31. Juli 2007 Willkommen an Bord, begrüßt Annegret Folz die zwölf Passagiere in der geräumigen Gondel und verspricht für die kommende Stunde ein Flugerlebnis ganz besonderer Art. Doch zunächst schnallen Sie sich bitte an. Die freundliche junge Frau, die die Handhabung der Sicherheitsgurte erklärt, ist Flugbegleiterin des größten und einzigen Zeppelins der Welt, der derzeit Passagiere befördert - des Zeppelins Neue Technologie (kurz NT). Der Standort des fünfundsiebzig Meter langen und etwa siebzehn Meter hohen zigarrenförmigen Gefährts ist der Flughafen in Friedrichshafen am Bodensee: Das ist genau dort, wo am 7. Juni 1915 das Luftschiff LZ 41 zu seiner Jungfernfahrt abgehoben hatte.
Wie viele der ehemaligen Luftschiffe ist auch der Zeppelin NT am Bug fixiert, allerdings hängt er am ausgefahrenen Mast eines Spezialfahrzeugs, was den Start- und Landevorgang, der bei guten Wetterbedingungen drei Mann Bodenpersonal erfordert, erheblich erleichtert. Das ist beim Start auch vom Passagier zu bemerken, wenn das Luftschiff langsam abhebt, den davonfahrenden Mastwagen und den Zeppelinhangar unter sich lässt, bis es über dem Flughafengelände, der Stadt und schließlich über dem Bodensee schwebt.
Spaziergang am Himmel
Nach wenigen Minuten ist die vorgesehene Flughöhe von einigen hundert Metern erreicht, die Passagiere können frei in der zehn Meter langen Gondel umherspazieren und die Aussicht genießen. Von den drei Propellern, zwei an jeder Seite und einer am Heck des Luftschiffs, ist während des Fluges nur ein dezentes Rauschen zu hören. Dass man fliegt - davon ist ebenfalls kaum etwas zu spüren.
Seit 2001 gehört der Zeppelin NT, der 1997 seinen Jungfernflug absolvierte, zum festen Landschaftsbild am Bodensee. Drei Exemplare wurden bislang in der Zeppelinwerft in Friedrichshafen gebaut. Ein Luftschiff fliegt in Japan, ein anderes kreist über Südafrika, wo es beim Aufspüren von Diamanten hilft. Die Rundflüge am Bodensee führen entweder nach Osten in Richtung Lindau und Bregenz oder über den Westteil nach Meersburg und Konstanz. Die Route bestimmt der Pilot kurzfristig anhand der aktuellen Wetterlage. Bei zu starkem Wind und Gewitter können alle geplanten Flüge schon mal gestrichen werden. Am heutigen Tag nimmt der Zeppelin NT die Ostroute. Allerdings hängen die Wolken tief. Sicht und Flughöhe sind begrenzt.
125 Kilometer pro Stunde
Der Zeppelin NT ist technisch wesentlich ausgereifter als seine historischen Vorgänger. Während früher die Zeppeline mit brennbarem Wasserstoff gefüllt waren, wird heute Helium als Füllgas verwendet. Das Edelgas ist äußerst reaktionsträge und daher nicht entzündbar. Ein Unglück wie 1937 mit der Hindenburg in Lakehurst kann sich nicht mehr ereignen. Der Zeppelin NT sieht auch sehr viel eleganter aus als die aufblasbaren Prall-Luftschiffe, die als Werbefläche zuweilen den Himmel bevölkern. Von ihnen unterscheidet sich das Luftschiff aus Friedrichshafen vor allem durch seine Trägerstruktur, die einen Zeppelin erst als solchen definiert. Das stabile und nur tausend Kilogramm schwere Gestell aus dreieckförmigen Karbonfaserspanten und Längsträgern aus Aluminium ist von mehrschichtig laminiertem Polyestergewebe umhüllt.
Mehr als achttausend Kubikmeter Heliumgas fasst die Hülle, wenn sie prall gefüllt ist. Ein weitere Besonderheit sind die drei schwenkbaren Propeller, die das Luftschiff trotz seiner Größe äußerst wendig machen. So kann der Zeppelin in geringen Höhen langsam schweben, jederzeit in der Luft anhalten, vertikal wie ein Hubschrauber auf- und absteigen und bis zu vierundzwanzig Stunden fliegen. Die 200 PS starken Motoren ermöglichen eine maximale Reisegeschwindigkeit von 125 Kilometer pro Stunde.
355 Euro für eine Stunde
Betreiber des Zeppelins NT ist die 2001 gegründete Deutsche Zeppelin Reederei, die wie eine Fluggesellschaft für den routinemäßigen Flugbetrieb sorgt. Trotz des Preises von mehr als 300 Euro für einen einstündigen Flug ist das Konzept offenkundig erfolgreich. Mehr als sechzigtausend Fluggäste sind seither befördert worden. Die meisten davon waren Touristen, aber auch Einheimische, die ihr Zuhause einmal aus der Luft sehen wollten, sagt Katrin Runge, die für das Marketing verantwortlich ist. Die Betreiber hoffen auf einen weiteren Bekanntheitsgrad ihres Luftschiffs. Schließlich eigne sich der Zeppelin nicht nur als Werbefläche, wegen seiner besonderen Flugeigenschaften könne er auch für die Verkehrsüberwachung und für Fernsehaufnahmen, aber auch für die Atmosphärenforschung genutzt werden. Derzeit schmückt eine unbekleidete Dame den Zeppelin. Entworfen hat sie Stefan Szczensy im Rahmen des Kunstprojekts Insel Mainau - Ein Traum vom irdischen Paradies.
Unsere Reisegeschwindigkeit beträgt derzeit fünfzig Kilometer pro Stunde, unterrichtet Flugbegleiterin Annegret Folz die Passagiere in der Gondel, die ihre Nasen noch immer an die großen Sichtfenster drücken oder im hinteren Teil der Gondel Platz genommen haben, wo das große Panoramafenster einen freien Blick auf die Bodenseelandschaft erlaubt. Inzwischen befindet sich der Zeppelin NT auf dem Rückflug und setzt schon recht bald zur Landung an. Höchste Zeit also, wieder Platz zu nehmen und sich anzuschnallen. Der Pilot, Oliver Jäger, drückt den Steuerhebel zu seiner Linken leicht nach vorne.
Und am Schluss eine Urkunde
Man sieht in der Ferne bereits den Flughafen und den Landeplatz mit dem Kranwagen. Dann geht alles ganz schnell. Behutsam manövriert sich das Luftschiff aus eigener Kraft in die gewünschte Position. Zum Andocken wird die Bugleine vom Bodenpersonal mit der Leine am Mast gekoppelt. Eine Seilwinde zieht den Koloss an den Mast heran, wo der Bug im Ankerkonus verriegelt wird. Das dauert nur ein paar Minuten. Während die Passagiere nun nacheinander die Gondel über die schmale Treppe verlassen, werden Bleisäcke, jeder ist zehn Kilogramm schwer, in die Gondel gelegt. Sie sollen verhindern, dass der Zeppelin durch den plötzlichen Gewichtsverlust instabil wird.
Wie bei einer Ballonfahrt erhält jeder Fluggast zum Andenken eine Urkunde überreicht. Im Luftschiff fliegt man nicht, fährt man nicht, sondern reist man in der schönsten Art, die man mit dem Worte Reisen verbindet, ist darauf zu lesen. Die Worte stammen vom Luftfahrtpionier Hugo Eckener, der 1924 als Erster mit dem Zeppelin LZ 126 den Atlantik überquerte und 1931 mit einem Luftschiff zum Nordpol aufbrach. Zwar werden die Zeppeline wohl niemals mehr die Lüfte wie einst regieren, eine kleine Renaissance erleben sie derzeit aber allemal. Im Hangar der Reederei wird schon an einem vierten Zeppelin NT gebaut. Er soll ebenfalls zwölf Passagiere befördern können und kommendes Jahr in Dienst gestellt werden.
Buchung über das Büro der Deutschen Zeppelin-Reederei, Telefon 07 00/93 77 20 01, oder im Internet www.zeppelinflug.de. Einstündige Rundflüge über dem Bodensee kosten 355 Euro, am Wochenende 390 Euro. Die Flugsaison geht von Anfang März bis Mitte Dezember.
Text: F.A.Z., 26.07.2007, Nr. 171 / Seite R2
Bildmaterial: F.A.Z.-Manfred Lindinger, F.A.Z.-Manfred Lindinger