Von Andreas Obst
04. November 2007 Wer klassische Rhein-Romantik sucht, wie sie Dichter, Maler und andere Reisende seit Jahrhunderten besingen, wird auf dem Oberrhein nicht unbedingt glücklich. Es ist der Abschnitt des Flusses, der sich im Lauf der Zeit am dramatischsten verändert hat. Heute ist die Oberrheinische Tiefebene, die sich von Basel bis zum Zufluss des Mains bei Mainz erstreckt, vor allem ein dreihundert Kilometer langer Standort von Industrie- und Dienstleistungsbetrieben. Kaum ein Blick an eines der Ufer ohne rauchende Schlote oder gigantische Fabrikgebäude. Ein Dutzend Schleusen, mit Betonplatten eingefasste Böschungen, Kanäle, Begradigungen, Umleitungen, Buhnen - lange Steindämme, die ins Flussbett ragen, um die Strömungen zu regulieren - und die gigantischen Schub- und Schleppverbände, die unablässig flussaufwärts und flussabwärts rauschen, lassen keinen Zweifel daran, dass der Rhein heute vor allem ein wichtiger Güterverkehrsweg ist.
Die Freizeitschifffahrt ist diesem Umstand untergeordnet. Zwar fuhren schon im frühen neunzehnten Jahrhundert die ersten Fahrgastschiffe auf dem Rhein, doch zum Tummelplatz der Touristen wurde der Fluss erst in den zurückliegenden zehn Jahren - nachdem das Unternehmen Köln-Düsseldorfer, das seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts eine Art Monopolstellung für Vergnügungsfahrten auf Rhein, Main und Mosel innehatte, seine Kreuzfahrtflotte an die Schweizer Viking River Cruises abgab und seitdem selbst nur noch den Linienverkehr zwischen Mainz und Köln betreibt.
In der Nacht fährt das Schiff
Mit dem Beginn des neu organisierten Kreuzfahrttourismus auf dem Rhein wurde der Fluss zum Ganzjahresziel, dabei veränderte sich auch der Charakter der Rheinfahrten. Die großen Fahrgastschiffe, die heute im Wochenturnus zwischen Basel und Amsterdam verkehren, haben ganz selbstverständlich die Rituale der Hochseekreuzfahrt auf den Fluss übertragen: Nachts fährt das Schiff, tagsüber liegt es im Hafen, und die Gäste gehen von Bord, um die Städte am Ufer zu besichtigen. Bisweilen erscheint es dabei völlig gleichgültig, um welche Stadt an welchem Ufer es sich handelt. In Speyer beispielsweise, das mit dem grandiosen Dom eine bedeutende Sehenswürdigkeit in Fußweite vom Rhein bietet, warten schon am Anleger Busse, um die Passagiere in das fünfundzwanzig Kilometer entfernte Heidelberg zu bringen, denn der Name Heidelberg steht seit je für den Begriff von Romantik schlechthin, ob am Rhein oder anderswo in Deutschland - da spielt es auch gar keine Rolle, dass die Stadt am Neckar liegt.
Und wer würde in Kehl verweilen, wenn am gegenüberliegenden Ufer Straßburg liegt. Dabei ist auch Kehl einen Spaziergang wert. Man sieht prächtige Villen am Ufer, eine eigenartig aufgeräumte Innenstadt und auf dem Rückweg zum Fluss lässt man sich locken von der kühnen Konstruktion des Weißtannenturms, des vor vier Jahren durch private Sponsoren errichteten Aussichtsturms, dessen Treppenabsätze sich um die kahlen Stämme dreier Bäume aus dem nahen Nordracher Forst winden. Fast zweihundert Stufen führen hinauf, jede einzelne schmückt eine silberne Metallplatte mit dem Namen des Spenders. Von der höchsten Plattform hat man einen großartigen Blick über die Umgebung bis weit nach Frankreich hinein. Doch wird aus dieser Perspektive das Straßburger Münster leider von den weißen Hochhauskästen einer Vorstadtsiedlung bedrängt.
Die etwas andere Reise
Ungewöhnliche Blicke bietet eine Flussreise mit der Serenité. Dass man auf einem solchen Schiff anders reist als mit anderen, erschließt sich auf Anhieb. Im Hafenbecken eins am Dreiländereck mitten im Industriegebiet von Basel hat die Serenité einen versteckten Liegeplatz wie in der zweiten Reihe, verdeckt von allerlei Gebäuden und Nachbarschiffen, denn die erste Position am Platz beansprucht ganz selbstverständlich eines der gigantischen Viking-Kreuzfahrtschiffe. Die Serenité hingegen bietet nur Platz für zwölf Passagiere. Im Bauch des Schiffs befinden sich sechs komfortabel schlicht eingerichtete Kabinen, das Hauptdeck besteht aus einem einzigen Raum, der optisch mehrfach unterteilt ist. Er ist Speisesaal, Bar, Lounge, mobiles Büro der Eigner und Steuerstand in einem. Ganz vorne, von der Passagierkabine nur durch einen Vorhang getrennt, der meistens geöffnet ist, sitzt der Kapitän vor einem Schaltpult mit Bildschirmen, Knöpfen und Hebeln. Es ist das, was die Moderne aus der klassischen Schiffsbrücke gemacht hat. Die Serenité ist der Schiff gewordene Lebenstraum von Georg Ebert und seiner Lebens- und Berufspartnerin Rita Medoev. Beide standen auf dem Höhepunkt ihrer Karrieren in der Kreuzfahrtindustrie, als sie sich zum Neubeginn entschlossen: dem Neubau ihres eigenen Schiffs.
Ebert war drei Jahrzehnte lang als Kapitän auf KD-Schiffen den Rhein hinauf- und hinuntergefahren, seine Frau hatte als Zahlmeisterin und Hoteldirektorin auf dem Wasser gearbeitet. Für knapp anderthalb Millionen Euro ließen sie vor sechs Jahren die Serenité auf einer kleinen Werft im Emsland bauen, die Innenausstattung erfolgte in Heimarbeit am Main in Erlenbach, dem Heimatort Eberts. Von Anfang an war ausgemacht, dass das Schiff der Lebensmittelpunkt seiner Besitzer werden sollte - und ihrer Gäste dazu. Schon die räumlichen Gegebenheiten lassen eine Trennung zwischen Privatem und Öffentlichem an Bord nicht zu, zwischen Passagieren und der fünfköpfigen Besatzung - neben den Eignern besteht sie aus zwei Stewardessen und dem Koch, der vor jedem der aufwendig inszenierten Abendessen aus seiner winzigen Küche tritt und in der Bar die Speisenfolge rezitiert. Voraussetzung der besonderen Atmosphäre an Bord, die sich ständig selbst erneuert, ist die Mitgliedschaft in einer gleichsam überfamiliären Gemeinschaft für die Dauer der Schiffsreise.
Der Name ist Programm
Ruhe, Ausgeglichenheit, innere Heiterkeit: so übersetzt Langenscheidts Handwörterbuch den französischen Begriff sérénité, der in orthographischer Vereinfachung zum Schiffsnamen und Programm zugleich wurde. Die Fahrt auf dem Oberrhein wird nicht der attraktivste Törn der Serenité in diesem Jahr gewesen sein, tatsächlich ist es die Überführung des Schiffs in seinen Heimathafen am Main in die Winterpause. Doch die acht Gäste an Bord genießen jeden Augenblick - mit der Ernsthaftigkeit Wissender. Alle waren schon zuvor mit der Serenité unterwegs, sie kannten, was sie erwartet: eine Schiffsreise, die ihre Bezeichnung zu Recht trägt, weil sie das Eigentliche des Unterwegsseins auf dem Wasser aus dem touristischen Vergessen zurückgeholt hat: die Fahrt bei Helligkeit, das Gleiten durch den Tag.
Entsprechend kurz sind die Landgänge, kaum mehr als Stippvisiten. Hier der Blick in eine Kirche oder ein Museum, dort ein Einkaufsbummel. So ist es allen recht. Die Passagiere haben ihre Serenité gewählt, um in den Sesseln der Lounge zu sitzen, aus den Fenstern auf die Ufer zu schauen, in der Zeitung zu blättern oder ein Buch zu lesen, um miteinander zu plaudern, dreimal am Tag gut zu essen und zu trinken und lange zu schlafen, bei frischer Luft - denn die Bullaugen der Kabinen lassen sich öffnen. Auch das ist eine Besonderheit auf einem Kreuzfahrtschiff unserer Tage. Es sind die kleinen Attraktionen, die diese Reise zum Erlebnis machen. Sie sind nicht geringzuschätzen.
Von der Elbe zur Donau und von der Seine zu den Kanälen Brandenburgs und zur Mecklenburgischen Seenplatte spannt sich das Netz der Wasserstraßen, auf denen die Serenité im kommenden Jahr unterwegs sein wird. Die Saison beginnt am 4. April und dauert bis zum 1. November. In den Preisen für die sieben bis neun Tage langen Fahrten ist Vollpension mit sämtlichen Getränken eingeschlossen, An- und Abreise erfolgen in eigener Regie.
Freie Kabinen gibt es unter anderem noch auf den Reisen von Amsterdam nach Emden (12. bis 18. April 2008, ab 1290 Euro pro Person), von Berlin nach Minden (15. bis 21. Juni, 1290 Euro) und von Lutzelbourg nach Straßburg (21. bis 27. September, 1790 Euro).
Informationen
Serenité River Cruising, Hauptstraße 69, 63906 Erlenbach, Telefon: 0172/6524378 und 0172/ 8125780, E-Mail: serenite@gmx.de, im Internet: www.serenite-rivercruising.de
Text: F.A.Z., 01.11.2007, Nr. 254 / Seite R2
Bildmaterial: Serenité River Cruising
