05. Juli 2007 Neulich mit zwei Freunden beim Essen in Frankfurt. Der eine, Brasilianer, studierte in Heidelberg, arbeitet nun in Frankfurt. Der andere, aus Südbaden, studierte in Heidelberg, ging nach New York und wohnt nun in Berlin. Sie kannten sich nicht. Wir sprachen über dies und das, kamen auf Heidelberg, sprachen über Kneipen und Cafés, als der eine dem anderen und der andere dem einen immer bekannter vorkam. Am Ende stellte sich heraus, dass sie vor anderthalb Jahrzehnten Stunden, Tage, womöglich Wochen gemeinsam zugebracht hatten, im Fischers an der Alten Brücke, in der Max Bar am Marktplatz. Alte Namen kamen hoch, blasse Erinnerungen. Beide konnten sich an eine Wohnung in der Hauptstraße erinnern, in der sie ein und aus gingen. Der eine kümmerte sich um die Katze, wenn die Bewohnerin auf Reisen war, der andere kümmerte sich um die Mitbewohnerin.
Die Welt ist klein, und Heidelberg ist noch kleiner. Wir hätten noch lange zusammensitzen können. Denn wer sein Herz in Heidelberg verloren hat, der muss nicht lange danach suchen. Aber wir mussten weiter. Und so geht es wohl den meisten, die in Heidelberg studiert haben: Sie erinnern sich gern, aber kurz, und zurück kommen sie selten - die alten Kommilitonen sind ja auch meist fortgezogen. Die Erinnerung verkitscht dann mit der Distanz der Jahre und Kilometer.
Where is the Schlob?
Es sind viele, denen es so geht: Wenn man die etwa fünfundzwanzigtausend Studenten der Stadt hochrechnet, dann haben hier seit dem Ende des Kriegs Hunderttausende ihre schönsten Jahre verbracht. Und wenn man weiß, wie viele amerikanische Soldaten mit ihren Familien vorübergehend draußen im Mark Twain Village und im Patrick Henry Village gelebt haben, dann kann man auch erahnen, warum die Amerikaner das gute alte Europa gerne anhand von Heidelberg verklären. Die Heidelberger wiederum wehren sich mit Witzen gegen die Vereinnahmung. Where is the Schlob? sei eine wiederkehrende Frage der Besucher, weil sie das ß nicht lesen können. Und weil die Amerikaner die ganze Gegend für eine Art Disneyland halten, so die Fama, fragen sie: Is the Black Forest open today?
Lauter Verklärungen. Man sollte also zurückkehren an den Ausgangspunkt. Ein Tag reicht, und man hat sein Herz schon wieder verloren. Der Spaziergang führt uns von außen in einem großen Bogen ins Zentrum. Er beginnt in Neuenheim, dem Stadtteil, der am Neckar gegenüber der Altstadt liegt. Die Neuenheimer Landstraße verbindet Heidelberg mit den Orten der Bergstraße: Neuen-, Handschuhs-, Dossen-, Wein-, Heppen- und Bensheim. Aber der Weg geht Richtung Neckartal. Man sucht den Beginn des Philosophenwegs am Fuß des Heiligenbergs, steigt hinan - und hofft, dass die Kommission der Unesco, die Heidelberg den Titel Weltkulturerbe vergangene Woche wieder einmal zu Unrecht nicht zuerkannt hat, beim nächsten Mal diesen beschwerlichen Gang auf sich nimmt, hoch auf den Berg, vorbei an den Instituten der Physik und den Villen mit dem schönen Blick, bis sich nach rechts eine preiswürdige Aussicht eröffnet.
Die Stadt hat, man darf sagen, etwas Ideales
Von links windet sich der Neckar aus dem Odenwald ins Bild, rechts fließt er hinaus in die Rheinebene. Gegenüber wacht die Schlossruine über der Altstadt, die fast jeden Quadratmeter der schmalen Neckarebene besetzt und sich bis an die steilen Hänge des Königstuhls gegenüber klammert. Das Schloss, bei schlechtem Wetter effektvoll in Nebel gehüllt, wirkt auch deshalb so mächtig, weil die Häuser der Stadt so winzig aussehen. Die Fronten des Kurfürst-Friedrich-Gymnasiums, der Stadthalle und des Marstalls, in dem Mensa, Café und Studentenwerk untergebracht sind, begrenzen die Altstadt zum Fluss. Ihr Repräsentationsgebaren lässt kaum erahnen, wie mittelalterlich eng viele alte Häuser dahinter sind. Die Stadt, in ihrer Lage und mit ihrer ganzen Umgebung, schrieb Goethe, hat, man darf sagen, etwas Ideales.
Geschlossen ist das Bild aber nicht, vielleicht hat das die Unesco gestört. Das Institut für Klassische Archäologie hinter dem Marstall sieht aus, als hätte ein wütender Junge einen dicken dunklen Legostein in die allzu friedliche Puppenstube geschlagen. Und die Triplex-Mensa samt den Instituten gleich rechts vom Universitätsplatz ist den Vorstellungen von Planern entsprungen, die mit der Bautradition ringsum nicht viel anfangen konnten. Beim Blick hinunter vom Philosophenweg erkennt man den höheren Sinn der Bausünden inmitten der sandsteinroten Baudenkmäler. Die Rechts-, Sozial- und Geisteswissenschaftler der Universität - die Naturwissenschaftler sind ins Neuenheimer Feld ausgelagert - haben sich in den sechziger und siebziger Jahren in der Altstadt immer breiter gemacht. Und der Mythos Heidelberg speist sich schließlich aus dem Gegensatz von topographischer Enge und geistiger Weite.
Möchte dich, mir zur Lust, Mutter nennen
Am Philosophenweg, wo Wein und Feigen wachsen, wo der Frühling so früh beginnt und der Sommer so lange dauert wie in Italien, könnte man ewig bleiben. Aber wir wollen in die Stadt. Man geht vor bis zur Hölderlin-Anlage, liest die Zeilen des Dichters über die Stadt (Lange lieb' ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust, Mutter nennen, und dir schenken ein kunstlos Lied, du, der Vaterlandsstädte Ländlichschönste, so viel ich sah), geht drei Minuten zurück und steigt den Schlangenweg hinab. Von den Aussichtspunkten unterwegs blickt man auf Alte Brücke samt Brückentor - und auf die vielen Autos, die sich noch immer frei zwischen Altstadt und Fluss bewegen, weil das Projekt Stadt am Fluss zwar seit Jahrzehnten Heidelberg bewegt, aber Heidelberg bisher nichts bewegt, also keinen Tunnel gebaut hat, um eine Flaniermeile am Wasser zu schaffen.
Unten angekommen, steht man auf der Brücke plötzlich im Touristentrubel. Amerikaner und Japaner, die größten Gruppen unter den vier Millionen Besuchern im Jahr, knipsen sich vor malerischer Kulisse. Eine Freundin, die in der Altstadt wohnt, klagt darüber, dass Japaner dazu neigten, die fremde Spezies blonder Kinder hemmungslos für ihre Fotos zu nutzen und die Kleinen dafür sogar den Müttern entreißen. Jeder Heidelberger jedenfalls, der öfter über die Alte Brücke geht, ist dutzendfach in japanischen Fotoalben verewigt.
Der Habitus der alten Ordinarien
Wichtigster Zwischenstopp, weil er von den meisten Touristen übersehen wird, ist hinter dem Brückentor, am Beginn der Steingasse, die Casa del Caffè, der beste Ort für einen Espresso, wenn das Wetter schlecht ist. Bei gutem Wetter kann man weitergehen, vor der Heiliggeistkirche links abbiegen und auf dem Marktplatz in der Max Bar Sonne oder Schatten suchen, die Japaner an sich vorbeiziehen lassen, die Hochzeitspaare beobachten, die im Halbstundenrhythmus aus dem Standesamt im Rathaus kommen, und nach Professoren auf dem Weg in ihr Institut Ausschau halten.
Na ja, so viele kennt man nicht mehr. Als Studenten sahen wir noch den Politologen Dolf Sternberger, den Germanisten Arthur Henkel oder den Philosophen Hans-Georg Gadamer durch die Fußgängerzone schreiten. Der Habitus der alten Ordinarien war durch die Stürme der Studentenbewegung keineswegs gebrochen. Heute wundert man sich, wie jung die Studenten aussehen, obwohl sie so alt sind wie immer. Fast jeder fünfte Heidelberger studiert. Deshalb sind die Trends der Jugendkultur hier gut zu beobachten.
Gibt's noch Wein?
Nach dem Kaffee zum Kornmarkt, dann den Pflasterweg zum Schloss hinauf. Jeder Schritt fällt schwerer, und oben könnte man sich gleich wieder ins Lokal neben dem größten Weinfass der Welt setzen - wenn man denn ins Schloss ginge. Aber die Aussicht auf allzu nette Anekdötchen rund um Perkeo, den Hofnarren und Mundschenk, der auf die Frage, ob es noch Wein gebe, immer Perché no? entgegnete (und so seinen Namen erhielt), der sich fast nur von Wein ernährte und starb, als er Wasser trank - die Erwartung solcher Schnurren treiben uns auf die Scheffelterrasse, von der man die Stadt nun in romantischer Perspektive Richtung Sonnenuntergang überblickt. Hier darf man an Marianne von Willemers wehmütige Goethe-Zeilen denken (Versenkt euch willig, Sinne und Gedanken; Hier war ich glücklich, liebend und geliebt) und, bevor die Stimmung ins Romantische driftet, dort vorne in der flachen Ferne Mannheim suchen, das dampfende Ludwigshafen und die Pfälzer Berge. Dahinter leben die Franzosen, die einst unser Schloss niederbrannten, zur schönsten Ruine der Welt machten - und heute als Touristen kommen.
Und wieder hinab, dieses Mal durch den östlichen Eingang des Schlossparks, an den Häusern der Studentenverbindungen hinab, an der Peterskirche vorbei, auf einen kurzen Blick in die Universitätsbibliothek, über den Uniplatz hinunter in die Hauptstraße, den Laufsteg Heidelbergs, eine der längsten Fußgängerzonen der Welt. Irgendwo hier unten, wo in den Seitengassen die überzeitliche Kleinteiligkeit überlebt, gibt es auch etwas zu essen, in Touristenlokalen, Studentencafés und Weinstuben. Von der Romantik allein kann ja kein Mensch leben, nicht einmal in Heidelberg.
Text: F.A.Z., 05.07.2007, Nr. 153 / Seite R1
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z.