Urlaubsentscheidungen

Winke mit dem Ball

19. Juni 2008 Das größte Kompliment für die Deutschen bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 war der Stoßseufzer zweier Schotten in Berlin: "Und wir Idioten haben jahrzehntelang in Spanien Urlaub gemacht!" Gutes Wetter, gutgelaunte Ureinwohner, ein gut aufgelegtes Team - das war eine nicht zu übertreffende Reklame für Deutschland als Reiseland und immerwährende Partyzone. Der Fremdenverkehr profitierte prompt.

Aber es gibt auch gegenteilige Erfahrungen wie die der Griechen nach den Olympischen Spielen von Athen vor vier Jahren. Danach herrschte komplette Flaute im Tourismus. Vielleicht waren es die Bilder der gerade noch fertiggestellten Stadien, in Mörderhitze liegend und von einem Verkehrschaos umflutet, die ihre Wirkung getan hatten.

Ein Blick in die Fankurven

So oder so: Weltereignisse sind Imageträger. So wirbt nun der portugiesische Fremdenverkehrsverband mit den Konterfeis der Sporthelden des Landes, vom Dreisprungweltmeister über die weltbeste Triathletin bis zu José Mourinho, dem früheren Dompteur von Chelsea, und Cristiano Ronaldo, dem Bezwinger von Chelsea. Und tatsächlich: Da Frauen in der Urlaubsfrage, um es vorsichtig zu formulieren, mitentscheiden, sind Portugalurlaube über kurz oder lang unvermeidlich, denn selbst wenn sie kein einziges Spiel gesehen haben, finden Frauen, dass die Portugiesen den schönsten Fußball spielen.

Zum Thema

An dieser Stelle einzuwenden, die Holländer machten es bei der Europameisterschaft noch ein bisschen schöner, ist unter Tourismusaspekten riskant. Holländer als Helden eines Sommermärchens? Urlaub im Deichgebiet? So weit wird man dann doch nicht gehen wollen, die Überzeugungskraft von Dirk Kuyt und Khalid Boulahrouz als Werbeträger für Ausflüge zu Windmühlen dürfte begrenzt sein. Dass nicht einmal ein Drittel der niederländischen Nationalspieler in den Niederlanden kickt, deutet an, dass sie es selbst so sehen. Und außerdem zeigen die Fernsehkameras zu oft das Publikum, als dass nicht jeder Zuschauer mitbekäme, welche Gesinnungen in Holland offenbar zum Selbstbild gehören. Möchte man wirklich unter Menschen Urlaub machen, die in orangen Teletubbie-Kostümen auftreten?

Nationalcharaktere auf dem Fußballprüfstand

Nach Griechenland wird jetzt niemand mehr reisen wollen, der dortige Hotelbesitzerverband denkt vermutlich schon über eine Klage gegen Otto Rehakles und seine Spielverderber wegen Querpassfälschung zu Lasten Dritter nach. Ähnlich die Schweden, deren Kinderbüchern wir immer entnommen haben, dass sie eines der lustigsten Völkchen Europas seien, deren fades Auftreten auf dem Platz aber jede Phantasie ersterben lässt. Interessant ist hingegen die Kongruenz von Fußballmannschaft und Reiseland im Fall Italiens: Beide wirken abgebrüht, voller Machenschaften, ein bisschen heruntergekommen, berlusconesk eben - und doch kommt die Mannschaft immer wieder weiter und fährt man immer wieder hin. Vielleicht, weil uns Italien gar nicht erst mit Tugenden kommt. Anders als die Deutschen. Denen haben ihre Tugenden noch nicht einmal gegen Österreichs Kaffeehausspieler geholfen. Ein solches Angstspiel wird die schottischen Schlachtenbummler aus dem Jahr 2006 kaum noch locken können.

Die beiden Gastgeber wiederum haben es mit der Freundlichkeit ein bisschen übertrieben, bloß um Türken und Kroaten für ein paar mehr Übernachtungen im Land zu halten. So bleibt als einziger ernsthafter Mitbewerber im Kampf um die Da-müssen-wir-auch-mal-hin-Trophäe Spanien. Da dort aber alle schon waren, stimmt auch das nicht. Die Frau nickt heftig: Die Portugiesen seien sogar als Verlierer wunderschön. Abgemacht.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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