Wien

Eine Verkehrsader als Lebensraum

Von Verena Mayer

13. Mai 2008 Die Wiener Ringstraße kennt jeder. Gesäumt von Prachtbauten, umschließt sie die Innenstadt, Wiens breiteste Straße der Selbstdarstellung. Staatsoper, Burgtheater, Rathaus, Universität - hier ist Wien, wie es sich selbst am liebsten sieht, groß und glanzvoll und genauso wie zu Kaisers Zeiten.

Aber es gibt noch eine viel breitere Straße in Wien, der Volksmund hat sie ebenfalls Ringstraße getauft, wenn auch "Ringstraße des Proletariats": die Wiener Gürtelstraße, kurz Gürtel. Hier ist Wien, wie es sich selbst nicht sehen will, laut, unübersichtlich, und die Luft ist auch schlecht. Über den Gürtel rollt der Verkehr wie über eine Autobahn, hier befinden sich zwei Bahnhöfe, das wichtigste Krankenhaus und Sozialbauten, so mächtig wie Festungen. Prostituierte warten auf Kundschaft, und Jugendliche zweiter Generation kicken sich in Fußballkäfigen ihre Wut aus dem Leib. Auf dem Gürtel sieht man die hässlichsten Spelunken und die schönste Architektur, mit einem Wort: Nirgendwo ist Wien so sehr Großstadt wie hier.

Die Stadtbahn und viele Autos

Das Erste, was man vom Gürtel mitbekommt, ist der Verkehr. Busse, Straßenbahnen, 100 000 Autos am Tag, acht Spuren. Dazwischen wie eine Mauer die Trasse der Stadtbahn mit ihrem grünen Gestänge und den steinernen Bögen. Alle paar Minuten rattert die U-Bahn darüber. Die Bahnhöfe, an denen sie hält, sind die Prachtbauten des Gürtels, von Otto Wagner im Weiß-Grün des Jugendstils gebaut, wuchtig und filigran zugleich.

Lange fährt die U-Bahn oberirdisch die Häuserschluchten entlang. Der Gürtel ändert von Station zu Station sein Aussehen. Er ist abgerissen und schäbig, wo sich Billigläden und Peepshows aneinanderreihen. Dann wirkt er sehr bieder, kleine Gasthäuser, eine Kirche aus Backstein, die Volksoper. Aus der Luft sieht er aus wie ein glitzerndes Band, nachts, wenn die Lichter der Autos zu Leuchtketten verschmelzen, auf der einen Seite weiß, auf der anderen rot.

Wobei auf dem Gürtel früher Linksverkehr herrschte, wie in England. Siegfried Tschmul, ein Wiener Jude, erinnert sich gut daran. Als er 1938, nachdem die deutschen Truppen in Wien einmarschiert waren, eines Morgens aus seinem Fenster hinunter auf den Währinger Gürtel sah, fuhren alle Autos plötzlich rechts, wie in Deutschland. Über Nacht war der gesamte Verkehr umgestellt worden, und niemand hatte ein Problem mit der neuen Ordnung. Da sei ihm klar geworden, dass er Wien verlassen musste. Mit seinen Eltern floh er aus Österreich.

Ringstraße des Proletariats

Dreizehn Kilometer ist der Gürtel lang. Wo also anfangen? An seinem fast bürgerlichen Ende im Westen, wo Bäume und Spazierwege ihn säumen? Im Süden, wo er laut und grau ist und schließlich in die Autobahn mündet? Oder irgendwo dazwischen? Am Margaretengürtel ragen die Sozialbauten des Roten Wien in die Stadt wie eine geballte Arbeiterfaust. Viele der Wohnungen haben Balkone, die Arbeiter wollten sich zeigen, ganz wie die Wiener Großbürger. Diese Balkone erzählen auch davon, dass der Gürtel einmal eine begehrte Wohnlage war, die Ringstraße des Proletariats eben. Heute wirken sie wie ein Irrtum. Niemand würde sich auf dem Gürtel zeigen wollen. Hier leben vor allem die, die es müssen.

Frau Weidinger zum Beispiel, eine Dame, wie es sie nur in Wien geben kann, zurückhaltend und zuvorkommend zugleich. Frau Weidinger lebt am Lerchenfelder Gürtel, wo sie ein Café betreibt. Das "Weidinger" ist ein Ort wie aus der Kaffeehaus-Literatur. Die Wände sind vergilbt vom Atem der Geschichte. Weißhaarige Männer sitzen an den Tischchen, lesen Zeitung oder spielen Tarock. Manche von ihnen kommen seit sechzig Jahren, erzählt Frau Weidinger. "Da weiß der Ober, so viel Stück Zucker, die Milch ohne Schaum, und wenn der Gast heiser ist, bekommt er automatisch einen Kamillentee."

Den Verfall des Gürtels hat Frau Weidinger hautnah miterlebt. Irgendwann ging es mit der Prostitution los, Damen mit Pelz und ansonsten nicht viel am Körper standen vor dem Café oder pöbelten Frau Weidinger an, wenn sie nachts von der Oper nach Hause kam. Irgendwann sagte sie zum Polizeipräsidenten, wenn die da weiter promenieren, werde sie keine Karten mehr für den Polizeiball kaufen. Und? Frau Weidinger zuckt mit den Schultern. Immerhin gibt es jetzt Bannmeilen rund um öffentliche Gebäude, Parks, Haltestellen oder Schulen. Und Frau Weidinger wohnt trotzdem gern am Gürtel. "Wenn der Flieder blüht, ist es wunderschön hier."

Grenze entlang des ehemaligen Linienwalls

Als Wiener nimmt man den Gürtel vor allem als Grenze wahr. Zur Jahrhundertwende angelegt, wo sich einst der Linienwall zwischen der Stadt und ihren Vororten erhob, trennt der Gürtel auch heute die Welten. Diesseits des Gürtels liegen die inneren, die feinen Bezirke, jenseits die äußeren, nicht so feinen, mit Ausnahmen auf beiden Seiten.

Dabei müsste der Gürtel von seiner Form her eigentlich "Bügel" heißen, er schließt sich ja nicht. Auf dem Stadtplan sieht er ein bisschen aus wie der Bügel einer Kanne. Das Währinger-Gürtel-Kino befindet sich im oberen Teil des Bügels, gegenüber der Volksoper. Es ist ein Sexkino, eines der letzten Österreichs. Mit seinem Fünfziger-Jahre-Schriftzug, den hölzernen Flügeltüren und den liebevoll drapierten Sexfilm-Plakaten wirkt es fast schon wie eine Hommage an das Kino. Zwei alte Damen haben es geführt, Schwestern, die noch die von den Behörden zensurierten Stellen aus den Filmen geschnitten oder mit Filzstift übermalt hatten. Vor einigen Jahren sind sie in Rente gegangen, jetzt gehört es dem Besitzer der Computerfirma nebenan. Dreißig Leute verirren sich am Tag hierher, dafür ist das Kino eine Wiener Institution.

Am Anfang habe er noch vor den Bossen aus dem Rotlichtmilieu gezittert, erzählt der Besitzer. Doch die haben längst andere Konkurrenten als ein altes Sexkino. Es ist Samstagabend, auf dem Gürtel rauchen, trinken und feiern junge Menschen. In den vergangenen Jahren sind Clubs und Geschäfte in die Stadtbahnbögen gezogen, allesamt angelockt durch ein Sanierungsprogramm zur Belebung des Gürtels.

Blinkende Herzen und Bücher

In der "Pascha Bar" mit den blinkenden roten Herzen über dem Eingang ist es hingegen vergleichsweise ruhig. Und genau das ist für manche ein Problem. Denn die Rotlichtszene, lange untrennbar mit dem Gürtel verbunden, verliert ihr Publikum, vor allem dort, wo der Gürtel so schick und quirlig geworden ist. Eine der Unterweltgrößen, in Wien "Strizzis" genannt, hat den Sittenverfall schon in einem Interview beklagt. Erst seien die Stadtbahnbögen ausgeräumt und Kulturzentren eingerichtet worden. Und dann hätten sie ihm auch noch "eine Bibliothek hingebaut".

Die Bibliothek ist die nagelneue Hauptbibliothek der städtischen Büchereien und liegt inmitten des Gürtels wie ein Tanker im Meer. Eine ausladende Freitreppe führt hoch hinauf auf ein Terrassendach, eine Art urbanes Promenadendeck. Hier sitzt man in der Sonne oder in der verglasten Rotunde des Cafés "Canetti", über der Stadt und über den Dingen. In der Bibliothek selbst stehen Studenten, Bildungsbürger und Frauen mit Kopftüchern vor den Regalen.

Diese Bücherei ist nicht nur ein Ort des Trubels und der Stille, hier mischen sich plötzlich auch die Welten von diesseits und jenseits des Gürtels. Das Einkaufszentrum schräg gegenüber ist nicht weniger markant. Außen verspiegeltes Glas, innen Billigketten, ein Palast des kleinen Mannes. Er gehört Richard Lugner und ist auch nach ihm benannt: Lugner City. Richard Lugner kennt man über die Landesgrenzen hinaus, wenn auch nur mit Frack und Zylinderhut. Der Bauunternehmer, Mörtel genannt, kreuzt jedes Jahr mit einer anderen Berühmtheit auf dem Wiener Opernball auf. Jetzt spaziert Richard Lugner im grauen Anzug durch die Lugner City. Er klaubt Papierfetzen vom Boden auf, zum Interview lädt er zu "Burger King". Lugner, sechsundsiebzig Jahre alt, hat sich hochgearbeitet, sein Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft verschollen. Genaues weiß Lugner nicht über ihn, nur, dass er tagelang ohne Stiefel durch den Schnee laufen musste.

Mörtel im Glück

Richard Lugner nimmt einen Schluck Kaffee aus dem Pappbecher. Hier paart sich Bodenständigkeit mit österreichischem Größenwahn, die ideale Mischung, um Volksheld oder Medienfigur oder beides zu werden. Richard Lugner tritt in den "Lugners" auf, einer Fernsehsoap über sein Familienleben. Seine neue Lebensgefährtin ist die Siegerin der Verkupplungsshow "Mörtel sucht das Glück".

Ehrfürchtig nähert sich eine Frau seinem Tisch. Sie ist Lehrerin und gerade mit ihrer Klasse in der Lugner City. Ob der Herr Ingenieur vielleicht ein paar Worte zu den Kindern sprechen könnte? Sie sagt das wirklich so: Ein paar Worte zu den Kindern sprechen. Lugner lässt die Kinder zu sich kommen, ein Mitarbeiter eilt mit Autogrammkarten herbei. Lugner unterschreibt die Karten, die Kinder kreischen vor Glück. Die Lehrerin sieht aus, als würde sie einer Wunderheilung beiwohnen. Wenn der Gürtel die Ringstraße des Proletariats ist, dann ist Richard Lugner ihr Kaiser. Richard Lugner scheint auch dieser Meinung zu sein. Er guckt aus der Glasfront hinunter auf den Gürtel. Ein paar Jugendliche rufen "Der Lugner! Der Lugner!" Einmal hat Richard Lugner sogar schon für das Amt des Bundespräsidenten kandidiert. 9,9 Prozent haben ihn gewählt.

Literatur: Sehr empfehlenswert ist der Bildband von Nicole Süssenbek und Tina Gerstenmayer "Der Gürtel. Definition einer Veränderung", 2007 (www.verein-memo.at)



Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z.-Foto Rainer Wohlfahrt

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