Von Barbara Schaefer
25. September 2004 Um vier Uhr morgens klopft Kurt, der Bergführer, an die Holztüren der Zimmer. Mit betrübtem Gesichtsausdruck sagt er: "Miaß mer amol schaun, wos mir mochn." Regen peitscht an die Fenster der Payerhütte. Von hier aus, auf 3020 Meter Höhe, gibt es nur ein Ziel: den Ortler. Um vor den nachmittäglichen Gewittern wieder im Tal anzukommen, beginnt der Aufstieg frühmorgens. Doch daran ist jetzt kaum zu denken. Schweigend versammeln sich zehn Bergsteiger im Gastraum. Die Hüttenwirtin Filomena Wöll schlägt vor, Frühstück zu machen, dann könne jeder überlegen, ob er losgehen oder abwarten wolle. Kurt verspricht, um sechs Uhr seine Schützlinge wieder zu wecken.
Der Ortler steht am westlichen Ende der Ostalpen, und er stand über die Jahrhunderte symbolisch für viele verschiedene politische, geographische und alpine Ideen. Er gehörte zum k. u. k. Reich und wurde in einer verwegenen Aktion zum ersten Mal von einheimischen Bergsteigern erstiegen. Berühmte Kartographen kletterten auf ihm herum, um ihn im Auftrag des Militärs zu erfassen. Sein Gipfel war grausam umkämpftes Grenzgebiet zu Italien, später wurden seine Wände Tummelplatz ambitionierter Alpinisten.
Die höchste Spitz im ganzen Tyrol
Um diese Uhrzeit, um vier Uhr morgens, war Josef Pichler schon seit zweieinhalb Stunden unterwegs. Es ist der 27. September 1804, und auf Wunsch von Erzherzog Johann soll die "höchste Spitz' im ganzen Tyrol", der 3905 Meter hohe Ortler, erstiegen werden. Der junge Erzherzog beauftragt damit seinen Bergoffizier Gebhard, dieser versucht mit Hilfe einiger Einheimischer mehrere Male, den Berg zu bezwingen, doch alle Versuche scheitern. Schließlich meldet sich der Gemsenjäger Josef Pichler. Um halb zwei Uhr morgens bricht er gemeinsam mit zwei Zillertaler Bergsteigern von Trafoi aus auf. Sie starten auf fünfzehnhundert Meter Höhe und klettern zweieinhalbtausend Höhenmeter durch die gänzlich unbekannten Hinteren Wandlen. Pichlers gefährliche, steinschlaggefährdete Route führt, soweit es geht, über Felsen, denn dem Gemsenjäger ist dieses Gelände vertrauter, als es die Gletscher sind. Neun Stunden später stehen Pichler und seine Mitstreiter auf dem Gipfel. Bergoffizier Gebhard kann an den Erzherzog melden: "Es ist vollendet, das große Werk!"
Ein sauber geputzter blauer Himmel spannt sich über das Hochtal von Sulden, zweihundert Jahre nach Pichlers Erstersteigung. In der alpinen Literatur wird Suldens Hausberg nur "König Ortler" genannt. Das klingt reichlich lächerlich, bis man erstmals die massige Gestalt dieses Souveräns über Sulden aufragen sieht. Über Lärchenwäldern, Wiesen, endlosen Schuttkaren und schließlich immer steiler werdenden Felswänden baut er sich auf, ein breitschultriger Berg, ein Koloß mit weißem Haupt. Er flößt gleichermaßen Schrecken und Begierde ein. Von rechts zieht ein Felsgrat zu seinem Gipfel hin, dort oben, unglaublich ausgesetzt und vom Tal nur winzig klein auszumachen, steht die Payerhütte. Sie wurde 1875 von der Sektion Prag des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins gebaut und trägt den Namen eines Mannes, der die Schrecken des Eises nicht fürchtete: Julius Payer, Bergsteiger und später Polarforscher. Er bestieg von 1865 an im Ortlergebirge mehr als zwanzig Gipfel als erster, kartographierte die Region, auch zu militärischen Zwecken.
Weiß und grau vor blauem Himmel
So strahlend weiß und felsengrau vor blauem Himmel zeigt sich der Ortler nur am Ankunftstag. Dann ziehen Wolken auf, Tag für Tag. Sie geben dem Berg eine Mimik: Wenn Schatten über ihn ziehen, scheint er manchmal zu grübeln, manchmal zu drohen. Noch ist unklar, wann er eine Besteigung erlauben wird, wann wir also zur Payerhütte aufsteigen. Im Büro der Ortler-Alpinschule laufen die Gäste Gräben ins Linoleum. Sollen wir hoch, sollen wir nicht? Die Bergführer lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Einer wie Kurt redet ohnehin nicht viel. Er spricht bedächtig und bewegt sich auch so, wie fast alle Bergführer, die das Gegenmodell zum Skilehrer sind. Bergführer setzen Worte so präzise wie Schritte am Berg. Wer Hunderte Male den schwierigen, steinigen Weg auf den Ortler gegangen ist, muß sich nicht beeilen. Er muß nur wissen, was er tut.
Das Wetterfax verspricht Besserung für einen Tag. Es geht los. Auf halbem Weg zur Payerhütte steht die Tabaretta-Hütte. Solche Unterkünfte meiden Alpinisten. Lärmend vergnügen sich hier Wandergruppen und Spaziergänger. Auf der Payerhütte am späten Nachmittag hingegen ist kaum mehr zu hören als das Ticken der alten Wanduhr. Der jetzige Bau stammt von 1904, das hundert Jahre alte Lärchenholz im Gastraum ist längst so dunkel wie Nußbaum. Alte Bergsteigerfotos hängen an den Wänden, auch ein Bild des Suldener Führers Kurt Fritz, der 1993 zusammen mit seinem Gast, dem japanischen Botschafter, von einer Lawine getötet wurde.
Am Anfang und am Ende der Saison sei es oft ruhig, sagen Hermann und Filomena Wöll. Seit siebzehn Jahren bewirtschaften sie "die Payer", die sich wie ein Zacken auf dem Rücken eines Leguans auf dem Tabaretta-Kamm erhebt. Zehn Gäste, mehr werden es nicht an diesem Abend. Und schließlich kommt Bergführer Kurt, Kurt Ortler. Die Frage, ob erst der Berg oder einige Höfe hier so hießen, ist wie die Frage nach der Henne und dem Ei. Jedenfalls ist Ortler ein häufiger Name im Tal.
Ortler heißen hier viele
Kurt Ortler ist siebenunddreißig Jahre alt und der jüngste Bergführer Suldens. Die jungen Männer im Tal haben kein Interesse mehr an diesem Beruf. "Die wollen freie Wochenenden und geregelte Arbeitszeiten", sagt Ortler. Er sei mit Leidenschaft Bergführer, ein Leben "unten im Dorf" könne er sich nicht vorstellen. Für ihn seien die Talbewohner "alles arme Leute, die nicht oben sein dürfen". Vierhundertfünfzigmal ist er bisher oben gewesen, auf dem Ortler - und weit seltener auf der benachbarten, nicht minder schönen Königsspitze, was zeigt, wie verlockend Superlative unter Alpinisten sind. Der Ortler sei eben "der höchste Spitz'" und "der schönste Berg der Welt", sagt der Bergführer.
Josef Pichlers ursprüngliche Route wurde kaum wiederholt. Die meisten Touren auf den Ortler führen über den sogenannten Normalweg, den auch wir gehen wollen. Erst Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, als mit dem friedlichen Einfall der Engländer ins Gebirge die eigentliche Epoche des Höhenbergsteigens beginnt, wird der Normalweg auf den Ortler gefunden. Er ist alles andere als ein Weg.
"Probier mer's halt", sagt Kurt. Viertel nach sechs gehen wir los, das Wetter hat etwas aufgeklart, der starke Wind die nassen Felsen getrocknet. Mit viel Glück könnten wir zum Gipfel kommen. Es rächt sich nun, abends in der Hütte so viel gelesen zu haben. Unweit unseres Weges ereignete sich - das wissen wir nun - im Jahre 1914 ein Unglück: Eine Lawine riß vierzehn Soldaten, die auf einer Übung unterwegs waren, in den Tod. Während unseres Aufstiegs durchfährt die Luft ein unbekanntes Geräusch, lauter als der Wind, anders als Steinschlag. "Eine Eislawine", sagt der Bergführer. In den Kessel nach Trafoi kollern gigantische Eiswürfel.
Links unten Sulden, rechts unten Trafoi
Kurt Ortler geht zügig voran, wir folgen am Seil. Die schwierigsten Stellen des Normalwegs beginnen kurz nach der Hütte, Kletterpassagen im Fels. Der Wind pfeift zu sehr, um die Stille hören zu können. Und das Klettern ist zu anstrengend, um viel darüber nachzudenken. Manchmal sieht man links vom Grat bis nach Sulden und rechts davon fast bis nach Trafoi hinunter, schrankenlos. Um vieles schwieriger als der Montblanc sei der Ortler, schrieb Reinhold Messner. Er kennt sich aus an diesem Berg, 1964 durchstieg er mit seinem Bruder Günther die direkte Nordwand.
Nach einer Stunde sind die Felspassagen überwunden, nun führen nur noch Spuren über die Gletscher weiter zum Gipfel. Wir legen die Steigeisen an und treten ein ins Reich des Eises. Kurt zieht stolz seinen nagelneuen Pickel hervor. Ein Schweizer Führerpickel sei das, liebevoll streicht er über das helle Eschenholz des Stiels, zeigt auf den perfekten Übergang des Kopfes in den Schaft und auf die Gravur im Stahl: K.Ortler. Handgeschmiedet, nur zwei Firmen in der Schweiz können das noch. Das Besondere sei die Erfahrung, die dieses Arbeitsgerät geformt habe. Was Generationen von Bergführern erlebt hätten, das vereine dieser Pickel. Kurt Ortler steckt ihn zwischen Rücken und Rucksack, bei Bedarf wird er ihn hervorziehen wie ein Indianer seine Pfeile aus dem Köcher.
Nebellöcher geben den Blick frei auf die sahneweiße Spachtelmasse, die Riesen an den Berg geklatscht zu haben scheinen. Schritt für Schritt, dem Tempo der Gäste angepaßt, schnürt der Bergführer auf den Schlund des Bärenloches zu, einer Verwerfung im Gletschereis. Weiter außerhalb türmen sich die Serracs des Oberen Ortlerferners auf, Eispfeiler, fast dunkelblau. Vor dem Bärenloch geht es immer steiler eisaufwärts, schließlich wird eine kurze Rast an einer Blechhütte gestattet, der Biwakschachtel Lombardi, einer Notunterkunft. Hier ragen Reste einer Seilbahn aus dem Schnee. Sie gehören nicht zu einer Aufstiegshilfe für Alpinisten, sondern zu einer militärischen Materialseilbahn.
Bergführer in schwarzen Hemden
Gerade seine geographische Randlage rückte den Ortler im Ersten Weltkrieg in den Mittelpunkt. Mit dem höchsten Schützengraben der Alpen wollte Österreich seine Grenze verteidigen. An dieser bitteren Front standen sich vormalige Bergführerkollegen und Freunde gegenüber. Nach dem großen Krieg ziehen die Zeitläufte nicht mehr vorbei am einst abgelegenen Suldener Hochtal, das jetzt zu Italien gehört. Unter den Faschisten müssen auch die Bergführer Schwarzhemden tragen. Wer sich weigert, dem wird das Bergführerpatent abgenommen.
Am Ortler werden weiter große alpinistische Taten vollbracht, doch sie bekommen eine politische Farbe. Der Deutsche Hans Ertl findet 1931 einen Weg durch die Ortler-Nordwand. Als "Tod und Verderben speiendes Kanonenrohr" bezeichnete er in heldischen Tönen den Berg. Später wurde er Leni Riefenstahls Kameramann. In den dreißiger Jahren sprachen Bergsteiger von den "letzten Problemen" in den Alpen, gemeint waren schwierigen Nordwand-Routen des Ortlers. Im Jahr 1939 kommen noch viel ernstere Probleme hinzu: Südtirol wurde zwangsitalianisiert, vom Familiennamen bis zur Sprache. Es brachen Jahre an, in denen über die alten Schmugglerpfade nicht mehr Kaffee und Zigaretten, sondern deutsche Schulbücher transportiert wurden. In den sechziger Jahren spitzte sich der Konflikt zu, Südtiroler Separatisten verübten Sprengstoffattentate. Das wirkte lange nach: Erst seit einigen Jahren darf die Suldener Bergrettung Sprengstoff besitzen, der dringend zur Sprengung von Lawinen benötigt wird.
Das ist kein Ortlerwetter nicht
Kurt Ortlers Geduld ist so groß wie der Berg. Das Wetter wird immer schlechter, Regen prasselt auf den Gletscher, auf unsere Jacken, auf den Kopf. Wir passieren das Tschierfeck. Wieder und wieder schaut der Bergführer nach oben, der Gipfel ist an diesem Morgen nie zu sehen. "Das ist kein Ortlerwetter nicht", sagt er und gibt das Kommando zur Umkehr. Und er sagt, was Bergführer dann eben sagen, um den Gast zu trösten. Umkehren sei besser als umkommen, der Berge stünde noch länger da, man könne ja wiederkommen. Nun wartet noch das schwierigste Stück, abklettern im nassen rutschigen Kalkfels. Wir ziehen die Steigeisen von den Schuhen.
Kurt Ortler ist herumgekommen in den Bergen der Welt. "In Kanada hätte ich bleiben können", bei einem Schweizer Heli-Skiing-Unternehmen. Aber wer wie er auf einem Hof aufgewachsen sei, sagt er und läßt den Satz so in der Luft hängen. Also wollte er nicht weg von seinem heimatlichen Bauernhof? Mit einem Mal nimmt er es ganz wichtig mit seinen Steigeisen, nestelt an ihnen herum, verstaut sie umständlich im Rucksack und sagt dann doch noch etwas, leise: "Na eigentlich, von meinem Ortler wollt' ich halt nicht weg."
Anreise: Die Fluggesellschaft Airalps (www.airalps.at) fliegt in Kooperation mit Lufthansa von München nach Bozen. Am Flughafen der Südtiroler Stadt gibt es Mietwagen sowie einen Shuttlebus, der für 85 Euro direkt nach Sulden fährt (Taxi Volgger, Sulden, Telefon: 0039/0473/613106).
Auskunft: Südtirol Marketing Gesellschaft, Pfarrplatz 11, 39100 Bozen, Telefon: 0039/0471/999888, Web: www.suedtirol.info; Sulden-Information, Hauptstraße 72, 39029 Sulden, Tel.: 0039/0473/613015, Web: www.ortlergebiet.it.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.09.2004, Nr. 222 / Seite R10
Bildmaterial: dpa