei Monate lang kein Gast kommt.“ Allein der letzte Satz sollte bei allen Hoteliers der Welt Irritationen verursachen.

Ein Bett im Bunker

So ähnlich, wie das „Null Stern Hotel“ bei einem Gast Irritationen verursacht: Schon mit den ersten Schritten in den Bunker merkt man, dass es hier genauso aussieht, wie man sich so einen Bunker vorstellt. Kaum etwas wurde kaschiert, verändert oder beschönigt. Und doch folgt alles einem künstlerischen Konzept. Patrik Riklin sagt: „Wir kreieren nichtreale Situationen, immer mit einem Hauch von Fiktion. Und wenn man dran kratzt, dann sieht man die Wahrheit.“ Seine Worte verhallen zwischen den Betonwänden.

Ursprünglich hätte das erste „Null Stern Hotel“ nicht in Teufen, sondern in Sevelen im Rheintal eröffnen sollen. Die Gemeinde Sevelen hatte im Mai 2008 den Anstoß für das ganze Projekt gegeben: Sie hatte die Riklin-Brüder beauftragt, eine nicht mehr gebrauchte Zivilschutzanlage in eine Übernachtungsmöglichkeit zu verwandeln. Der Kontrast und das künstlerische Spannungsfeld zwischen Hotel und Bunker reizte die beiden sofort, und als ihnen der Name „Null Stern Hotel“ einfiel und sie feststellten, dass es diesen Begriff noch nicht gab, er nicht geschützt und die Internetdomain noch frei war, nahm das Projekt langsam Gestalt an.

In der sogenannten Lounge liegen Militärmatratzen am Boden, und an der Wand hängt eine der Frischluftanlagen mit ihren silbernen Röhren. „Luftschutzventilator System Mengen“, steht darauf. Weiter hinten dreht sich das „Glücksrad“. Weil es im Bunker nur zwei Duschen gibt, soll dieses Zufallsrad, aus einer Fahrradfelge gemacht, entscheiden, welcher Gast zuerst duschen darf. Und weil im Bunker nicht geheizt wird - da zu teuer - hat es ungemütliche 15 Grad. An einer Wäscheleine hängen, wie nasse Kleidungsstücke, rote Wärmflaschen.

Ein Bett geht um die Welt

Noch in Sevelen hatten Frank und Patrik Riklin im Oktober letzten Jahres ein „Probeschlafen im Bunker“ veranstaltet. Mit einigen Freunden, Bekannten und ein paar Journalisten. Einer von ihnen schrieb später eine Meldung für „Associated Press“ (ap). Und was das ausgelöst hat, erstaunt die beiden Brüder noch heute: Innerhalb von wenigen Stunden wurde die Lokalmeldung zur Weltinformation. Nach dieser ersten Testnacht rief plötzlich jemand von Associated Press aus Frankfurt im Atelier der Riklins an und fragte, ob sie ein paar Hotelbilder schicken könnten. Sie waren etwas verwundert, schickten die Bilder raus und gingen in eine Kneipe. „Als ich nachts nach Hause kam“, erzählt Patrik, „machte ich noch mal den Computer an und gab bei Google ,Null Stern Hotel' ein. Ich kann nur sagen: Ich habe gezittert!“ Überall seien ihre Fotos mit deutschen, englischen, arabischen und russischen Artikeln zu sehen gewesen. „Ich konnte es kaum glauben: Wir stellen ein Holzbett in einen Bunker - und es geht um die Welt.“ In den nächsten Wochen hätten sie „schon tausend Nächte verkaufen können“. Und als sie dann im November eine zweite Testnacht durchführten, kamen 25 Zeitungen, Magazine und zwölf Fernsehteams mit großen Kameras. Das Problem war nur: Das „Null Stern Hotel“ war noch immer nicht offiziell eröffnet und seine Verwirklichung ziemlich ungewiss. Die Gemeinde Sevelen stellte sie vor bürokratische Hindernisse, plötzlich machte das Militär wieder Ansprüche auf den Bunker geltend, und irgendwann stand der Gemeinderat nicht mehr hinter dem Projekt.

Frank und Patrik Riklin erkannten schließlich, dass sie sich einen neuen Bunker suchen mussten. In Teufen fanden sie einen, und der Gemeinderat bewilligte das Projekt innerhalb von einer Stunde, einstimmig. Und erst mit der Eröffnung des ersten „Null Stern Hotels“ erreicht die künstlerische Absicht der Riklin-Brüder die Welt, und weil es nun ganz real um ihr künstlerisches Programm geht, fallen sich Frank und Patrik Riklin immer wieder gegenseitig ins Wort. „Du hast jetzt schon so lange gesprochen“, sagt Frank, und Patrik fährt selbstironisch fort: „Das ist schwierig bei uns“, sagt Patrik und fährt fort: „Am Ende war Teufen viel passender als Sevelen. Ein Künstler stellt sein Bild in einer Galerie ja auch dort auf, wo es am besten wirkt“, und Frank fährt fort: „Wir sehen uns ja nicht als klassische Künstler, sondern als Alltagskünstler. Und die beste Kunst ist die, die nicht als Kunst wahrgenommen wird“, und Patrik fährt fort: „Deswegen wird das ,Null Stern Hotel' erst jetzt zum Kunstwerk, wenn es bewohnt wird“, und Frank fährt fort: „Ein Buch muss man ja auch lesen, um die Absicht des Autors zu erkennen.“

Sieben Betten auf einen Streich

Im Raum „SR Abt 1“ sind die Wände himmelblau. „Das hier ist die Rezeption“, sagt Frank Riklin, und im Stil eines Luxushotels steht hier seit zwei Tagen ein „modern butler“, ein Schüler der „Swiss Hotel & Business Management School“ in Luzern, der hier ein sechsmonatiges Praktikum absolviert und mit weißen Handschuhen und schwarzer Fliege die Gäste freundlich begrüßt, die Betten macht und sich ums Wohlbefinden der Bunkergäste bemüht.

In den Schlafräumen mit je sieben Betten sind die Wände hellgrün, die Decken grau, und Neonröhren verbreiten eine künstliche Atmosphäre. „Im Kriegsfall hätten hier 150 Personen reinpassen müssen. Wir haben 14 - das ist Luxus!“, sagt Frank Riklin und erzählt, dass die Betten aus einem Teufener Viersternehotel stammen, das schließen musste. In die Nachtkästchen sind Radios integriert. Es hat etwas von einem James-Bond-Film aus den 70er Jahren. „Wir bringen Gemütlichkeit an einen Ort, an dem man nie freiwillig schlafen würde“, sagt Patrik Riklin und nimmt einen Nachttopf aus einem der Biedermeierschränkchen.

Mit ihren Kunstprojekten geht es den Riklin-Brüdern auch immer um die Störung von Systemen. In diesem Fall: die Systeme Tourismus, Hotellerie und Sterne-Klassifikation. Mit Erfolg. Der Schweizerische Hotelverband hat sich bereits schriftlich an die Brüder gewandt, sie darauf hingewiesen, dass ihr Projekt wegen des zertifizierten Sternesystems nicht ganz unproblematisch sei, und ihnen vorgeschlagen, sie mit in ihre Klassifizierung aufzunehmen. Natürlich lehnten sie ab. Sie haben sich für das Angebot bedankt und darauf verwiesen, dass es ihnen als Künstler nicht um diese Klassifizierung geht. Nun sagen sie: „Mit dem ,Null Stern Hotel' unterlaufen wir das Machtgefüge der Hotelverbände und schaffen eine Neudefinition von Luxus.“ Und Frank Riklin fragt: „Was ist, wenn das gut wird?“ Wenn also eines Tages „Null Stern Hotels“ nicht nur Kultstatus, sondern in attraktiven Gebäuden tatsächlich ein gewisses Niveau haben? „Dann ironisieren wir das Sternesystem.“ Die Vermarktungsgleise haben die beiden jedenfalls schon gestellt. Eine internationale Beratungs- und Dienstleistungsfirma für Hotellerie und Tourismus ist gerade dabei, das Konzept zu einem, wie es heißt, „weltweit funktionierend, kommerziellen Unternehmen zu entwickeln“. Was daraus wird, ist noch nicht klar. Vielleicht ein „Null Stern Hotel“ in einer leerstehenden Züricher Bank? Vielleicht ein weiteres in einem verlassenen Konsulat in Berlin oder in einem verwaisten Supermarkt in London? Zeiten wie diese lassen der Phantasie jedenfalls viel Spielraum.

Das „Null Stern Hotel“ in Teufen (Appenzell-Ausserrhoden, Schweiz) hat am 5. Juni eröffnet. Eine Übernachtung kostet zwischen 10 und 30 Schweizer Franken. Von 14 bis 17 Uhr ist das Hotel als Museum geöffnet (Eintritt 5 CHF). Mehr Informationen unter www.null-stern-hotel.ch

Bildmaterial: h.o.

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