Bodensee

Aida hat den besten Seeblick

Von Volker Mehnert

Trügerisches Idyll: Die Mündung des Rheins muss mit Hilfe von Eindämmungen fünf Kilometer weit in den Bodensee vorgeschoben werden. Sonst würden die Mitbringsel des Flusses aus den Alpen die Ufer versanden lassen.

Trügerisches Idyll: Die Mündung des Rheins muss mit Hilfe von Eindämmungen fünf Kilometer weit in den Bodensee vorgeschoben werden. Sonst würden die Mitbringsel des Flusses aus den Alpen die Ufer versanden lassen.

20. November 2009 Ein dicker Felsbrocken lag mitten auf den Schienen. Weil das Nostalgiebähnchen aber nur mit fünfzehn Stundenkilometern am Rheinufer entlangzuckelte, konnte der Lokführer ganz sacht bremsen und den Zug rechtzeitig zum Stehen bringen. Mit einem Wagenheber und einer Brechstange hievte er den Wackerstein auf die Seite und nahm es gelassen: "Es gibt Leute, die mögen unser Bähnle nicht", lautete sein lakonischer Kommentar zu diesem Akt von Sabotage. Die Bahn, früher im Arbeitseinsatz beim Deichbau für die Rheinregulierung, wird seit drei Jahren von Eisenbahnenthusiasten erhalten und betrieben. Mit Elektro-, Diesel- und manchmal auch Dampfloks fahren sie Touristen an Wochenenden auf dem Hochwasserdamm hinein ins Naturschutzgebiet Rheindelta - und das ist offenbar manchem unduldsamen Vogelschützer ein Dorn im Auge.

Provokationen dieser Art sind an der Bodensee-Rheinmündung freilich selten, denn der Rhein spaltet zwar die Interessen seiner Anwohner, er zwingt sie aber gleichzeitig zur Zusammenarbeit. Schließlich spült ihnen der Fluss die Probleme gleich tonnenweise vor die Haustür. Jahr für Jahr schiebt er zwei bis drei Millionen Kubikmeter Geröll und Sedimente aus Graubünden hinunter zum Bodensee. Wollte man einen Güterzug damit beladen, reichte er von Bregenz bis nach Gibraltar. Im unteren Flussabschnitt ist das Gefälle so gering, dass der Rhein seine Fracht nicht mehr reibungslos voranbringt. Seit Menschengedenken schob er in seinem Bett deshalb immer wieder Gesteinsbrocken zu hinderlichen Barrieren zusammen, blockierte sich damit selbst und trat anschließend regelmäßig über die Ufer. Die Anwohner mussten mit verheerenden Überschwemmungen leben, viele kamen dabei um.

Grünliches Rheinwasser, dunkelblaues Seewasser

Schöner sterben: Verdis “Aida“ wird bei den Bregenzer Festspielen als Wasseroper mit Blick auf den Bodensee inszeniert.

Schöner sterben: Verdis "Aida" wird bei den Bregenzer Festspielen als Wasseroper mit Blick auf den Bodensee inszeniert.

Ende des neunzehnten Jahrhunderts begannen Schweizer und Österreicher nach jahrzehntelangen Verhandlungen mit der Flussbegradigung und später mit der Einengung des Flussbettes durch Dämme, um die Fließgeschwindigkeit des Wassers zu erhöhen. Die Überschwemmungen wurden seltener, doch der Rhein sorgte für ein neues Problem. Er schob nun seine alpinen Mitbringsel vermehrt in den Bodensee und lagerte an seiner Mündung ein ständig wachsendes Delta ab. In nur hundert Jahren verschob er das Vorarlberger Ufer drei Kilometer weit in den See hinaus, zuletzt dreißig Meter pro Jahr.

Weil damit die Gefahr einer völligen Abtrennung und Verlandung der Bregenzer Bucht bestand, entschlossen sich die Anrainer zu einer radikalen technischen Lösung: Die Flussmündung wird derzeit im seichten Wasser mit Hilfe von Eindämmungen fünf Kilometer weit in den See hinein vorgestreckt - bis zur Abbruchkante zwischen der Flachwasserzone und dem tiefen Seegrund. Wie zwei parallele Nehrungen ragen die beiden Deiche in den Bodensee hinein, dazwischen fließt das grünliche Rheinwasser als helles Band mitten durch den dunkelblauen See.

Grundproblem für Generationen

Besonders dekorativ wirkt diese Farbkomposition aus der Luft. Aber auch wer mit dem Rheinbähnle über den Deich fährt oder mit dem Segelboot an der Mündung vorbeischippert, erkennt ganz deutlich die Wirkung dieser Maßnahme: Das kalte Gletscherwasser des Rheins vermischt sich kaum mit dem wärmeren Seewasser, sondern sackt mitsamt den Sedimenten sofort nach unten ab. Der Rhein kann auf diese Weise seine mitgeführten Ablagerungen über die Abbruchkante direkt in die tieferen Regionen des Sees hinunterspülen. Mittelfristig sind damit Überschwemmungen und Verlandung verhindert, doch das Grundproblem wird nur einige Generationen weitergereicht. Denn irgendwie und irgendwo muss der Rhein immer in den See hinein, und weil er mit seinem Gesteinstransport nicht aufhört, wird er den Bodensee weiter auffüllen und im Verlauf der nächsten zwanzigtausend Jahre zuschütten.

Bislang aber hat ausgerechnet der gewaltige Einsatz von Schaufeln und Baggern ein Naturreservat geschaffen, wie es in Europa fast einzigartig ist. Die Rheinregulierung, ein zunächst ausschließlich vom Hochwasserschutz motiviertes technisches Projekt, hat das rasche Anwachsen des Deltas gefördert, das inzwischen weitgehend einer selbständigen Entwicklung überlassen wird. Entstanden ist auf diese Weise eine vom Menschen initiierte Landschaft, die vollkommen natürlich erscheint, aber zum Teil erst wenige Jahrzehnte alt ist. Noch vor vierzig Jahren lagen in der Fußacher Bucht Sandinseln, die zwar noch immer diesen Namen tragen, sich aber längst in ein dicht mit Buschwerk und Wald überwuchertes Feuchtland verwandelt haben.

Besuch von Gemsen und Steinadlern

Vor allem die Vielfalt der Lebensräume und ökologischen Nischen rund um die Rheinmündung ist erstaunlich. Es gibt Streuwiesen, die vom Frühjahr bis zum Herbst in ständig wechselnden Farben blühen und die Mündungsebene des Rheins in eine betörende Duftlandschaft verwandeln. Dazwischen wachsen Auwälder, in denen die Silberweiden monatelang mit den Füßen im Wasser stehen. Sie gehen über in die Flachwasserzonen und Flussmündungen an den Rändern des Sees, die mit Überschwemmungswiesen und Schilfgürteln ideale Laichreviere für Fische sind. Umrahmt sind diese Feuchtgebiete von den felsigen Ausläufern des Bregenzer Waldes und der Appenzeller Berge, die es alpinen Pflanzen ermöglichen, bis fast zum Bodenseeufer zu wachsen. Sogar Gemsen und Steinadler wagen sich manchmal hinunter ins Ried.

Die Pflanzenvielfalt ist überwältigend, und es bedarf eines kenntnisreichen Botanikers, um Raritäten wie Sommerdrehwurz, Sumpfgladiole, Wassernabel oder Lungenenzian zu identifizieren. Vogelkundler sind nicht minder begeistert: Dreihundertfünfzig Arten haben sie im Rheindelta registriert, wobei auch seltene und bedrohte Arten wie Brachvögel, Braunkehlchen, Felsenschwalben, Schafstelzen und Zwergrohrdommeln einen Überlebensraum gefunden haben. Heimische Vögel mischen sich mit saisonalen Gästen, denn das Delta hat sich zu einem beliebten Rastplatz entwickelt: Mittelmeermöwen flüchten vor der italienischen Sommerhitze, Reiher aus Finnland und Westsibirien entkommen der heimatlichen Kälte, und beim durchdringenden Getriller der Singschwäne wähnt man sich im Winter akustisch in Skandinavien. Wenn der Naturfreund dann im Frühling auch noch eines der wenigen Braunkehlchen auf einer seltenen Irisblüte sitzen sieht, ist sein Beobachtungsglück vollkommen.

Harmonie zwischen Mensch und Natur

Neuerdings findet jeder Schritt der Rheinregulierung mit ökologischer Beratung statt. Und da kommt es vor, dass sich Naturschützer zunächst gegen eine Maßnahme wehren, deren Ergebnis sie hinterher in Verzückung bringt. Für den Hochwasserschutz zum Beispiel war es unabdingbar, das Deichvorland um einen Meter zu vertiefen. Die Zustimmung der Ökologen kam schweren Herzens, denn dafür musste der gesamte Pflanzenbewuchs zerstört und abgetragen werden. Doch nun können sie feststellen, dass sich auf den freien Flächen Pionierarten ansiedeln, die vorher nicht ansässig waren, weil sie gegen die bestehende Pflanzen- und Tierwelt keine Chance hatten.

Ganz ausgesperrt bleibt im Naturpark auch das Freizeitbedürfnis der Menschen nicht. Die meisten Naturschützer wünschen sich sogar ein wenig mehr Naturtourismus, um den außergewöhnlichen Charakter dieser Landschaft in der Öffentlichkeit bekannter zu machen. Bislang, so ihre Auffassung, sei das Rheindelta unterbewertet, fast noch ein Geheimtipp. Wie harmonisch es zwischen Mensch und Natur zugehen kann, beweisen zwei Ankündigungen auf einer Hinweistafel an der Halbinsel Rohrspitz, die sich nur auf den ersten Blick widersprechen: Da wird das Anlegen eines neuen Badestrandes begrüßt und gleichzeitig eine ökologische Revitalisierung des Seeufers gelobt. Wie das zusammengeht, zeigt sich an einem sonnigen Sommertag: Im kleinen Strandbad schleppen die Kinder Schwimmreifen und Gummiboote ins Wasser, dazwischen stehen Vogelkundler und beobachten durchs Fernrohr die Enten, die in unmittelbarer Nähe vor dem Schilfgürtel schwimmen und tauchen. Auf dem See wiederum halten die Schiffe peinlich genau die verordneten Abgrenzungen ein, und gleich dahinter schwimmen Trupps von scheuen Wasservögeln, während sich ein Dutzend Schwäne ungeniert unter die dümpelnden Boote mischt.

Armada der Segelboote

Eingebettet in diese ökologische Wunderwelt und doch ein wenig herausgehoben ist man auf dem Deich der Rheinvorstreckung. Wer von der Endstation des Rheinbähnles aus noch zwei Kilometer bis zur neuen Rheinmündung wandert, steht auf einmal mitten im Bodensee und hat einen fabelhaften Blick auf eine fabelhafte Landschaft: In der einen Richtung glitzert das grüne Gletscherwasser des Rheins, das im blauen See versinkt, auf dem Wasser schwimmt die Armada der Segelboote und Ausflugsdampfer, dahinter erheben sich die malerische Hafeneinfahrt und der Leuchtturm von Lindau. In der Gegenrichtung erstrecken sich die Feuchtgebiete des Deltas mit Lagunen, Auwäldern und Vogelkolonien, dazwischen rollen Radfahrer über den Rheindamm, und in der Ferne sieht man die verschneiten und vergletscherten Gipfel der Schweizer Ostalpen, aus denen Säntis und Schesaplana markant herausragen.

Nicht weniger beherrschend sind die Bauten, die regelmäßig am Rande des Rheindeltas auf dem See vor der Bregenzer Uferpromenade entstehen: mal eine italienische Renaissancefassade für die Oper "Nabucco", mal die New Yorker Skyline für das Musical "West Side Story" oder eher abstrakte Gebilde wie das stilisierte Riesenauge für Puccinis "Tosca" oder die fragmentarische Freiheitsstatue für die aktuelle Aufführung von Verdis "Aida". Die gigantischen Bühnenbilder der Bregenzer Festspiele überragen in jedem Fall die gesamte Bucht im Osten der Rheinmündung und sorgen alle zwei Jahre für eine vollkommen neue Perspektive.

Todgeweihte Wüstenbewohner

Ausgerechnet in der Wüstenoper "Aida", die während der Doppelspielzeit 2009 und 2010 aufgeführt wird, ist auch der Bodensee selbst nicht länger bloß dramaturgischer Hintergrund, sondern wird stärker in die Handlung einbezogen als je zuvor. Ägyptische Soldaten waten im seichten Wasser, äthiopische Sklaven werden in den See geworfen, es sprudelt plötzlich vor der Bühne, Schifflein fahren umher, kolossale Bühnenbilder tauchen während der Aufführung aus dem Wasser auf, Taucher und Techniker arbeiten in Neoprenanzügen rund um die schwimmenden Kulissen. Auch die tragischen Hauptpersonen Aida und Radames hauchen ihr Leben in einem Todesboot aus, anstatt, wie im Original, lebendig eingemauert zu werden. Wenn das Boot schließlich am Arm eines riesigen Krans in die Luft gehoben wird und die todgeweihten Wüstenbewohner mit ihm entschweben, haben die beiden Darsteller einen beneidenswert exklusiven Blick über den Bodensee, das Delta und die Rheinmündung.

Museum Rhein-Schauen: Höchsterstraße 4, A-6893 Lustenau, im Internet: www.rheinschauen.at. Die Ausstellung informiert über Hochwasserschutz und Rheinregulierung. In den Sommermonaten verkehrt von hier aus das Rheinbähnle über den Deich zur Rheinmündung.

Rheindeltahaus: Die Servicestelle für das Naturschutzgebiet liegt am linken Rheindamm nördlich von Fußach und informiert mit Broschüren und kleinen Ausstellungen über die Ökologie des Rheindeltas.

Bregenzer Festspiele: Die zweite Serie der „Aida“-Aufführungen findet vom 22. Juli bis 22. August 2010 statt. Kartenverkauf unter Telefon: 0043/ 5574/4076, Internet: www.bregenzerfestspiele.com.

Informationen: Bodensee-Vorarlberg Tourismus, Postfach 16, A-6901 Bregenz, Telefon: 0043/5574/434430, Internet: www.bodensee-vorarlberg.com.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Volker Mehnert

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