Von Catharina Puppel
11. Januar 2008 Kleine Geschäfte mit großen Namen, dezent dekorierte Schaufenster, blank polierter Marmor - das ist die Welt von Boss, Zegna, Aigner und Hermès. Gemeint sind allerdings nicht die Designerläden in noblen Innenstadtlagen, sondern ihre nicht minder eleganten Ableger im Erdinger Moos. Hier ist 2003 mit der Eröffnung von Terminal 2 am Münchner Flughafen ein Marktplatz der Konsumfreude entstanden. Am besten verkaufen sich Kosmetik und Parfüms, dicht gefolgt von Textilien. Hoch in der Gunst der Kunden stehen auch alkoholische Getränke und Uhren, gefolgt von Tabak und Süßigkeiten.
Viele Männer - Geschäftsreisende, Umsteiger und Vielflieger - kleiden sich auch am Flughafen ein. In diesem Jahr wurden allein bis August etwa viertausend Boss-Krawatten an den Mann gebracht. Etwa 1200 Seidentücher gehen jährlich über den Ladentisch des vornehmen Hermès-Shops in der Ebene vier von Terminal 2. Neben Hemden und T-Shirts sind vor allem Anzüge gefragt. In den Boss-Geschäften am Flughafen werden im Jahr 3600 Stück verkauft, das sind etwa dreimal so viele wie in der Münchner Innenstadt.
Der Verkaufsschlager
Viele Kunden probieren den Anzug vor dem Hinflug an und holen ihn dann nach dem Rückflug geändert wieder ab, sagt Hellmut Gebhardt dazu. Als Geschäftsführer der Eurotrade, einer Tochtergesellschaft der Flughafen München GmbH (FMG), verantwortet der gebürtige Schwabe das Management von rund achtzig Geschäften am Flughafen, der auf seiner Gesamtfläche (Terminal 1 und 2 sowie Zentralbereich) knapp 220 Läden und Lokale aufweist und mit Marken von Bulgari bis Rolex namhafte Firmen an den Flughafen holte. Während elitäre Marken größten Wert auf einen eigenen Laden legen, haben sich nach Gebhardts Erfahrung auch Marken-Kombinationen bewährt. So bieten zum Beispiel Max Mara und Marc O'Polo, Mont Blanc und Ferragamo jeweils in einer Boutique ihre Ware an. Die Corporate Identity beider bleibt jedoch erhalten. Von der Beleuchtung bis zum Bodenbelag wird alles mit dem jeweiligen Unternehmen abgestimmt.
Ein Verkaufsschlager am Flughafen sind Uhren der Marke Rolex. In dem kleinen Geschäft in der Nähe des Marktplatzes auf Ebene 4, von wo die Fluggesellschaften der Star-Alliance in die Schengen-Staaten abheben, könnten die Mitarbeiter jeden Tag eine der klassischen Herrenuhren zu Preisen ab 3000 Euro verkaufen. Doch limitierte Händlerkontingente bremsen das florierende Geschäft. Auch die Uhrenmarken IWC Schaffhausen und Jaeger-LeCoultre sind gefragt. Offenbar gilt der Kauf einer teuren Uhr nach einem gelungenen Deal bei Managern als die angemessene Belohnung. Insgesamt werden täglich etwa neunzig Uhren am Flughafen verkauft. Der auf Sonnenbrillen und Uhren spezialisierte Shop auf Ebene 4 ist deshalb ein wichtiger Umsatzbringer.
Millionenumsätze, und Tendenz steigend
Wie einträglich das Geschäft für den Flughafen ist, zeigt eine Blick in die Bilanz. Im Jahr 2006 erwirtschaftete der Flughafen bei einem konzernweiten Gesamtumsatz von 919 Millionen Euro knapp die Hälfte im Non-Aviation-Segment. Von diesen rund 444 Millionen Euro kamen etwa vierzig Prozent aus dem Laden- und Restaurantbereich. Und diese Tendenz ist steigend. In Zukunft erwartet man in München sogar 55 Prozent des Konzernumsatzes aus dem Geschäft jenseits der Fliegerei.
Von steigenden Retailumsätzen im Terminal profitiert nicht nur der Flughafen. Auch die Lufthansa verdient daran. Denn innerhalb einer deutschlandweit bislang einmaligen Betriebsgesellschaft sind der Flughafen (60 Prozent) und die Kranichlinie (40 Prozent) gemeinsam für die Entwicklung im Terminal 2 verantwortlich. Wie bei einem richtigen Marktplatz soll das Star-Alliance-Terminal alle Bedürfnisse der abfliegenden und ankommenden Passagiere mit Restaurants und Läden erfüllen. Die Konzessionäre des nichtöffentlichen Bereichs auf Ebene 4 (Schengen) sind auf deutsche und europäische Geschäftsreisende, Vielflieger und Umsteiger mit einer eher kurzen Verweildauer ausgerichtet. Dabei unterstreichen die Feinkost- und Restaurantspezialisten Dallmayr und Käfer die Münchner Identität. Auf Ebene 5 (Non-Schengen) finden sich Nobelmarken für internationale (Transfer-)Passagiere - beispielsweise aus Asien.
In den beiden nichtöffentlichen Bereichen werden etwa zwei Drittel des T2-Umsatzes gemacht. Denn erst nach der Sicherheitskontrolle finden die Passagiere Ruhe für einen Einkaufsbummel. Im öffentlichen Abflugs- und Ankunftsbereich angesiedelte Geschäfte wie Esprit, Hunkemöller, Edeka und Görtz 17 sind auf die Kaufgewohnheiten von Bringern und Abholern sowie der rund 28.000 Beschäftigten am Flughafen und von Besuchern aus dem Umland zugeschnitten.
Gehobene Einkommensschichten als schlagendes Argument
Nach Ansicht von Oliver Widmann, geschäftsführender Prokurist der Terminal-2-Betriebsgesellschaft, hat sich der Marktplatzcharakter des Terminals bewährt: Hier ist die Nachfrage der Konzessionäre besonders groß. Allerdings eignet sich nicht jede Marke für den Verkauf am Flughafen. Knapp ein Viertel der vor vier Jahren am Terminal eingezogenen Firmen wurden in der Zwischenzeit ausgetauscht. Manche Einzelhändler haben nicht das passende Sortiment und sind eher für Fußgängerzonen geeignet, erklärt Rainer Beeck, Leiter des FMG-Immobilienmanagements.
Auch die Intensität des Geschäfts mit langen Öffnungszeiten, die zwei bis drei Personalschichten erforderlich machten, sei nicht für jeden Anbieter geeignet. Gern würde Beeck noch Namen wie Prada, Gucci, Armani, H&M, P&C, Zara, Abercrombie & Fitch und Victoria's Secret am Flughafen sehen. Bei Verhandlungen mit potentiellen Konzessionären ist die hohe Kontaktfrequenz zu Angehörigen gehobener Einkommensschichten stets ein schlagendes Argument des Flughafens.
Innerhalb der als Profitcenter geführten Betriebsgesellschaft ergänzt sich die Kompetenz von Fluggesellschaft und Flughafen. Vor allem die Veränderungsbereitschaft beider Partner soll die Non-Aviation-Erlöse je Flächeneinheit steigern. Hier wächst das Verständnis für die Bedürfnisse des anderen, erläutert Beeck. Viel freie Flächen, kurze Wege - das sind im Hinblick auf Pünktlichkeit und kurze Umsteigezeiten die gängigen Anforderungen, die eine Fluggesellschaft an einen Flughafen stellt. Doch im T2 arbeiten beide Partner bei der Gestaltung der Passagierwege nun daran, möglichst viele Kontakte zum Warenangebot zu schaffen. So ist beispielsweise ein Travel-Value-Shop entstanden, den Lufthansa-Passagiere auf ihrem Weg zum Abflugsteig durchqueren müssen.
Chinesen bringen höheren Umsatz
Um die Fluggäste zu den Geschäften zu führen, wird mitunter sogar die Position eines Flugzeugs verändert. In die Planung fließen auch Passagierdaten mit ein, die bei jedem Einkauf über die Bordkarte registriert werden. So weiß Beeck, dass deutsche oder amerikanische Kunden, die in die Vereinigten Staaten von Amerika fliegen, wenig einkaufen, während chinesische Passagiere etwa den dreifachen Umsatz bringen. Dass die Wünsche der Passagiere in jedem Punkt Berücksichtigung finden, zeigt der Sexshop, den München als erster deutscher Flughafen seit 2007 im nichtöffentlichen Bereich auf Ebene 5 bietet. Um dem Diskretionsbedürfnis internationaler Passagiere gerecht zu werden, gibt es einen separaten Eingang, der von den Toiletten her zugänglich ist.
Während früher vor allem kurze Umsteigezeiten darüber entschieden, welches Drehkreuz Geschäftsleute zum Umsteigen wählten, werden Faktoren wie das Waren- oder Hotelangebot eines Flughafens immer wichtiger. Die Umsteigezeit verliert an Bedeutung. Die Zahl der Kunden, die sich nicht an der Reisezeit orientieren, wächst, meint Widmann im Hinblick auf die demographische Entwicklung in Deutschland. Nach Ansicht des Lufthansa-Managers werde die Aufenthaltsqualität künftig immer stärker über den Erfolg eines Flughafens entscheiden.
Zukunftsvision des Terminal-Marktplatzes
Entsprechend sieht Widmann den Flughafen München in Zukunft als modernes Dienstleistungszentrum, in dem Kommunikation und Erlebniswelt miteinander verschmelzen. Wellness und Entertainment werden dabei an Bedeutung gewinnen. Schon in diesem Jahr soll auf der internationalen Abflugebene erstmals weltweit ein Duty Free mit Kosmetikkabine eröffnet werden. Mit der Planung einer neuen Senator-Lounge will die Lufthansa in München ebenfalls neue Wege beschreiten.
Neben den klassischen Arbeits- und Ruhezonen sieht das Konzept auch originelle Gastrobereiche und elegante Läden vor. Die direkte Sicht aus der Lounge auf den Terminal-Marktplatz mit seiner Shoppinglandschaft soll die Vielflieger zum Einkauf animieren. Die Fluggesellschaft hofft, dass die gut gefüllten Portemonnaies ihrer Senatoren künftig nicht mehr in der Jackentasche bleiben.
Text: F.A.Z., 10.01.2008, Nr. 8 / Seite R2
Bildmaterial: Dr. Werner Hennies, FMG