Schleswig-Holstein

Mit Liliencron auf Pellworm

Von Johannes Winter

Die Alte Kirche St. Salvador ist das Wahrzeichen der Insel

Die Alte Kirche St. Salvador ist das Wahrzeichen der Insel

05. Dezember 2007 Durch das Wattenmeer zog die Fähre ihre kurvenreiche Spur zwischen bunten Bojen, aber selbst beim Näherkommen behielt Pellworm das Profil einer Fußleiste. Die Deichkante stand niedrig gegen einen zügellosen Wolkenhimmel. Tammensiel hieß der Hafen, das einzige Dorf, das aus einem Haufen Häuser bestand. Wilhelm Petersen, der Busfahrer, gab erste Auskunft über Kirchen und Köge, Türme und Mühlen, Solarfelder und Vogelkojen, Schafe und Deiche, einen Leuchtturm zum Heiraten, eine Orgel und ein Hallenbad namens Pellewelle. Für Liliencron hatte er nichts übrig. Es schien, als sei der Dichter den Insulanern nicht geheuer. Sie hätten ihn sonst für ihre Werbung genutzt. Später lernten wir, warum der Blick ins Weite, näherte man sich dem Inselrand, ringsum und lückenlos von einem Erdwall aufgehalten wird. Das Bauwerk umschließt Pellworm zu seinem Schutz, denn die Oberfläche der Insel befindet sich einen Meter unter dem Meeresspiegel.

Ohne den acht Meter hohen Deich wäre das Eiland ständig in Gefahr, von den Sturmfluten der Nordsee überschwemmt zu werden. Im Amtshaus hinter dem Hafen ließ sich mehr über Liliencron erfahren. Eine Versetzung hatte ihm die Insel im Jahr 1882 eingebracht, als preußischer Beamter mit dem Titel „Königlicher Hardesvogt und Strandhauptmann von Pellworm und den Halligen“. Am Sitz seiner Nachfolger ist für ihn ein Glasschrank reserviert, und unter dem Dach wird Liliencrons „haltloser Lebenswandel“ angeprangert, der verursacht gewesen sei durch Liebeskummer. Walter Fohrbeck, der Zuständige, hat sein Büro im Keller. Das kollektive Gedächtnis der Insulaner zu zitieren, in dem Liliencron seinen Platz als „Tanzbaron“ hatte, der strafversetzt gewesen sei, ist ihm ein Leichtes. Als Absender soll der Dichter gewöhnlich angegeben haben: „Pellworm - Insel im Atlantischen Ozean, gegenüber England, Nordkap gleich rechts“.

Ziegen, Spinnen, Ohrwürmer

Im Jahr 1907 errichtet: Der Pellwormer Leuchtturm

Im Jahr 1907 errichtet: Der Pellwormer Leuchtturm

Möwen kreischen, der Wind weht wie üblich von vorn. Pellworm mit dem Fahrrad zu erkunden heißt, unverdrossen zu strampeln. Wir bewegen uns über eine Marschinsel, Bauernland, das seit ewigen Zeiten dem Meer abgerungen und stets verteidigt werden musste. Ein dreifaches System der Sicherheit hatten die Bewohner in Jahrhunderten ausgeklügelt, vom Seedeich ganz außen über Mitteldeiche bis zu Schlafdeichen im Herzen der Insel. Sie sind von Häuserzeilen gesäumt, und auf ihrer Krone verlaufen Straßen und Wege. An stattlichen Anwesen kommen wir vorüber, die auf Warften stehen, baumbestandene Hügel inmitten von Wiesen und Weiden. Die Pellwormer haben sich gleichsam eine Etage über dem Boden angesiedelt, ähnlich den Halligen, die wie Maulwurfshügel ringsum aus dem Wattenmeer ragen; oder wie Witwe Muhls Warft, die seit Jahren Liliencronhof heißt, der Mittelpunkt der Insel. Darin lebt Franz Petersen, und er lebt schon so lange auf seiner Insel wie kein anderer. Der Vierundneunzigjährige hat den Dichter sozusagen knapp verpasst, umso besser sind ihm die Erzählungen seiner Großväter in Erinnerung. Der eine hatte eine Schankwirtschaft, in der Liliencron anschreiben ließ. Der andere war sein Hausherr, und auch er musste für Kredite herhalten. Und das, obwohl der Edelmann seinen Baron nicht gerade unter den Scheffel gestellt habe.

In Franz Petersens guter Stube ist der Geist Liliencrons beinahe zu greifen. Einst war sie in drei winzige Kammern aufgeteilt: für Bett, Sessel und Schreibtisch. Hier hatte er gewohnt und gearbeitet. Als Hardesvogt sei er zuständig gewesen für das Pass- und Bauwesen, für die Armen, die Wege und für das Trinkwasser. Er habe sich aber wohl eher darauf beschränkt, Unterschriften zu leisten. Den eigentlichen Schriftverkehr, meinte Petersen, habe ein Vorfahre seiner Frau erledigt, Johann M. Lorenzen, der das Amt des Landschaftssekretärs bekleidete. Mit dessen Pflichterfüllung verknüpft der frühere Schulrektor eine originelle Deutung: Liliencron habe seine Berufung zum Dichter auf Pellworm entdeckt, weil er Langeweile verspürt habe. In Liliencrons Worten: „Um mich liegen Akten und Schwarten, / Im Vorzimmer die Bauern warten, / Hans Paulsen und Paul Hansen. / Paul Hansen hat seine Nachtmütze / Auf die Hecke von Hans Paulsen gehängt. / Unerhört.“ Dass er die Verhältnisse dennoch liebgewann, zeigt ein Brief an seine Frau, in dem er ihr mitteilte, wie ihm die häusliche Fauna ans Herz gewachsen sei: „Eine Ziege leistet mir Gesellschaft. Tausendfüße, Spinnen und Ohrwürmer laufen nach allen Richtungen. Es stört mich gar nicht.“

Verdammnis auf dem öden Eiland

Franz Petersens Sohn Hermann betreibt im Liliencronhof eine Töpferei. Unter dem vielfältigen Angebot von Schüsseln und Tassen, Vasen und Krügen befindet sich eine Sammlung von Gedichten Liliencrons. Es sind nicht nur herbe Liebeserklärungen an Pellworm, sein Schmerhörn, es klingen auch seine großen Lebensthemen an, Verliebtheit, Trubel, Einsamkeit, Schulden, in Verse gebunden zu einer lyrischen Autobiographie - der Dichter als Romantiker, taumelnd zwischen Kitsch und Ironie. Vermutlich hätte er es verschmerzt, dass die Einheimischen, seine „treuen biedern Wassersassen“, ihm danach endgültig die Ehre des Heimatdichters versagten, überdrüssig seines Gejammers, das er einem Sonett anvertraute: „Verdammt bin ich auf dieses öde Eiland.“ Er hatte es gehasst, und er hatte es geliebt. Und wenn er es nicht mehr aushielt, nahm er den Raddampfer nach Husum, um sich auf dem Festland Haar und Schnauzer stutzen zu lassen. Auf der Insel gab es keinen Frisör. Was dabei noch abfiel? Seine berühmteste Ballade: Das Lied von Rungholt und der „Mordsee“ soll er auf der Fähre verfasst haben.

Wir stöbern in Liliencrons Novellen und stoßen auf einen Aufschrei des dichtenden Freiherrn, wie er greller nicht sein kann: „Außer von lieben, gastfreien Menschen ist nicht viel von der Insel zu erzählen. Schafe, Schafe, Schafe. Ein alter Turm, der hier steht, wäre längst schleswig-holsteinisch behandelt worden: die Steine zum Bau von Schweineställen und Backöfen verwendet, wenn ihn nicht die Regierung als Seezeichen erhielte. Grauenhaft ist es. Fett und Vieh und Vieh und Fett.“ Ein klassisches Inselbild, die weißen Punkte, mit denen die grünen Hänge des Seedeichs gesprenkelt sind: Schafe, nichts als Schafe, zum Segen der Insel, vielfach genutzt als Rasenmäher und Deichtrampler, als Spender von Wolle und Fleisch. Dem Zauber des alten Turms, heute das Wahrzeichen Pellworms, konnte sich Liliencron nicht entziehen. Ganz im Westen der Insel ragt die Ruine über den Deich, Rest einer uralten Kirche, und auch bei Regen und Wind weist sie uns den Weg. Im Windschatten des riesigen Bauwerks steht die Alte Kirche St. Salvator. Auf der Empore glitzern die Pfeifen einer Barockorgel, eine wahrhafte Zierde der Insel. Pellworms reiche Bauern hatten sie sich geleistet. Den berühmten Orgelbauer Arp Schnitger gewannen sie, auf dessen Instrumenten schon sein Zeitgenosse Johann Sebastian Bach spielte.

Mahnung an die Zecher

Heinz Clausen, der Inselarchivar, erinnert sich gern, wie er einst als Kind in die Schenke geschickt wurde, um die übliche Kanne Köm zu holen, Kümmelschnaps, der wichtigste Bestandteil von Pellworms Nationalgetränk, dem Teepunsch. Im Gasthof neben der Kirche wird er ausgeschenkt im feinen weißblauen Teeservice, man bestellt ihn nach alter Sitte meterweise. Das macht acht Portionen aus. In der Schankstube, erzählt Clausen, habe die alte Lene Nissen auch ihr Schlafzimmer gehabt, in einem Alkoven. Zur Schlafenszeit zog sie vor aller Augen ihr Obergewand aus und kroch ins Schrankbett, nicht ohne die Zecher zu mahnen: „Schreibt das man auf, was ihr getrunken habt.“ Man ließ eben anschreiben. Die Bauern, das Gesinde, alle standen beim Kaufmann in der Kreide. Bezahlt wurde nur einmal im Jahr.

Anlegestelle für Fischerboote: Der Hafen von Pellworm

Anlegestelle für Fischerboote: Der Hafen von Pellworm

Auf den chronisch klammen Freiherrn von Liliencron musste das verführerisch wirken. Der habe sich nicht gescheut, wusste Clausen, auch bei seinem Untergebenen, dem Sekretär Lorenzen, anschreiben zu lassen, welcher nebenbei einen Gemischtwarenladen betrieb. Ob wir wüssten, dass der holsteinische Edelmann noch einen zweiten Wohnsitz hatte? Eine Zeitlang hauste er bei der Witwe Jensen, unter einem Dach mit ihren Töchtern Johanna und Elena, den „hellblonden, hübschen Friesenmädchen Mine und Stine“, die in einem Sonett Liliencrons - knochentrockener Titel: „Betrunken“ - ihren Auftritt haben. Darin tauscht Liliencron manchmal mit der einen, manchmal mit der anderen Küsse und spricht, wenn die beiden hübschen Mädchen anders beschäftigt sind, ganz solistisch dem Grog zu.

Tod der Schriftstellerei

Annemarie von Holdt kommt auf dem Fahrrad die Straße entlang. Unserem Eindruck, dass die Familienverhältnisse auf der Insel so eng wie für Fremde unüberschaubar sind, fügt sie ein neues Beispiel an. Liliencrons Quartiergeberin, die Witwe Jensen, war ihre Urgroßmutter, deren Tochter Elena, die „Stine“ aus Liliencrons Sonett, ihre Großmutter. Nicht von ungefähr, fügte sie an, verfolge den Hardesvogt, diesen Tunichtgut und Schürzenjäger, die Angst besorgter Mütter bis heute: „Tine, kumm rin, de Liliencron kummt.“ Liliencrons Existenz als preußischer Beamter auf Pellworm war offenbar dazu angetan, ihn Stimmungen zu unterwerfen, die so schwankten wie Schilfrohr. Wohl geschah es, dass er das Leben und die himmlische Einsamkeit genießen konnte.

Im Grünen versteckt sich die Neue Kirche

Im Grünen versteckt sich die Neue Kirche

Kaum aber war er von einem Besuch bei seiner Frau in Hamburg zurückgekehrt, lamentierte er wieder und notierte verzweifelt: „Das Hardesvogteigeschäft ist der Tod meiner Schriftstellerei.“ Das Amt sicherte ihm immerhin ein regelmäßiges Einkommen. Doch frei von Schulden war er nie. Er versuchte sich damit abzufinden, weil er sich seiner Berufung sicher war. Auf seine Art vermochte er Pflicht und Neigung in dem Gedicht vom „Gouverneur“ miteinander zu versöhnen: „Des Alten Leben ging wie nach der Schnur, / Am Posttag unterschrieb er Amtsberichte, Schlag elf Uhr kam der Adjutant du jour, / Punkt sieben aß er drei bis vier Gerichte, Durchflog alltags die neuste Literatur, / Und schrieb sonntags von neun bis zehn Gedichte.“

Madame la Pflicht

Auf welchem Humus war der „Tanzbaron“ gewachsen? Walter Fohrbeck vom Inselmuseum bestätigt, was der Volksmund an Liliencron schätzt: den Förderer der Fröhlichkeit. Mit „Madame la Pflicht“ nicht gerade eng liiert, hob der Hardesvogt die Sperrstunde auf. Jeder Wirt erhielt unbegrenzte Konzession für Tanzereien, sollte nach Belieben schalten und walten dürfen. Und nicht nur das, Liliencron verfügte auch den Abzug des einzigen Gendarmen der Insel - mit der Polizeistunde war gleich auch die Polizei abgeschafft. Für ihn war das Leben ohne Schankstube, ohne Tanzboden ohnehin nicht lebenswert. Er soff und walzte nicht nur gern, er spielte auch Klavier. Bei welchem Wirt ein Piano stand, ließ sich jedoch nicht rekonstruieren. Auch die Schülerin Heinke brachte es nicht heraus, als sie in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts für ihre Abschlussarbeit unter den alten Pellwormer Bürgern nach den letzten Zeitgenossen Liliencrons suchte.

Ins Meer streckt sich die Anlegestelle für die Fähren

Ins Meer streckt sich die Anlegestelle für die Fähren

Frau Petersen führt inzwischen ihren eigenen Gasthof, die „Hooger Fähre“ gleich hinterm Deich. Nach ihrer Nordseescholle mit Krabben Büsumer Art hätte sich auch der Dichter die Finger geleckt. Noch zu Liliencrons Zeit war es, dass die Bauern Pellworms jedem Fischgericht eine deftige Portion Fleisch vorzogen. Fisch galt auf der Insel lange Zeit als Arme-Leute-Essen. Man lebte gut vom eigenen Grund und Boden, betrieb nebenher eine Schankstube - von denen es zu Liliencrons Zeiten auf der Insel allein siebzehn gab - und ließ sich allenthalben vom Baron um hundert Mark anpumpen, in der Gewissheit, das Geld niemals zurückzubekommen. Aber dazu gehörte auch, dass einer von ihnen noch Jahre später die Zwangsvollstreckung von Liliencrons Gehalt beantragte. Überhaupt war es nicht verwunderlich, dass die preußische Obrigkeit irgendwann in die Amtsführung des Hardesvogts eingriff. Ein neidischer Wirt hatte gepetzt.

Ehrensold vom Kaiser

Nur eineinhalb Jahre ließ man Liliencron auf der Insel schalten und walten, dann war Schluss mit der kleinen Selbstherrlichkeit. Er wurde abberufen und verlegte sich bald ganz aufs Schreiben. Aus ihm wurde der anerkannte, aber arme Autor, der ewig verschuldete Spieler, dem die Gläubiger mit Pfändungen auf den Fersen blieben. Zuletzt griff ihm kein anderer als Kaiser Wilhelm II. mit einem jährlichen Ehrensold unter die Arme. Mag sein, dass sich bis zu Seiner Majestät herumgesprochen hatte, auf welche Weise Liliencron als Hardesvogt den kaiserlichen Geburtstag zu begehen pflegte: in Uniform hinauf auf den Deich, den Säbel gezogen und ein dreifaches Lebehoch ausgebracht.

Text: F.A.Z., 29.11.2007, Nr. 278 / Seite R6
Bildmaterial: Pellworm

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