Städtezerfall

München verschwindet

Von Claudius Seidl

Das Maß der Dinge: Kein Haus darf hier höher sein

Das Maß der Dinge: Kein Haus darf hier höher sein

18. Januar 2008 In der Münchner Maxvorstadt, an der Gabelsbergerstraße gegenüber der weltberühmten Alten Pinakothek, standen bis vor kurzem vier würfelförmige Gebäude, sehr schlank und weiß und elegant; es waren Universitätsbauten aus den sechziger Jahren - und wenn man vor der Pinakothek stand und hinüber auf diese Fassaden schaute, dann spürte man noch immer einen Hauch von jener typisch Münchner Mischung aus Traditionsstolz und Zukunftsfreude, jener grundsätzlichen Heiterkeit und Modernität, die damals, in den frühen Sechzigern, hier zu gären begann. Und die, spätestens 1972, bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele, auch den Rest der Welt davon überzeugte, dass dieses neue Deutschland ein bisschen freundlicher und ziviler sei, als jenes Land, das 1936 schon einmal der Gastgeber gewesen war.

Die Würfel sind weg; wo sie standen, öffnet sich eine riesige Grube, die allein schon ein unangenehmer Anblick ist. Und der besonders unangenehme Nebeneffekt besteht darin, dass man jetzt von weitem einen sehr freien Blick hat auf den sogenannten Führerbau, auf jenes Haus also, in welchem Adolf Hitler, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der NSDAP, sein Büro und seine Repräsentationsräume hatte; ein derber, neoklassizistischer Quader, die Travestie eines florentinischen Palastes, ein Bau, der die Bombardements des Zweiten Weltkriegs genauso unbeschädigt überstanden hat wie die Stadtplanungen der Nachkriegszeit. Ein Haus, das vermutlich auch allen Sintfluten, Meteoriteneinschlägen und Baureferenten der Zukunft trotzen wird.

Wo bin ich hier, zur Hölle

Eine neue Sichtachse auch am Siegestor...

Eine neue Sichtachse auch am Siegestor...

Nein, dass die modernen Bauten fallen und der Nazi-Trash stehenbleibt, dahinter steckt nicht wirklich ein Prinzip - die eleganten Würfel, heißt es, waren verseucht vom Asbest; und was sie jetzt stattdessen hinstellen, das Ägyptische Museum und die neue Filmhochschule, wird auch nicht zu der Sorte Architektur gehören, die man sofort wieder abreißen möchte. Aber wenn man noch fünf Minuten weiterspaziert durch die großzügig angelegte und im Grundriss klassizistische Maxvorstadt, vorbei am schönen Königsplatz und dem fürchterlichen ehemaligen „Braunen Haus“, dem Zwillingsgebäude des Führerbaus, dann kommt, geradezu zwangsläufig, der Moment, an welchem der Spaziergänger, trotz des rechtwinkligen Straßenmusters, ganz nachhaltig die Orientierung verliert.

Wo bin ich hier, zur Hölle, fragt man sich: in Berlin, in der Friedrichstraße, dort, wo man dünne Sandsteinplatten an Stahlbetongerüste klebt, damit die hässliche Investorenarchitektur wenigstens so aussieht, als hätte sie schon immer dort gestanden? Im Jahr 1904, als in der Residenz der Prinzregent Luitpold herrschte und gleich um die Ecke, im Palais Pringsheim (das den Nazibauten weichen musste), der junge Thomas Mann um Katia warb?

Damit die lustigen Bayern einen Schrecken kriegen

Wie heute sieht das jedenfalls überhaupt nicht aus und wie München schon gleich gar nicht, was da, zwischen dem Alten Botanischen Garten und dem Kloster St. Bonifaz, gerade fertig wird: ein kompletter Häuserblock, mit teuren Wohnungen, teuren Büros und dem superteuren (und sehr schicken) Fünfsternehotel „The Charles“, das unter diesen Bauten noch der beste ist: nicht, weil es so modern wäre; immerhin will die Fassade aber pariserisch wirken, und insofern ist sie fast schon wieder münchnerisch - typisch Münchner Gebäude erkennt man ja daran, dass sie lieber woanders stünden, am liebsten allerdings in Italien, das den Bayern auch seelisch näher als Frankreich ist.

Ums Hotel herum stehen aber Häuser, die so prätentiöse Namen haben wie „Max Palais“ oder „Klenze Palazzo“; es sind Exzesse steinerner Gediegenheit; es ist, als hätte jemand all die Vorurteile, die man haben kann gegen das Gestelzte und Gravitätische, das Prätentiöse und das Pseudobürgerliche, gegen den spießigen Neo-Neoklassizismus und die simulierten Traditionen der sogenannten Berliner Republik, zu einem Steinhaufen aufgetürmt und das Ganze mitten in die Münchner Stadt hineingestellt: damit die lustigen Bayern einen Schrecken kriegen. Es gibt hier Sprossenfenster, Schmiedeeisen und Gesimse, und wenn man draufklopft mit der Faust (oder die Website des Häuserblocks, der sich „Lenbach Gärten“ nennt, ein wenig studiert), stellt man fest: Es sieht zwar aus wie die Friedrichstraße in Berlin, ist aber viel teurer, solider, feiner geplant und gearbeitet.

Ist das der Stil unserer Zeit?

Es ist, so muss man das wohl sagen, absolut ernst gemeint und wird hier noch stehen in hundert Jahren: wenn all die Häuser, die von der heiteren Nachkriegsmoderne zeugen, verrottet, verfallen oder abgerissen sind. Reg dich nicht auf, sagen Fremde: Das ist nicht bloß der Stil Berlins, das ist der Stil unserer Zeit, die, weil die Gegenwart so wenig Halt bietet, ihre Anker hinunter in die Vergangenheit wirft. Aber die Hoffnung, dass in München die Erinnerung an die Moderne aufbewahrt und vielleicht auch der Widerspruch zum Pomp und zu den Prätentionen in Stahl und Beton gegossen würde: Diese Hoffnung liegt irgendwo unter den Baugruben der Maxvorstadt begraben.

...dahinter stehen jetzt die Highlight Towers

...dahinter stehen jetzt die Highlight Towers

Ich bin, weil ich in Berlin arbeite und zum Wochenende aber nach Hause fahre, gewissermaßen beides: einerseits ordnungsgemäß und mit Hauptwohnsitz hier gemeldeter Wahl- und Gesinnungsmünchner, wohnhaft in Schwabing, in einem Haus, in welchem, kurz vor der vorletzten Jahrhundertwende, schon Thomas Mann zur Untermiete wohnte; und ein Tourist in der eigenen Stadt, der extrem gern spazieren geht und fast jedes Wochenende nachschauen muss, ob die Sehenswürdigkeiten noch immer sehenswürdig sind; und der, aus Berlin kommend, nicht schon wieder Berlin sehen möchte, auch nicht in der De-Luxe-Version der sogenannten Lenbach-Gärten. Eigentlich müsste ich mein Geld zurückfordern, ich weiß bloß nicht, bei wem.

Münchens Straßen, eine Lust und eine Schau

Auch im 850. Jahr seines Bestehens (die Stadtgründung war ein Gewaltakt des Niedersachsen Heinrich des Löwen) ist München natürlich eine Stadt, die man unbedingt besuchen sollte - das Essen schmeckt, die Menschen haben das Grüßen noch nicht verlernt, und in den Clubs, so erzählen die Jüngeren, gehe es lauter, lustiger und lebendiger zu als in jeder anderen deutschen Stadt. Unter allen Millionenstädten ist München die sicherste - auch wenn die momentane Debatte etwas anderes suggeriert.

Und durch Münchens Straßen zu gehen ist noch immer eine Lust und eine Schau, wenn winters der Himmel aufreißt und die Häuser jene langen Schatten werfen, die schon Giorgio de Chirico dazu inspirierten, so ungeheuer chiricohaft zu malen. Und das Schönste an den schöneren dieser Straßen ist es, dass sie nicht ins Nichts führen (oder in den Wedding), sondern dass überall die points de vue stehen, ein Maximilaneum, ein Friedensengel, eine Kunstakademie. Oder eben jenes Siegestor, welches aber angeblich neuerdings nicht mehr ganz das ist, was es einmal war.

Es war ein ungeheurer Schrecken für die Münchner, als sie vor knapp drei Jahren bemerkten, dass da, weit hinten im Norden, zwei Häuser in die Höhe wuchsen. Es lag zwar eine Baugenehmigung vor, und in den entsprechenden Behörden hatte man sich auch einige Gedanken darüber gemacht, wie diese beiden Türme wohl wirken würden, wenn man von Norden in die Stadt hineinführe: sehr gut, modern und selbstbewusst.

Ein Skandal, brüllte halb München

Was allerdings niemandem aufgefallen war: Die Türme liegen auch auf Münchens zweitberühmtester Sichtachse (die berühmteste geht in die andere Richtung); wer auf dem Odeonsplatz steht und über die monumentale, klassizistische Ludwigstraße nach Norden schaut, der sieht hinter dem Siegestor die beiden Türme stehen.

Ein Skandal, brüllte halb München, die ganze schöne Wirkung sei irreparabel beschädigt; und dass so etwas nie wieder passieren dürfte. Und die andere Hälfte, all jene Münchner, die vielleicht schon mal über die Champs-Élysées spaziert sind und hinter dem Triumphbogen die Türme und die „Grande Arche“ von La Defense entdeckt haben, die hielten ihren Mund. Und so kam es, dass ein Hochhausprojekt nahe der Innenstadt, auf einem freigewordenen Bahnareal, gleich wieder abgeblasen wurde. Mit der Begründung, man hätte die Hochhäuser vom Schloss Nymphenburg aus sehen können, und dieser Anblick hätte die ganze schöne barocke Wirkung zerstört.

Mal abgesehen von der Frage, ob der Zusammenprall mit der Moderne den Barock nicht womöglich noch viel barocker wirken ließe: Mit dieser Begründung müssten die Münchner auch das schlechte Wetter verbieten, weil alles, was in der Stadt Renaissance ist, Barock und Klassizismus, seine Vorbilder in Italien und Griechenland hat, weshalb sich die Paläste, die Tempel und die Kirchen immer nach südlicheren Himmeln sehnen: München im Regen, München unter der winterlichen Hochnebeldecke - das ist ein äußerst trauriger, un münchnerischer Anblick.

Nicht höher bauen als 99 Meter

Es war die Zeit, als auch Münchens größter Verhinderer wieder von sich reden machte, Georg Kronawitter, der Sozialdemokrat, der lange Oberbürgermeister war und damals das erklärte Ziel verfolgte, München klein und überschaubar zu halten - mit der Folge, dass, weil die Zugereisten nicht aufhören wollten zuzureisen, wenigstens die Mieten, die ohnehin schon unanständig hoch waren, auf Weltstadtniveau stiegen. Georg Kronawitter setzte ein Volksbegehren durch, dessen Forderung es war, dass in München keine Häuser mehr gebaut werden dürften, die höher als die Türme der Frauenkirche wären, höher als 99 Meter also. Das war Kirchturmpolitik, die von zu vielen Münchnern nicht ernst genommen wurde - mit der Folge, dass unter denen, die trotzdem hingingen, die Hochhausgegner die Mehrheit hatten.

Und das muss wohl der Moment gewesen sein, als die Moderne, die sich so lange wohl gefühlt hatte unter den Schweinsbratengenießern und Opernabonnenten, unter den Dirndlträgerinnen und Feinkostkäferkunden, unter den Bohemiensimulanten und Gschaftlhubern, von München weggezogen ist. Es wird, wenn die Stadt so weitermacht, von ihr nicht mal mehr eine Erinnerung bleiben, was schon daran liegt, dass die Historisierung der Nachkriegsmoderne, die (auch schon seit Jahren um sich greifende) Wertschätzung der Fünfziger-, Sechziger- und Siebziger-Jahre-Architektur inzwischen eigentlich überall angekommen ist. Außer in München, außer bei denen, die den Abriss oder die Fassadenverschönerung von modernen Bauten verhindern könnten.

Münchens Lust am Verhindern

Verhindert wird in München alles, was gut, neu, wagemutig ist. Verhindert hat die rot-grüne Stadtratsmehrheit die sogenannte Wiesenfeldsiedlung, das ambitionierteste Wohnbauprojekt dieser Jahre, die für München wahre Nullerjahre sind. Zu teuer, nicht sozial genug, das war der Kommentar zu Kazunari Sakamotos genialem Entwurf, und vermutlich hat es sich im Münchner Stadtrat bis heute nicht herumgesprochen, wie groß die Blamage im Rest der Welt war. Jetzt soll auf dieser Brache zwischen Schwabing, Neuhausen und der Maxvorstadt „etwas Normales“ gebaut werden - wer die Normalität des Münchner Wohnungsbaus in diesen Jahren kennt, der weiß, dass das eine fürchterliche Drohung ist.

Dass diese Lust am Verhindern letztlich auf die Zerstörung Münchens hinausläuft, wird einem sofort klar, wenn man mal, kurz und nur versuchsweise, die heutigen Verhältnisse in die Vergangenheit projiziert: die großzügigen Dimensionen, die florentinischen Fassaden, die klassizistische Strenge der Ludwigstraße, das alles hätte ein Georg Kronawitter damals schon zu verhindern gewusst, zumal dem Projekt ja ein paar absolut schützenswerte Bauernhäuser im Weg standen. Die siebenhundert Meter breite Fassade des Schlosses Nymphenburg, die hätte der Münchner Stadtrat bestimmt als großmannssüchtig, unmünchnerisch und sozial nicht ausgewogen verdammt. Und die barocken Paläste des Kreuzviertels: mussten denen nicht kleine, bescheidene Häuser weichen?

Die Illusion als Lebensform

Dieses München, das heuer einen halbrunden Geburtstag feiert, war in seinen besten Jahren mehr Fiktion als Tatsache, mehr Kulisse als nachweisbare Realität, mehr Täuschung als Enttäuschung. Man baute Kirchen, Straßen und Fassaden, damit die fromme Lüge, dass man mit dem Herzen schon südlich der Alpen lebe, eine solide architektonische Grundlage bekam. Diese Illusion war Münchens Lebensform, und wenn hier niemand mehr Illusionen produziert, hört München auf zu existieren.

Fahren Sie also hin, wenn München zu den Jubiläumsfeiern lädt, machen Sie schnell, schauen Sie sich alles noch einmal an. Es könnte sonst zu spät sein. Es könnte sonst passieren, dass die Nachricht von Münchens Verschwinden sich herumgesprochen hat.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.01.2008, Nr. 2 / Seite V1
Bildmaterial: ddp, Jan Roeder

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