Von Karen Horn
10. Juli 2008 Das Drinnen ist draußen und das Draußen drinnen. Alles verschmilzt, nichts lässt sich künstlich trennen. Beim ersten Blinzeln schon springen einen Berge und Seen an, wenn man in der kleinen, hellblau angestrichenen "Hütte" aufwacht, der "Petite Cabane" mitten in den Weinbergen weit oberhalb des Genfer Sees. Das Schlafzimmer ist nicht nur Schlafzimmer, es ist vielmehr zugleich ein Spähposten. Viel mehr Platz als für ein Doppelbett ist hier nicht, der Blick hat keinerlei Ablenkung, von der Natur trennt einen nur die Terrassentür. Sie macht die gesamte Vorderfront des Zimmers aus und lässt sich vollständig zur Seite schieben.
Und dann verstellt gar nichts mehr den Blick auf ihn: den See. Den zweitgrößten See Mitteleuropas, nach dem Balaton. Der Léman, besungen von Dichtern wie Lord Byron bis Carl Zuckmayer, ist der See schlechthin, sowohl mit seiner beeindruckenden Größe von 582 Quadratkilometern als auch mit seiner Lage am Fuße des Chablais. Er ist einfach der See - nichts anderes signalisiert auch sein Name, schlicht abgeleitet von dem griechischen Wort "Limne", See. Genfer See? Genf? Die Stadt liegt doch am letzten Zipfel der großen Wasserfläche, wo die Rhône endlich alleine weiterreisen muss, fast schon in Frankreich! Dieser Name ist den Nicht-Genevois seit eh und je ein Stein des Anstoßes.
Winzig, doch sehr bequem
Ist das Wetter noch so garstig, von innen, in der Geborgenheit der liebevoll und mit vielen Annehmlichkeiten eingerichteten Cabane, ist die Außenwelt immer schön. Ist der Himmel blank, dann badet der Gast im gleißenden Sonnenlicht. Die Berge gegenüber scheinen zum Greifen nahe, umkränzt von weißen Dunstwölkchen. "Die Savoyer trocknen ihre Wäsche mal wieder draußen", sagt man hier dazu. Man mag sie nicht sonderlich, die Franzosen von gegenüber, die immer wieder versucht haben, das Land zu erobern, bis die Genfer sie in die Flucht schlugen, das letzte Mal im Kampf gegen Karl Emanuel von Savoyen in einer Dezembernacht im Jahre 1602. Und man ist nicht böse, dass die Savoyer, was den Ausblick angeht, rund um den Genfer See eindeutig die Verlierer sind: Der Blick von Frankreich auf die Schweizer Seite ist unspektakulär, das Relief der Voralpen ist mit dem Chablais nicht zu vergleichen, und die waadtländische Kapitale Lausanne in der Mitte ist - nun ja, eine Stadt eben.
Im Grunde ist die "Petite Cabane" so etwas wie ein einsames Zelt auf einer Bergwiese. Nur ist das winzige Häuschen auf gerade 17 Quadratmetern viel bequemer. Die Inhaber, Annette und Felix Mann, haben es selbst hergerichtet und mit Komfort und Design ausgestattet. Jeder Winkel ist intelligent genutzt, von der Küche mit Espressomaschine, Kühlschrank und Geschirrspüler bis hin zum Schrank unter der Treppe und dem Badezimmer im Keller.
Für Einsiedler auf Zeit
Für das Leben auf der Terrasse und im Garten ist ebenfalls an alles gedacht: Es gibt ein Barbecue-Set, Liegestühle und eine Freiluftdusche. Ein Häuschen, optimal für Einsiedler, für Menschen, die komplette Ruhe suchen und sich gern einmal jedem Außenkontakt entziehen. Selber kochen und auf der Terrasse gleichzeitig das Essen, einen lokalen Wein und den Blick genießen - das ist unschlagbar. Morgens allerdings ist das nicht nötig: Wer mag, bekommt von Annette Mann das Frühstück gebracht. Mit selbstgemachten Marmeladen und Bauernbrot.
Der größte Charme ist hier der Kontrast: zwischen Ursprünglichkeit und modernem Design, zwischen Einfachheit und Komfort. Für geschäftige Geister ist die Einsamkeit fast beängstigend. Das Häuschen ist von der Landstraße aus kaum zu sehen, es steht auf einer Wiese oberhalb des ursprünglichen Dörfleins Clarmont. Ganze 144 Einwohner zählt Clarmont. Es ist noch eines von jenen Schweizer Dörfern, wo die Postanschriften ohne Straßenangabe bleiben. Die Wiese sieht in der Blütezeit so aus, als wollte sie für Kräuterzucker Werbung machen - ein Nasenkitzel in jeder Hinsicht. Nur ein anderes kleines Wochenendhäuschen gibt es hier, die beiden betagten Besitzer kommen gelegentlich vorbei, grüßen freundlich, lassen ihren Hund herumtollen und ihn die Schmetterlinge ankläffen. Sie sitzen im Garten, jäten Unkraut oder ernten im Sommer Obst. Nichts stört die Harmonie. Hier ist Heimat. Und so gilt für diesen Ort derselbe Satz, der auch das traditionelle Restaurant "La Perle du Lac" in Genf ziert: "Heureux qui sur ces bords peut longtemps s'y reposer. Heureux celui qui les revoit s'il a dû un jour les quitter."
Buchung Eine Nacht in La Petite Cabane in Clarmont kostet 105 Euro, eine Woche 633 Euro, das Frühstück wird für sechs Euro pro Tag vorbeigebracht. Weitere Informationen unter www.lapetitecabane.ch oder unter Telefon 00 41/2 18 00 31 41.
Text: F.A.S.