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Home > Reise >, 30. Juni 2008

Familienurlaub
Lieber Frosch sein als Kröte streicheln

Das Testkind kann zufrieden sein. Es ist, im zarten Alter von drei Jahren, zum ersten Mal auf einem echten Pferd geritten, hat zum ersten Mal eine Nacht auf echtem Heu geschlafen, hat zum ersten Mal einen echten Pinguin gestreichelt und zum ersten Mal in einem fliegenden Elefanten, allerdings keinem echten, hoch über dem Boden seine Runden gedreht. Es hätte auch zum ersten Mal eine echte Kröte in die Hand nehmen können, was es aber, aufgrund wohl ästhetischer Vorbehalte, ablehnte. Doch auch so ist die Bilanz nicht schlecht für einen Familienurlaub im deutsch-niederländischen Grenzgebiet, zumal dann, wenn er gerade einmal ein Wochenende gedauert hat.

Wie kinderfreundlich dieses Gebiet ist, hatte sich gleich hinter der Grenze angedeutet, als die Viehdichte beiderseits der Fahrbahn sprunghaft zunahm. Wenn das Kind nach dem elterlichen Hinweis „Schau mal, Kühe” zu spät aufblickte, standen dort mit Sicherheit wieder neue Kühe oder Pferde oder Schafe, auf jeden Fall etwas Interessanteres als die immergleichen Windräder drüben bei den Deutschen. Doch wir wollen hier keine Seite gegen die andere ausspielen, schon weil unsere kleine Reise im Zeichen guter Nachbarschaft stand.

Papierflieger sausen von Tisch zu Tisch

Eingeladen hatte die Tourismusoffensive der Euregio, eines grenzübergreifenden Kommunalverbands, der die niederländischen Regionen Twente, Achterhoek, Salland, Overijssels-Vechtdal und Kop van Overijssel umfasst und in Deutschland das Münsterland, das Osnabrücker Land, Teile des südlichen Emslands sowie die Grafschaft Bentheim. Es gibt zahlreiche Euregios in Europas Grenzgebieten, doch diese war die erste: 1958 gegründet, um gemeinsam die durch die Grenzlage bedingten Strukturschwächen zu überwinden.

Es scheint etwas gefruchtet zu haben, betrachtet man die so gar nicht benachteiligt wirkenden Landstriche, die idyllischen Weiden und Wälder, die Siedlungen mit den schmucken Häusern und den Miniaturbäumchen in den liebevoll gepflegten Vorgärten. EU-Fördergeld bekommt die Euregio nach wie vor und setzt es dort ein, wo die Trennung trotz gefallener Schlagbäume fortbesteht - für ein Programm etwa, das holländische und deutsche Touristen in die jeweilige Nachbarregion locken soll.

Die zwölf Kinder aus Deutschland und den Niederlanden, die am Abend mit ihren Eltern im Restaurant des Campingplatzes Beerze Bulten sitzen, wissen nichts von den hehren Zielen, die hinter ihrer Reise stehen, dafür aber genau, wie sich Grenzen schnell überwinden lassen: Papierflieger sausen von Tisch zu Tisch. Anschließend verschwinden alle Kinder im Kaninchenloch. „Giga Konijnenhol” heißt die unter einem grünen Hügel verborgene Indoor-Spiellandschaft des Campingplatzes, und „giga” ist nicht übertrieben. Für dreihundertfünfzig Kinder ausgelegt ist die Halle mit Kletternetzen, Hängebrücken, Hüpfkissen, Bällebädern, einer Theaterbühne und vielem mehr. Der Nachwuchs ist nun beschäftigt, auch unsere Dreijährige gibt uns freudig den Rest des Abends frei: Zeit, das Gelände zu erkunden.

Geadelt mit dem Prädikat „Superplatz”

Eine Reise in die Niederlande auf einem Campingplatz zu eröffnen scheint nicht eben originell. Doch Beerze Bulten, geadelt mit dem Prädikat „Superplatz” des ADAC und von dessen niederländischem Pendant drei Jahre in Folge zum besten Zeltplatz Europas gekürt, ist eine Sehenswürdigkeit für sich - ein Campingplatz auch für Leute, die Camping eigentlich hassen. Sie finden hier ein modernes Familienschwimmbad, Sportanlagen, Wellness-Zonen und eine zwei Hektar große Sandlandschaft mit Teich und Kletterburgen. Keine Zäune, nur Büsche und Bäume trennen die Stellplätze voneinander, die über Strom, Wasser und Kabelfernsehen verfügen. Wem das noch zu wenig Komfort ist, der kann das neue Ganzjahreszelt buchen, das mehr Haus ist als Zelt: stabile Wände, zwei Schlafzimmer, Küchenzeile und Veranda, überspannt indes von einem Zeltdach. Sehr einladend, das Ganze, nur wird man so als Luxuscamper vermutlich scheele Blicke der Zeltplatznachbarn ernten.

Besser also gleich in einen der Bungalows ausweichen. Während nebenan das der Kaninchenhöhle entrissene Kind seine Einschlafzeit wacker gen Mitternacht verschiebt, blättern wir rasch den Prospekt mit den Höhepunkten der Region durch. Abenteuerparks muss es hier im Überfluss geben; dass einer von ihnen, Koningin Juliana Toren, nach der früheren Regentin benannt ist, zeugt vom angenehm spielerischen Umgang der Niederländer mit der Monarchie. Bei uns hingegen wäre ein Kaiser-Wilhelm-Park aus verschiedenen Gründen undenkbar, und auch Helmut Kohl würde sich wohl dagegen verwahren, Namenspatron eines kollektiven Freizeitparks zu werden.

In der Höhle wartet das Dinosaurierknochenmonster

Wir aber fahren am Morgen nicht zu Koningin Juliana, sondern nach Hellendoorn, einem Park in Salland. Dass es tröpfelt ohne Unterlass, verdrießt nur die Erwachsenen; für Kinder ist Regen ja eine weitere Attraktion, jedenfalls dann, wenn sie Gummistiefel tragen. Vor dreiundsiebzig Jahren stand hier ein einsames Restaurant, um das herum nach und nach Fahrgeschäfte aufgebaut wurden. Die größeren Kinder freuen sich über drei Achter- und zwei Wildwasserbahnen, für die kleineren gibt es das „Dreumesland”, in dem Eisenbahnen und Karusselle in gemächlicherem Tempo ihre Runden drehen.

Sehr familienfreundlich das Ganze, selbst die Eintrittspreise von achtzehn Euro je Besucher über drei Jahre; im Juli und August sind es neunzehn Euro. Vielleicht hätte man es allerdings irgendwie kennzeichnen sollen, dass bei der „Jungle Vaart”, die als beschauliche Bootstour beginnt, zunächst ein großes Flusspferd auftaucht und der Kahn schließlich in eine dunkle Höhle treibt, in der ein missgestimmtes Dinosaurierknochenmonster wartet. Schon Flusspferden steht die Dreijährige eher skeptisch gegenüber, da hätte es eines Monsters nicht mehr bedurft.

Sich betten im Heu

Gut, dass die Tiere auf dem Kinderbauernhof Het Rheins in dem Ort mit dem einladenden Namen Enter von kleinerem Kaliber sind. Hier lassen sich Ponys, Lämmer, Hängebauchschwein und sogar Hähne geduldig streicheln. Außerdem gibt es eine Minigolfanlage, einen Spielplatz und Planwagen, mit denen man zwischen den Feldern hindurchfahren und feststellen kann, dass Kühe beileibe nicht ständig stumpf stieren, sondern flott angelaufen kommen und unser Gefährt mit neugierigem Blick studieren. Danach geht es, nun wieder im Bus, über die Grenze zum Margarethen-Hof in Neuenkirchen, einem großen Bauernhof mit Reitstall und Ferienwohnungen.

Nicht dort aber werden wir uns betten, sondern im Heu. Früher bestand das „Heuhotel” aus nichts als einem großen Raum, der mit Heu ausgelegt war. Da die Gäste bei aller Freude am Naturerlebnis ein wenig mehr Intimsphäre wünschten, wurden durch Trennwände etwa drei mal drei Meter große Boxen geschaffen, die nur noch nach einer Seite offen sind und Namen tragen wie Fohlenpaddock, Ferkelbucht oder Storchennest.

Kröten streicheln und Salamander basteln

Das Heu selbst ist kurz vor der Blüte geschnitten worden, somit pollenfrei, und wird einmal im Jahr gewechselt. Und während die Erwachsenen noch überlegen, ob der jüngste Wechsel wohl vor einer Woche erfolgte oder schon vor elfeinhalb Monaten, stürzen sich die Kleinen so bereitwillig ins Bett wie selten. Am Morgen danach stellt man verblüfft fest, wie friedlich knapp dreißig Menschen gemeinsam in einem Raum schlafen können, inklusive vieler Kinder und der sechsköpfigen Besetzung einer Junggesellinnenabschiedsparty. Sind die Kuhlen erst einmal geglättet und der Körper vom Schlafsack umhüllt, schläft es sich ganz wunderbar im Heu. Einzelne treue Halme werden uns den Rest der Reise über begleiten.

Die führt uns am letzten Tag in den Naturzoo Rheine, einen Tierpark im Münsterland mit neunhundert Tieren in hundert Arten, der den Mangel an spektakulären Attraktionen wettmacht durch seine reizvolle Lage im Naherholungsgebiet Bentlager Wald, das Bemühen um naturnahe Tierhaltung sowie besondere Angebote für junge Besucher: Naturlehrpfad, Zooschule und bewegliche Schautafeln vor jedem Gehege, welche auf spielerische Weise Wissen vermitteln. Der Tag unseres Besuches ist bedrohten Amphibien gewidmet: Unter dem Motto „Sei ein Frosch!” können die Kinder Kröten streicheln, sich als Frosch schminken lassen oder Salamander basteln.

Kleine Ritter in leichten Kettenhemden

Die Kunde vom Froschtag scheint sich auch unter den Störchen verbreitet zu haben, die am Himmel über dem Zoo kreisen; doch sie schauen ohnehin täglich vorbei und besuchen ihre Artgenossen im Reservat. Besonders beliebt bei unserer Kleinen waren die Berberaffen, die bei einer Wanderung durch den ein Hektar großen Affenwald aus der Nähe zu erleben sind, und die Pinguine, die man eigentlich nicht streicheln sollte. Sie waren allerdings überaus zutraulich.

Letzter Programmpunkt ist der Besuch der frühmittelalterlichen Burg Bentheim, die hohe Türme, tiefe Brunnen und eine Alchimistenkammer zu bieten hat. Die Kinder wurden für die Tour wie kleine Ritter mit Kettenhemden ausstaffiert, und obschon diese nur aus Stoff waren, wurde es unserer reizüberfluteten Dreijährigen allmählich zu viel: Über die steilen Burgtreppen wollte sie sich nur noch tragen lassen. So frei man sich heute in Europa auch bewegen kann - beim Reisen mit kleinen Kindern stößt man doch irgendwann an natürliche Grenzen.

F.A.Z.
Jörg Thomann


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