Kreuzfahrtschiff Aidadiva

Jeder bekommt seinen Platz an der Sonne

Von Brigitte Scherer

14. Mai 2007 Ein Tisch ist mit blutroten Rosenblättern bestreut - wohl ein Geburtstag -, sonst herrscht im „Rossini“ minimalistische Kühle: weißes Leder, dunkler Hochglanzlack, Stahl. Im Eis silberner Kühler klirren Champagnerflaschen, auf viereckigen Designertellern servieren Kellner in langen Schürzen Parmesanmousse mit gebratener Riesengarnele und Tomaten-Brot-Salat. Zum Entrecote mit Kartoffel-Dim-Sum und Pfefferschaum empfiehlt der Sommelier einen Barolo Pareij.

Wir speisen in einem Designertempel der Esskultur, aber wir befinden uns nicht in London und auch nicht in New York, sondern auf der Jungfernfahrt des größten und buntesten Spaßdampfers, den die deutsche Kreuzfahrtindustrie je über die Meere geschickt hat. Was wir essen, kommt aus der Küche von Günther Kroack, der zu Recht als einer der fünfzig Besten seiner Zunft in Deutschland gilt. Doch wir zahlen für das sechsgängige Gourmetmenü nur vierundzwanzig Euro und fünfzig Cent - der Aufpreis zur Vollpension auf dem Schiff. Mit zweitausend Mitpassagieren an Bord laufen wir gerade aus dem nordspanischen Hafen Vigo aus, aber wir haben nichts vor Augen als die kleine Abendgesellschaft an den weißgedeckten Tischen und das rosig im Licht der untergehenden Sonne schimmernde Meer.

Wie ein Epos aus Hollywood

Unser Schiff ist kein gewöhnliches Schiff zum Staunen, sondern ein Paradoxon im Ferienkleid. Hier das „Rossini“, eine Insel der „splendid isolation“, und daneben, darüber, darunter weitläufige Buffetrestaurants im Fantasy-Design von Karibik bis Tausendundeine Nacht, um deren üppige Buffetlandschaften dreimal täglich die Schnitzeljagd von Hundertschaften tobt. Die vierzehn Stockwerke hohe, zweihundertfünfzig Meter lange „Aidadiva“ ist das größte je gebaute Urlauberschiff für den deutschen Markt, aber unter den Neubauten der übrigen Welt, die bis zu viertausend Urlauber auf ihren Decks versammeln, ein Winzling.

Ein Superlativ jedoch war ihr Public-Relations-Erfolg. Die fünf Millionen Euro teure Taufe mit Gert Hofs spektakulärer Oper aus Laser und Licht vor drei Wochen in Hamburg schauten sich im Fernsehen Millionen Menschen an, und Hunderttausende harrten in der Kälte der Nacht am Ufer der Elbe aus, dreimal mehr Zuschauer als bei der Taufe des Ozeangiganten „Queen Mary 2“. Denn was die „Aidadiva“ einzigartig macht, was jeder spürt, auch wenn er nichts davon weiß, ist jene herzergreifende Mischung aus Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg, die sich aus der hollywoodreifen Geschichte der Aida Cruises ergibt, einem Schicksalsstück aus der Pionierzeit der Privatisierung in Mecklenburg-Vorpommern.

Nicht die Designer der mächtigen Muttergesellschaft Carnival Cruises aus Miami nämlich haben den seetüchtigen Superspielplatz „Aidadiva“, Prototyp für drei weitere, bis 2010 bestellte Schwesterschiffe zum Preis von insgesamt 1,3 Milliarden Euro, erdacht und gebaut, sondern, wie es der allgegenwärtige Neubaudirektor Christian Schönrock aus Rostock stolz ausdrückt, „Fischköppe und Torfstecher“. Und zwar so, als hätten kleine Jungs mit glühenden Wangen an ihrem Lieblingsspielzeug herumgebastelt. Was an Lichteffekten möglich ist, haben die Schiffsarchitekten von der Lasershow am Sonnendeck bis zur blinkenden Bar in allen denkbaren Farben ausprobiert. Selbst die Toiletten sind als Lichtkunstwerke inszeniert. Und bevor man in den mit Minilämpchen gespickten Tunnel zur Discothek gelangt, betritt man eine Röhre mit Lichtboden und möchte am liebsten „Beam me up, Scottie“ ausrufen.

Große Gefühle, freches Design

Schon die erste „Aida“, 1996 in Rostock getauft, war ein besonderes Schiff - wirtschaftlich, politisch und als Ferienkonzept, und dazu mit 150 Millionen Euro Baukosten die größte deutsche Einzelinvestition in ein touristisches Projekt. Große Gefühle hatten ihre Geburt begleitet, Stolz, Kampflust und Hoffnung. Denn für Tausende von Arbeitslosen und für die beteiligten Unternehmer aus Westdeutschland ging es um alles oder nichts. Besitzer der ersten „Aida“ - die jetzt „Aidacara“ heißt - war die Deutsche Seereederei in Rostock, vor der Wende nach der Sowjetflotte die zweitgrößte Schifffahrtsgesellschaft der Welt, danach aber nicht mehr konkurrenzfähig. Bei der Privatisierung hatten zehntausend der einst dreizehntausend Mitarbeiter gehen müssen. Von der Treuhand wurde das Unternehmen nach publizistischem Getöse nicht, wie von den meisten erwartet, der Bremer Vulkan - die es nicht mehr gibt -, sondern an die beiden Hamburger Kaufleute Horst Rahe und Nikolaus Schües verkauft, die damit zu Global Players aufstiegen. Allerdings mit vollem Risiko: Ihre eigenen Firmen gingen in die Deutsche Seereederei ein, mit allen Angestellten zogen die Hamburger nach Rostock um. Bis 1998, so die Zusage an die Treuhand, sollten sie 550 Millionen Euro in das ehemalige Kombinat investiert und zweitausend Arbeitsplätze in Mecklenburg-Vorpommern gesichert haben.

So kam es zu der Idee mit der „Aida“, der Johann Friedrich Engel, Vater des Robinson-Club-Urlaubs, Stil und Gesicht verlieh. Als provozierender Paradiesvogel der bis dahin traditionell ausgerichteten deutschen Kreuzfahrt stach die erste „Aida“ zu ihrer Jungfernfahrt in See, mit einer Ferienlandschaft über drei Decks samt Palmeninseln und Strandkörben und einem Fitness-Parcours vor einer verglasten Wand zum Meer. Zum ersten Mal in der deutschen Kreuzfahrt wurde das Schiff selbst zum Ferienziel, der Zwang zum Trinkgeld, zum dauernden Umziehen und zur Tischzeit entfielen. Die strahlenden Farben und Lichtinszenierungen der Innenarchitektur setzten sich außen an der Schiffswand fort mit einem „Gesicht“ am Bug, das der Mecklenburger Künstler Feliks Büttner entworfen hatte.

„Albernheiten auf dem Wasser“

Es wurde eine Erfolgsgeschichte. Das Schiff mit den goldfarbenen Augen und dem Kussmund am Bug eroberte ein neues Publikum für den Urlaub auf See und verdoppelte mit seinen beiden etwas größeren Schwestern „Aidaaura“ und Aidavita“ den gesamten deutschen Markt, und das bei inzwischen traumhaften Renditen. Im vorigen Jahr waren 240.000 deutsche Urlauber auf den „Aida“-Schiffen, mit den vier Neubauten wird die Kapazität bis 2010 mehr als verdoppelt, eine halbe Million Passagiere erhofft sich das Rostocker Unternehmen dann, gewonnen aus dem Reservoir der Pauschalreisenden rund ums Mittelmeer. Für die mutigen Unternehmer aus der Anfangszeit aber ist diese Karriere mit einem Hauch Wehmut verbunden. Niemand wollte die erste „Aida“ finanzieren. Der erste Kredit lief nach einem Jahr aus, zu einer Anschlussfinanzierung fand sich keine Bank. „Deutsche Kreuzfahrturlauber suchen keine Albernheiten auf dem Wasser“, hieß es in der Fachwelt. Dazu kam der Widerstand fast der gesamten deutschen Reiseindustrie, nur sehr wenige Buchungen gingen über die Reisebüros ein, bis man aus Verzweiflung Tausende von Reisebüromitarbeitern auf das nicht einmal halb besetzte Schiff einlud - und dann endlich ging es aufwärts.

Trotzdem blieb keine andere Wahl, als die erste „Aida“ an die Norwegian Cruise Line zu verkaufen und zurückzuleasen. Geld zum Rückkauf und die Investition in weitere Schiffe gewann das Rostocker Unternehmen aber erst mit der Beteiligung von P&O, einem britischen Mischkonzern mit Seefahrttradition. Doch dann wurde P&O vom Weltmarktführer Carnival Cruises aus Miami geschluckt, mitsamt den „Aida“-Schwestern und der zweiten Marke Arosa. Der geschäftsführende Gesellschafter Horst Rahe, der die Erfolgsgeschichte auf den Weg brachte, geht seitdem mit Arosa-Flussschiffen, der gleichnamigen Spa-Linie und einer Hotelsammlung eigene Wege. Noch ist in Rostock nicht vergessen, dass seine Firma zu den wenigen Treuhandbetrieben zählte, „die Wort gehalten haben“.

Die famose RIesensalatschüssel aus Glas

Auch jetzt, da Aida Cruises Marktführer in Deutschland mit mehr als zweitausend Angestellten ist, kommen immer noch viele aus Mecklenburg-Vorpommern, Passagiere wie Angestellte, einige unter ihnen sind schon ein Vierteljahrhundert dabei, Ingenieure wie Techniker, Logistiker oder Hotelmanager. Die Firmenzentrale mit 450 Leuten befindet sich in Rostock. Von dort stammt auch Michael Thamm, der Präsident von Aida Cruises, er ist gleichfalls von Anfang an dabei und, angesichts der erstaunlichen Erfolge, ein gefeierter Manager. Unter den zahlreichen Marken der Muttergesellschaft Carnival zählt sein Unternehmen zu den renditestärksten, und als Rendite erwartet Carnival-Chef Micky Arison zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Prozent. Die deutsche Reiseindustrie muss mit einem Zehntel zufrieden sein. Die Kreuzfahrt hatten Thomas Cook und TUI aufgegeben und dann den Boom verschlafen. Die Pointe dabei ist, dass sich die TUI nun, mit zunächst fünf Prozent, bei den von ihr einst wenig geliebten Rostockern beteiligen will. Christian Schönrock ist schon dabei, sich ein für 2010 gewünschtes TUI-Schiff mit dreitausend Passagieren auszudenken.

Seinen bislang tollsten Einfall hatte er allerdings mit der Riesensalatschüssel aus Glas, die rechts und links mehrere Decks hoch aus den Schiffwänden der „Aidadiva“ herausragt, ein Trick, Licht und Platz aus dem Nichts zu gewinnen. So entstand, stets in strahlendem Tageslicht und mit Aussicht aufs Meer, der dreistöckige, multifunktionale Theatermarktplatz mit Namen „Theatrion“. Auf seiner Bühne wird gesungen, Kunstauktionen finden hier statt, und abends tritt unter farbigen Lichtkaskaden zu tosendem Beifall Jane Comerford auf, spielt die Ukulele oder den Flügel und schmettert „No, no never“. Drum herum sind Bars, Restaurants, das gläserne Fernsehstudio und die himbeerfarbigen „Kuschelinseln“ mit Seeblick und Fernsehschirm arrangiert. Das sieht alles sehr luftig aus, ist multifunktional, kein Quadratmeter Schiff bleibt ungenutzt, und jeder ist akustisch mittendrin - gewollt oder nicht. Fünfmal am Abend beginnt ein neues Unterhaltungsprogramm, tagsüber wird dafür geübt.

Liebe, Lollifarben, Lichtkunstwerke

Das Meisterwerk ist und bleibt die Architektur. Die beiden Schiffsarchitekten aus Hamburg sind die gleichen wie bei der ersten „Aida“, nur waren sie damals poetischer mit Sonne, Mond und Sternen auf dem nachtblauen Teppichboden vor dem Theater oder den schillernden Muscheln auf den Aufzugstüren. Jetzt ist der erste Eindruck kunterbunt, kermitgrün schillert die Rezeption, fliederfarben, rot und gold strahlt das Theatrion. Doch je länger man sich inmitten des lollifarbenen Kindergeburtstagsambientes aus Hippiezeiten bewegt, desto weniger möchte man es missen. Die Farben stehen in fröhlichem Kontrast zur hochwertigen Materialqualität, jedes Detail vom Türgriff bis zum Waschbecken ist ein Designerstück auf Philippe-Starck-Niveau, an allen Ecken sind weitere phantasievolle Objekte zu entdecken, und die Ausführung der Maler- und Fliesenarbeiten erweckt Neid: so sauber, wie man es zu Hause höchstens von Edelküchenfirmen zu stolzesten Preisen bekommt. Stauraum in den vierzehn bis siebzehn Quadratmeter kleinen Kabinen gibt es genug, der Glasbalkon in 448 Kabinen - eine Standardforderung von Micky Arison - simuliert samt zugehöriger Hängematte Weite, das kleine Bad mit der roten Waschbeckensäule strahlt Eleganz und Großzügigkeit aus. Ein Meisterstück ist die Camouflage der niedrigen Räume mit Bäumchen, ganzen Palmenwäldern, deren Krone erst kurz vor der Decke beginnt und in sie hineinzuwachsen scheint. Am schönsten sind die knorrigen Olivenbäume auf den weißen Marmorplatten stabiler Pinienholztische im wunderbar gestylten „Bella Vista“-Restaurant.

An jedem Detail sieht man, dass sich hier jemand Gedanken gemacht hat und seine Arbeit liebt. Das gilt auch für die Liegen auf den 6400 Quadratmetern Fläche des Sonnendecks, ihr jetzt schmalerer Alurahmen spart acht Zentimeter Breite und erlaubt einen Platz an der Sonne für jeden. Auch für die FKK-Freunde auf dem versteckten obersten Deck, ein „must“ im Strandleben der DDR, das hauptsächlich von Männern im Egon-Krenz-Format frequentiert wird.

Mit Herzblut, Witz und Wehmut

Ob man sich wohl fühlt auf der „Aidadiva“? Da bleiben Fragen offen. Wohin mit all den Menschen, wenn es regnet und das Sonnendeck als Stauraum ausfällt? Rund ums Theatrion ist mit Dauerlärmpegel zu rechnen, Fitnessräume, Spa und Restaurants besucht man am besten antizyklisch. Als Aufenthaltsräume dienen sie nicht, sie werden nach dem Essen geschlossen. Selbstbedienung und straffe Organisation erlauben günstige Preise, denen auch ein Kabinenservice oder sonstige Individualitäten zum Opfer fallen. Dazu kommt das Carnival-Credo, die Schiffe unter allen Umständen zu hundert Prozent zu füllen, denn die Passagiere geben ja bei Ausflügen und an der Bar Geld aus. Und - das ist wohl das Wichtigste dieser Verkaufsphilosophie - sie erzeugen genug Kapazitätsdruck für Wachstum und den Bau neuer Schiffe. Sehnsüchte nach Distinktion und Distanz werden hier kaum erfüllt. Doch ist die „Aidadiva“ auch ein Kreuzfahrtlabor, das erste deutsche unter neunzig Carnival-Schiffen, von dem die Reederei Antworten erwartet: Wie viel Service ist in Zukunft erwünscht, wie viel Differenzierung? Die achtzehn Suiten jedenfalls sind immer zuerst ausgebucht.

Mit leiser Wehmut verlassen wir nach vier Tagen in Lissabon das Schiff. Dieses Herzblut, das in jedem Detail des Schiffes steckt, dieser Witz. Das Unterhaltungsprogramm aus der Werkstatt von „Schmidts Tivoli“ im Hamburger Kiez ist vergleichsweise anspruchsvoll, ebenso sind es die Auktionen mit Werken zeitgenössischer Künstler meist aus Ostdeutschland. Eine „Aida“ mit internationalem Publikum, mit weniger Menschen, mehr Service, größeren Kabinen und Rückzugsräumen vor der Dauerunterhaltung - das wäre unser Traumschiff.

Ein Tag auf der „Aidadiva“ kostet je nach Kabine und Saison etwa zwischen 130 und knapp 300 Euro pro Person. Bis zum September kreuzt das Schiff von Palma de Mallorca aus im westlichen Mittelmeer, danach zwischen den Kanarischen Inseln. Weitere Informationen zu Routen und Preisen in den Reisebüros oder unter www.aida.de.



Text: F.A.Z., 10.05.2007, Nr. 108 / Seite R1
Bildmaterial: Brigitte Scherer, REUTERS

 
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