Skispringen

Hannawald für einen Tag

Von Eberhard Schade

Ein Traum: Skispringen wie Ahonen über Innsbruck

Ein Traum: Skispringen wie Ahonen über Innsbruck

10. Januar 2005 180 Stufen sind es bis ganz oben. 180 Stufen bis zum Schanzenturm. 180 Mal muß ich mit ansehen, wie geschmeidig Heikos Fersen auf seinen Fußballen abrollen, die Fußspitzen sich abstoßen und für einen Augenblick die durchtrainierten Waden anschwillen. Waden, doppelt so kräftig wie meine. Die Waden eines Skispringers.

Oben angekommen, steht eine Seilwinde hinter, hängt ein Stahlseil über mir. Dort, wo es heruntergeht, sind zwei Haltegriffe wie bei einer Trittleiter im Freibad. Davor hängt eine dünne Eisenkette, dahinter zeigen vier dünne, fünfzehn Meter lange Kanthölzer in einem Winkel von fünfundvierzig Grad direkt ins Tal. Von hier oben sieht das steil, sehr steil aus.

Wo Ski- und Langläufer auf den Bäumen wachsen

"Reinschieben. Runterfahren. Abspringen." Ganz cool sagt Heiko das. Der Mann in Bermuda-Shorts, Kapuzenpullover und Baseball-Kappe hat es hundert Mal gemacht, tausend Mal gesehen. Heiko Walter ist Betreiber des Skiflyers am Fellberg im thüringischen Steinach, einer Skiflugschanze für jedermann. Die Idee dazu kam ihm vor knapp zwei Jahren, als das Skispringen der Profis mit Sven Hannawald und Martin Schmitt einen neuen Boom erlebte und Millionen Zuschauer plötzlich vor den Fernseher lockte. Wo sonst könnte man Skispringen besser üben als im Thüringer Wald, wo es eine lange Tradition hat und Ski- und Langläufer quasi auf den Bäumen wachsen? Wo schon früher die Trainer nur über die Dörfer fahren, sich die Talente rauspicken und fördern mußten?

Heiko Walter zieht einen in einen kleinen Schuppen, den ehemaligen Sprungrichterturm. Das Trockentraining beginnt. Die Bude ist voll. Bernd, Felicitas mit ihren Söhnen Andre und Christopher aus Mannheim machen im Thüringer Wald Urlaub. Mutter und Kinder tragen graue Windjacken von Adidas, Turnschuh und Jeans, der Vater eine ballonseidene Jogginghose und ein viel zu großes Sweatshirt. Die Jungs haben die Schanze im Internet gefunden, nicht mehr lockergelassen, bis ihr Vater endlich den Selbstversuch gebucht hatte. Dann ist da noch Jens. Ein Typ wie Andre Agassi in Bermudas und Jesuslatschen. Er kommt aus Marburg, ist nur für den Sprung hier, muß danach gleich wieder zurück. Sechshundert Kilometer auf der Autobahn für die paar Sekunden in der Luft. Für Heiko ist das nichts Neues, nichts Außergewöhnliches.

Wir landen nicht, wir werden abgeseilt

Unser Trainer nimmt jetzt einen alten Pappbecher und eine Pfeile und demonstriert, was passiert, wenn der Becher sich nicht dem Winkel der Schanze anpaßt. Er kippt nach hinten um. Der Becher, das sind wir. Um zu verhindern, daß wir umkippen, sollen wir unsere Zehen beim Absprung hochziehen und unseren Körper gespannt halten, sagt Heiko. So lange, bis wir unten in die Bremse reinsausen. Denn natürlich landen wir hier nicht. Wir werden abgeseilt. Das ist aber auch das einzige, was unseren Amateurflug von einem Profisprung unterscheidet.

Als nächstes verteilt Heiko Walter Sicherungsgurte. Es sind dieselben, die Bergsteiger tragen. Beim Anlegen wird an herabhängenden Strippen so lange gezogen, bis alles straff sitzt. Bei Männern zieht das im Schritt. Dennoch tut der Gurt gut - vor allem den Nerven.

Felicitas hat den Tunnelblick ins Tal

Oben wartet Rene. Er wird uns sichern. Unten im Tal steht noch Susi. Sie seilt uns ab. Rene ist Mitte Dreißig, kräftig gebaut, hat warme Augen. Spricht nicht viel. Überhaupt ist es jetzt still auf dem Schanzenturm. Fast andächtig.

Felicitas ist die erste. Sie ist blaß, ihre Lippen sind farblos, die junge Mutter hat den Tunnelblick ins Tal. Woran mag sie jetzt nur denken? An ihren Kreislauf? Ihre Lebensversicherung? Ihren Mann, der in diesem Moment nichts Besseres zu tun hat, als seine ängstliche Frau zu filmen? "An gar nichts", stammelt sie nur, "ich muß mein Gehirn ausschalten, sonst spring' ich nicht."

Beim Anfahren geht Felicitas nicht richtig in die Hocke, auch ihr Körper ist nicht richtig gespannt. Egal. Eins hat sie allen hier oben voraus. Sie hat sich, als die Ampel auf Grün umsprang, einfach abgedrückt. Ist jetzt unten. Und wir oben wissen, daß es jetzt kein Zurück gibt. Das wissen auch Rene und Heiko. Sie grinsen nur.

Rudern wie die Suppenhühner

Nach Felicitas patzen auch Andre und Christopher beim ersten Sprung. Beide rudern schon oben auf der Schanze mit den Armen wie Suppenhühner. Das rächt sich während des Fluges. Profis, erzählt Heiko, würden bei solchen Fehlern nach vierzig, fünfzig Metern versuchen zu landen. Oder böse stürzen.
Nur Jens gibt eine gute Figur in der Luft ab. Die Haltungsnoten aber, die Rene verteilt, gehen völlig unter. Für alle hier zählt nur der Sieg über den inneren Schweinehund.

Dabei liegt das Tal, wenn man oben steht, gar nicht so tief, nur etwa fünfzig Meter weiter unten. Der Flug ist aber dreimal so weit, hundertfünfzig Meter. Und dauert zwölf lange Sekunden. Auch ich will jetzt hier nur noch heile herunter. Durch die breiten Skispitzen fällt der Blick ins Tal, das noch nie so bedrohlich erschien. Herzrasen ist jetzt normal, selbst Sven Hannawald hat das, der einzige, der 2002 alle vier Wettbewerbe der Vierschanzentournee gewinnen konnte. Und der sich im Freibad nicht einmal traut, vom Fünf-Meter-Brett zu springen.

Niederknien wie „Hanni“

Das Licht ist grün, ich gehe in die Spur - und fliege. Unten angekommen, läßt mich Susi noch eine Weile im Geschirr hängen. Ich habe Schmerzen, überall. An der Schulter, im Rücken, wieder kneift es im Schritt. Egal.

Am Boden würde ich am liebsten wie "Hanni" niederknien, die Arme auf die Knie stützen, fassungslos vor Freude den Kopf schütteln. Oder mich auch nur leise freuen wie der Finne Janne Ahonen, der in diesem Jahr die Vierschanzentournee gewonnen hat. Ich tue es aber nicht. Es wäre albern. Fast alle sind schon weg. Felicitas und Bernd verstauen die Urkunden im Auto. Jens ist längst auf der Autobahn. Nur Andre und Christopher sind noch da. Sie schauen, genau wie ich, ein letztes Mal hoch zum Schanzenturm.

Steinach liegt im südlichen Teil des Thüringer Waldes. Die Skiflyer-Anlage ist für Einzelpersonen und Gruppen ganzjährig Tag und Nacht buchbar. Das Programm besteht aus zwei Sprüngen und kostet pro Person 35 Euro. Anmeldung erforderlich über das Info-Telefon 0700/77007711 oder per E-Mail: info@roc-team.de.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.01.2005, Nr. 1 / Seite V2
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Warten Sie nicht bis zum nächsten Urlaub. Genießen Sie Ihr Wochenende an einem der schönsten Orte Europas! Entdecken Sie tolle Kurzreisen unter reiseclub.faz.net

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche