Von Verena Mayer

Im Zweiten lebt man besser: Die Leopoldstadt galt lange als schäbiger Bezirk. Vollkommen zu Unrecht.
24. April 2008 Neulich in Wien, der Stadt der Traditionen und der Kaffeehäuser: In einem Café im 7. Bezirk sitzen junge Leute in Röhrenjeans vor ihren Notebooks, dazwischen balanciert die Bedienung, die ausschließlich Englisch spricht, ein Tablett mit Currys. Auf dem einzigen noch freien Quadratmeter des Cafés - einem bröckelnden Mauervorsprung hinter der Theke - improvisiert eine Jazzband. Das Ganze ist so cool, dass man sich warm anziehen muss. Wenn man nicht zuvor in einer Straßenbahn gesessen hätte, in der alle fünf Minuten der Satz "Bitte überlassen Sie Personen Ihren Sitzplatz, wenn diese ihn notwendiger brauchen" durchgesagt wird, wenn man also nicht überall der umständlichen Wiener Höflichkeit begegnen würde - man könnte denken, man sei in Prenzlauer Berg.
Überhaupt scheint Wien derzeit ein besseres Berlin sein zu wollen. Man fragt sich, ob das eine gute Idee ist, zum Beispiel, wenn Wiener Restaurants neuerdings damit werben, bei ihnen sei es "wie in Berlin". (Zur Information: Berlin ist die Stadt, in der man auf die Bitte nach mehr Milch zum Kaffee Dinge wie "Wer keinen Kaffee verträgt, soll auch keinen Kaffee trinken" zu hören bekommt.) Aber eine Tatsache ist es. Am weitesten fortgeschritten ist die Prenzlauerbergisierung Wiens in der Leopoldstadt, dem Zweiten Bezirk. Hier, jenseits des Donaukanals ist man nur eine Brücke vom Stephansdom und der Kärntner Straße entfernt, und doch betritt man ein ganz anderes Wien. Der Zweite Bezirk kann grau und eng sein, aber er hat mit den Praterauen auch eine grüne Lunge. Er beherbergt den Schwarzmarkt am Mexikoplatz genauso wie den barocken Augarten - kurz, der Zweite Bezirk hat genau jene unfertige Mischung aus Exotik und Lebensqualität, die einen Stadtteil so anziehend macht. Erst sind die Studenten und Künstler in die Leopoldstadt gezogen, dann kamen die Kreativen und mit ihnen die Kaffeebars, Bio-Läden und ausgebauten Dachgeschosswohnungen.
Bio oder koscher?
"Bionade-Biedermeier" sagt man dazu leicht verächtlich in Prenzlauer Berg. In Wien werden Gegenden wie der Zweite Bezirk "Bobostan" genannt, abgeleitet von den "Bobos", die wiederum abgeleitet sind von der "bourgeoisen Boheme". Nichtsdestotrotz ist die Leopoldstadt die lebendigste Gegend, die Wien derzeit zu bieten hat.
Der Karmelitermarkt ist das Herz Bobostans. Im Gegensatz zu seinem berühmten Pendant, dem Naschmarkt, ist er klein und überschaubar wie ein Dorfplatz. Bio-Stände, koschere Fleischereien und kleine Restaurants wechseln einander ab, dazwischen gehen orthodoxe jüdische Familien spazieren, die männlichen Mitglieder vom Vater bis zum kleinsten Sohn in schwarzen Gewändern. Mazzes-Insel hat man den Zweiten Bezirk genannt, Anfang des Jahrhunderts, als das jüdische Leben blühte. Seit viele orthodoxe Juden aus Osteuropa und Russland nach Wien ziehen, ersteht es nun wieder.
Chinesisch oder schöne Perle?
Im Zweiten Bezirk hört man jetzt solche Geschichten multikulturellen Zusammenlebens: Ein Haus in der Taborstraße, dort, wo die vielspurige Straße am geschäftigsten ist. Zwei jüdische Familien wohnen hier, unter ihnen eine junge Akademikerin. Wenn man sich samstags auf der Treppe begegnet, fragt die junge Frau die jüdischen Nachbarn gerne, ob sie vielleicht helfen kann. Denn manchmal funktioniert bei den Nachbarn die Zeitschaltuhr nicht, die das Licht ausmacht. Es selbst abzudrehen ist am Schabbat streng verboten. Offensiv um Hilfe zu fragen, auch. Also betätigt die junge Akademikerin den Lichtschalter. Sie weiß inzwischen auch, wie solche Helfer auf der Mazzes-Insel einst genannt wurden: Schabbesgoj.
Ein paar Straßen weiter ist vom Trubel der Taborstraße nicht mehr viel zu merken. Die Gassen sind grau und sehr schmal, jedes Geräusch hallt. Früher gab es hier bis auf ein paar verstaubte Geschäfte nicht viel, jetzt sieht man kaum ein Ladenfenster, hinter dem sich nicht eine Galerie, eine Agentur oder ein Architektenbüro verbirgt. Oder ein Lokal wie die "Schöne Perle". Die "Schöne Perle" war einmal ein Chinese, jetzt pflegt sie den dezenten Chic der bourgeoisen Boheme. An den Tischen sitzen Mütter und Müßiggänger, Leute, die nachmittags im Café über Kunst, ihre Projekte oder das Weltklima reden. An solchen Orten merkt man, dass das Wort Gentrifizierung von "Gentry" kommt, dem Kleinadel: Die Bewohner Bobostans führen das beneidenswerte Leben der Begüterten im 19. Jahrhundert. Mit (ererbtem?) Geld im Hintergrund können sie das tun, was ihnen gefällt.
Vanille oder Schoko?
Kinder haben zum Beispiel. Wie bunte Kleckse heben sich die Bugaboo-Kinderwagen im Augarten von den zurechtgestutzten Bäumen ab. In der Mitte des Parks ragen zwei riesige graue Flaktürme empor, nicht weit davon befindet sich die Augarten-Manufaktur, die das gleichnamige Porzellan herstellt. Der Augarten ist ein Sammelsurium wie der gesamte Zweite Bezirk. Auch eine jüdische Schule ist hier und das Quartier der Wiener Sängerknaben. Und natürlich die urbanen Jungfamilien. Im Schatten einer Allee beugt sich eine Mutter zu ihrem Kleinkind. "Willst du eine Bio-Sojamilch Vanille oder Schoko?"
Das Museumsquartier hat sich ganz auf die Wünsche der Bobo-Jungfamilien eingestellt. In den Höfen sind Betonsitzgelegenheiten aufgestellt, auf denen die Kinder herumturnen und die Eltern sich zeigen können. Im Hof, der der Mariahilfer Straße am nächsten liegt, gibt es neben dem Zoom-Kindermuseum und dem Theaterhaus für Kinder auch ein Kindercafé. Mit Engelsgeduld schaffen die Kellner immer mehr Spielzeug, Säfte und Waffeln für die Kinder herbei, während deren Eltern hinter einer Bugaboo-Flotte in den tiefen Polstermöbeln versinken.
Jazz von der CD erfüllt den Raum, in der Ecke turnen zwei Mädchen, die Marie und Johanna heißen, seelenruhig auf den Möbeln herum. Ihre Mutter rührt in ihrer Melange und klagt einer anderen Mutter ihr Leid. "Für meine jetzige Sechzig-Quadratmeter-Wohnung würde ich 300 000 Euro bekommen. Um mir ein Dachgeschoss leisten zu können, brauche ich aber 400 000." Bobostan ist überall.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Andreas Kuther, picture-alliance / dpa
