Mosel

Leidenschaft für Steillagen

Von Klaus Simon

14. Juni 2008 Hinter Bruttig verwandelt sich die Mosel in einen Grimmschen Märchenwald. Moos polstert auf den Boden gekullerte Grauwackebrocken zu mannshohen Kissen auf. Klüfte und Hohlräume im Gestein bieten Mauereidechsen und Mäusen Unterschlupf, vielleicht auch Zwergen und Kobolden, wer weiß. Ein Aronstab neigt sich schlaff gen Boden. Veilchen, Maiglöckchen, Schlüsselblumen setzen violette, grüne und gelbe Farbtupfer in den Wald, aus dessen Halbdunkel sich ein Buchsbaum zum Licht streckt.

Das schüttere Exemplar ist das höchste, das Friedhelm Rudorfer bisher auf dem Breva-Wanderweg entdeckt hat. Fast zehn Meter hat sich der Baum im Wettkampf gegen die schneller wachsende Konkurrenz aus kraftstrotzenden Eichen und weißsilbrigen Speierlingen emporgekämpft. Nicht ganz so hoch, dafür um so breiter, sind die Buchsbäume an der Hangkante ein paar Schritte entfernt. Auf einhundertundfünfzig Jahre schätzt der Winzer aus Valwig das Alter von einigen der Bäume, die sich zu massiven, blickdichten Büschen aufplustern.

Mit der Rebschere im Anschlag

Ungefähr genauso alt dürfte das verwunschene Waldplateau am Valwiger Herrenberg sein, dessen Felstrümmerchaos durch einen Abbruch im neunzehnten Jahrhundert entstanden sein soll. Die Ebene ist mit ungefähr zweihundertzwanzig Metern der höchste Punkt des Breva-Wanderwegs und zugleich der schattigste in der trocken-heißen Südlage des Valwiger Herrenbergs, an dessen Weinterrassen der Wanderweg entlangführt.

Noch weisen nur in Plastikhüllen gesteckte Zettel auf seinen Anfang und sein Ende hin. Noch fehlen Markierungen, noch lassen die geplanten Tafeln zu Fauna, Flora und Weinbau auf sich warten. Doch schon jetzt sind eifrige Wanderer auf der Trasse unterwegs, die Friedhelm Rudorfer und Dutzende von anderen freiwilligen Helfern aus den benachbarten Winzerdörfern Bruttig, Ernst und Valwig in Wochenendeinsätzen dem Terrain abgerungen haben. Zum ersten Mal erschließt ein Weg das in den Valwiger Herrenberg gestauchte Amphitheater aus Weinbergterrassen und Stützmauern. So etwas spricht sich unter Wanderern auf der Suche nach außergewöhnlichen Strecken schnell herum.

Fast jeden Sonntag geht Friedhelm Rudorfer mit der Rebschere im Anschlag die Trasse ab. Wie viele rote Weinbergspfirsiche, Nussbäume, Feigen oder Eichen er seit dem ersten Spatenstich im Januar 2007 entlang des Wegs gesetzt hat? Genau zu sagen vermag es der Winzer nicht. Es dürften allemal genug sein, um bald schattige Plätzchen am Südhang zu finden, der ansonsten fast baum- und strauchlos ist. Wer sich Rudorfer anschließt, sollte gut zu Fuß sein. Flotten Schrittes wird ein vorlaut in den Weg ragender Brombeertrieb gekappt, da eine Rebe zurückgestutzt, dort eine andere hochgebunden. Unberührt hingegen bleibt der Layesalat, ein wildes, in Felsritzen wachsendes Gewächs mit raukeähnlichen Blättern, und auch die wilden Mohrrüben, die mit zitternden Büscheln aus dem Geröll sprießen, dürfen bleiben.

Bester Riesling, den die Terrassenmosel zu bieten hat

Der Gedanke, Weintrinkern die Güte eines Steillagenrieslings durch einen Wanderweg nahezubringen, sei ihm schon vor Jahren immer wieder durch den Kopf gegangen, sagt Friedrich Rudorfer. Auf einem Polterabend vor zwei Jahren schließlich wurde die Interessengemeinschaft „Breva Wein und Weg“ geboren. Die versammelten Winzer beschlossen an jenem fröhlichen Abend, einen Wanderweg über den Valwiger Herrenberg zu bauen. Miteinbezogen wurden die drei Weindörfer, die dort über Parzellen verfügen: Bruttig, Ernst und Valwig. Deren Anfangsbuchstaben ergeben zusammen den Namen des Wanderwegs: Breva.

Eine Bank am Weg, der Blick fliegt über das Moseltal. In der Tiefe windet sich der Fluss. Über dem steilen Südufer staffeln sich die Terrassen und Trockenmauern des Valwiger Herrenbergs zum weitgeschwungenen Halbrund. Darüber wechseln sich Wald und Trockenrasen ab. Alle unteren und mittleren Ränge sind mit Weinstöcken besetzt. Nicht irgendeine Rebsorte wächst hier, sondern der beste Riesling, den die Terrassenmosel zu bieten hat.

Das Goldenen Zeitalter des Weinbaus

Noch vor dreißig, vierzig Jahren standen die Reben zwischen Bruttig und Valwig fast ausschließlich an den steilen und sonnenverwöhnten, aber arbeitsintensiven und ertragarmen Prallhängen des Valwiger Herrenbergs. Erst dann begann man mit dem Anbau am gegenüberliegenden, flachen Gleithang oberhalb von Ernst. Dort kann man leicht mit Maschinen arbeiten, und die Erträge fallen wegen der humusreichen Böden üppiger aus. Wie fast überall an der Mosel sind auch am Valwiger Herrenberg die Rebflächen vom Kamm der Steillage auf halbe Hanghöhe runtergerutscht.

Aufgelassene Weinberge und überwucherte Terrassenmauern oberhalb des Breva-Wanderwegs erinnern daran, dass die Reben um 1900, dem Goldenen Zeitalter des Weinbaus an der Mosel, bis fast an den Horizont reichten. Damals wusste alle Welt, dass ein Riesling aus der Steillage gerade wegen der steinigen Böden von unvergleichlicher Mineralität und Würze ist. Mehr noch: Man war bereit, den dafür angemessenen Preis zu bezahlen. Zwei Weltkriege verprellten die finanzkräftige internationale Kundschaft. Deutsche Weintrinker entdeckten Sancerre und Chianti. Dann brachte der Glykolskandal die Moselweine in Verruf, und die Preise fielen ins Bodenlose. Mit ihnen verfielen viele Steillagen, zumal die Arbeit im Weinberg immer teurer wurde.

Eine Frage der Ehre - und des Mostgewichts

Auch Friedhelm Rudorfer hat besonders schwer zugängliche Parzellen aufgegeben. Dem Valwiger Herrenberg hält er aber mit anderen Parzellen die Treue. Für den Winzer bleibt die Steillage eine Frage der Ehre - und des Mostgewichts. Die von Schiefermauern gehaltenen, teilweise winzigen Parzellen sind optimal zur Sonne ausgerichtet. Tagsüber speichert das Gestein Wärme, die nachts an die Reben abgegeben wird. Die Trauben erreichen dadurch eine außergewöhnliche Reife. Dass die verbliebenen Wingerte am Valwiger Herrenberg über ein Sträßchen im Hunsrück erreichbar sind, sei für ihn auch nicht unwichtig gewesen, sagt Friedhelm Rudorfer.

Eine Achterbahn im Weinberg wäre die Alternative: Dort, wo keine Straße die Weinberge erschließt, nimmt die Monorak-Bahn den Winzern den im wahrsten Sinne des Wortes gewichtigsten Teil der Arbeit ab. Die Metallschienen des Zahnradbähnchens schlängeln sich in halsbrecherischer Höhe über Mulden und Felsbuckel den Valwiger Herrenberg empor. Seit die aus der Schweiz stammende Arbeitshilfe vom Land Rheinland-Pfalz subventioniert wird, wächst die Anbaufläche am Valwiger Herrenberg wieder. Viele der Winzer, die neu anpflanzen, haben nie zuvor mit Wein gearbeitet. Die Leidenschaft für die Steillagen hat sie zu dem Beruf geführt. Auch der ehemalige Leiter des Kulturamts im Eifelstädtchen Mayen zählt zu den neuen Winzern am Valwiger Herrenberg.

Das spektakulärste Panorama auf die Steillagen

Turmfalken segeln im warmen Aufwind. Es geht durch lange Reihen von Rebstöcken, über nackten Fels, über Schiefergeröll, eine Treppe hoch, eine andere runter, durch haarnadelenge Kehren. Hinter der tiefen Furche eines Bachs schleicht sich der Weg unter der Tonnenlast einer bedrohlich weit überstehenden Felsnase durch. Fast immer jedoch geht es durch die Sonne. Der nur knapp vier Kilometer lange Weg hat es nicht allein wegen der Südausrichtung in sich. Über dreihundertdreißig Höhenmeter müssen in einem ständigen Auf und Ab überwunden werden. Ein bisschen schwindelfrei sollte man ebenfalls sein: An einer Felsnase fällt der Blick ins Bodenlose, nur ein Geländer trennt den Wanderer vom Abgrund.

Oberhalb von Valwig ist die Mosel ein blühender Teppich in Rot, Weiß und Gelb. Mauerpfeffer quillt über Bruchsteinmauern. Ginster, Königskerzen und Goldastern leuchten im Trockenrasen. Eine Zippammer turnt eine Etage tiefer von Pfahl zu Pfahl durch den Weinberg und übertönt mit ihrem Gesang das leise Brummeln eines Traktors unten im Tal. Aus der Ferne sieht Valwig wie ein Spielzeugdorf aus: Adrett verputztes Fachwerk, Kastanienallee am Moselufer und gegen die Strömung schuftende Lastkähne. Über den seidig glänzenden Schieferdächern thront die gluckenschwere Kirche, deren Turmnadel in den Himmel piekst. Ungefähr zwei Drittel des Herrenbergs entfällt auf die Gemarkung des an den Steilhang gestemmten Dorfs. Den Löwenanteil der Weinberge im Valwiger Herrenberg bewirtschaften freilich die Winzer aus Ernst, das Dorf liegt am gegenüberliegenden Moselufer. Von dort hat man das spektakulärste Panorama auf die Steillagen.

Ein bisschen Mut auf dem Führersitz

Früher setzten die Winzer mit dem eigenen Nachen oder der Fähre von Ernst zum Valwiger Herrenberg über, erinnert sich Peter Göbel, seit dem Bau der Moselbrücke bei Bruttig Ende der sechziger Jahre aber nehmen alle den Traktor. Der Winzer hat neunhundert Quadratmeter Reben am Valwiger Herrenberg gepflanzt und gleich dazu eine neue Monorak-Bahn im Hang verankert. Ein bisschen Mut auf dem Führersitz gehöre beim Blick in die Tiefe dazu, sagt Göbel stolz. Wirklichen Muts aber bedurfte es, mit dem Breva-Weg auch einen Breva-Riesling zu kreieren, der unter Winzerkollegen wegen seines Flaschenpreises von 13,80 Euro anfangs Skepsis hervorrief.

Moselwein verkauft sich nur zu niedrigen Preisen, lautet das Credo im Tal. Dass ein Steillagenriesling unter zehn Euro kaum kostendeckend zu produzieren ist, steht auf einem anderen Blatt. Siebzehn Winzer beteiligen sich am Breva-Riesling. Der Qualitätsanspruch ist hoch. Nur vollreifes, gesundes Lesegut mit einem Mostgewicht, das im vergangenen Jahr bei vierundneunzig Grad Öchsle lag, kommt für den Wein in die Presse. Trocken soll der Riesling sein, so verlangt es der internationale Trend, dabei mit moseltypischer Restsüße, damit er sich im gleichmacherischen Markt hervorheben kann. Der erste Jahrgang ist schon ausverkauft.

„Leute, sauft mehr Moselwein, er hat es verdient“

Gepresst und ausgebaut wird der Riesling auf dem Gut von Peter Göbel. Der Winzer gibt sich nicht nur für den Breva-Riesling optimistisch. Auch wenn die Rebenanbaufläche an der Mosel insgesamt weiter sinken wird, sieht er die Zukunft der Region in qualitativ höherrangigen Weinen wie denen aus der Steillage. Dass sich an der Mosel diesbezüglich gewaltig etwas getan hat, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Dreimal so viele Lehrlinge wie im vergangenen Jahr haben sich dieses Jahr zwischen Koblenz und Bernkastel-Kues um eine Lehrstelle im Weinbau beworben, viele davon stammen nicht aus der Region, sondern aus Schleswig-Holstein oder Sachsen.

Abends in Valwig ist die Mosel eine alte Winzerstube. Im Glas schimmert ein Riesling-Hochgewächs, selbstverständlich aus der Steillage. Der Wein ist ein gelungener Balanceakt zwischen Restsüße und feiner Säure, mineralisch und würzig zugleich. Er entfaltet Aromen von Trockenaprikosen und Pfirsichen - so schmeckt nur ein echter Moselriesling aus Terrassenanbau. „Leute, sauft mehr Moselwein, er hat es verdient“, forderten die Weinkritiker Cornelius und Fabian Lange kürzlich in einem deutschen Wochenmagazin. Wir variieren munter: Leute, wandert kräftig über den Breva-Weg. Denn der Valwiger Herrenberg macht durstig.

Wandern im Weinberg

Information: Breva Wein & Weg, Moselstraße 40, 56814 Ernst, Telefon: 0 26 71/91 67 48, im Internet: www.brevaweinundweg.de.

Weingüter: Weingut Friedhelm Rudorfer, Valwig, Brühlstr. 1, Telefon: 0 26 71/32 22, E-Mail: info@weingut-rudorfer.de, im Internet: www.weingut-rudorfer.de. Familie Rudorfer bietet Gästezimmer an. Ebenfalls am Breva Wanderweg liegt das Weingut Göbel-Schleyer, Klosterstr. 12, Telefon: 0 26 71/74 44, E-Mail: weingut@goebel-schleyer.com, im Internet: www.goebel-schleyer.com.

Einkehrmöglichkeiten: Alte Winzerstube, Weingut Rudi Steuer, Valwig, Bachstr. 4, Telefon: 0 26 71/ 71 73 30, im Internet: www.weingut-steuer.de. Familie Steuer vermietet Ferienwohnungen im Winzerhaus.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Klaus Simon

 
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