Von Elke Sturmhoebel
22. April 2004 Mit großen Augen glotzen die Rinder über den Rand des Viehtransporters auf das wogende Meer. Gischt sprüht über die Reling der Fähre MS Hilligenlei. "Almauftrieb" nennen es die Halligbewohner, wenn das Pensionsvieh Anfang Mai zur Sommerfrische anreist: um sich auf den saftigen Wiesen der Halligen schlachtreif zu fressen.
Nur wenige Touristen verlassen in Langeneß das Schiff. Der Fahrradverleih am Anleger fordert Neuankömmlinge zur Selbstbedienung auf. Es ist noch ganz und gar nicht sommerlich auf der Hallig. Wolkenschatten hasten in Windeseile über die Weiden. Böen pusten in den dicken Pelz der Schafe. Die Lämmer drängen sich schutzsuchend an den Bauch der Mutter. Am Himmel formieren sich riesige Schwärme von Knutts und Säbelschnäblern zu schnell schwenkenden Wolken. Im Windschatten der Warften landen Ringelgänse.
Fünfmal um Kap Horn
Der Wind treibt die wenigen Gäste in "Inkes Café" auf der Ketelswarft. Pharisäer sei das beste bei diesem Wetter, meint die Wirtin. Dazu empfiehlt sie ihren selbstgebackenen Pflaumenkuchen. Das kleine Café ist gemütlich, aber man hat auch keine Wahl: es ist das einzige Halligcafé. Gleich nebenan geben zwei reetgedeckte Friesenhäuser Einblick in alte Halligkultur: Im Gertsen-Haus aus dem Jahre 1725 wohnte noch bis vor vier Jahren die Nichte des Kapitäns Boy Petersen, der dreißigmal mit dem Fünfmaster "Preußen" um Kap Horn segelte. Eine Ausstellung im Haus dokumentiert diese Abenteuer.
Noch prächtiger ist das Kapitän-Tadsen-Museum ausgestattet. Das Gebäude wurde 1825 nach einer schweren Sturmflut auf den alten Grundmauern wieder errichtet. Der Eigentümer, der auf einem holländischen Handelsschiff fuhr, brachte aus Delft handbemalte Kacheln mit. Eintausendsechshundert Wandfliesen schmücken den Pesel, die gute Stube, und das Gedöns, das Wohnzimmer für jeden Tag. Viel Schnickschnack steht darin, "um den Besuchern zu zeigen, was man hat", erklärt Renate Boysen vom Fremdenverkehrsamt. Beim Rundgang deutet sie auf das Eierbrett in der Speisekammer. Es hat unterschiedlich große Kuhlen für verschiedene Vogeleier. In früheren Zeiten besorgten sich die Halligbewohner ihre Frühstückseier nicht im Kaufmannsladen, sondern direkt beim Erzeuger.
Eine Reise von 4.000 Kilometern
Über Nacht hat sich der Wind gelegt. Die Sonne scheint vom Himmel, der jetzt aussieht wie frisch gewaschen. Ein vielstimmiger Vogelchor erfüllt die jodhaltige Luft. Ungezählte Brut- und Rastvögel bevölkern im Frühjahr die Halligen und bedienen sich auf den Weiden und im Watt vom reichgedeckten Tisch. Beinahe allgegenwärtig ist dieser Tage die Ringelgans. Sie hat ihren Namen von dem weißen Halsring. Dazu trägt sie weißen Bürzel und dunklen Bauch. Von Mitte März bis Mitte Mai muß man nicht lange nach ihr Ausschau halten. Tausende Vögel machen auf ihrem Weg in die arktischen Brutgebiete Zwischenlandung auf Langeneß. Beim Anflug im Wattenmeer haben die Ringelgänse nur eines im Sinn: fressen. Wenigstens zwanzig Prozent ihres Gewichts müssen sie zulegen, um die viertausend Kilometer lange Weiterreise zu überstehen.
Für die Naturschützer ist die Geschichte der Ringelgans eine Bestätigung ihrer Arbeit. In den fünfziger Jahren vom Aussterben bedroht, hat sich der Bestand der Wildgänse durch Jagdverbot und andere internationale Schutzmaßnahmen auf inzwischen zweihunderttausend Exemplare stabilisiert. Bauern indes sind über den Kahlschlag auf den Wiesen nicht erfreut. "Früher wurde nur geschimpft auf die verfressenen Vögel", sagt Boy-Peter Andresen, der Bürgermeister von Langeneß. Erst seitdem die Ringelgans als Lockvogel vermarktet werde und Touristen kämen, um die Vögel auf der Zwischenstation im Wattenmeer zu beobachten, haben die Halligbewohner ihren Frieden mit den fliegenden Gästen gemacht. Die meisten Halligbauern vermieten auch Ferienwohnungen, da kommt ihnen ein früherer Saisonstart gerade recht. Die Eröffnung der siebten Ringelgans-Tage soll am 1. Mai auf Hallig Hooge stattfinden. Dabei wird auch die "Goldene Ringelgans-Feder" verliehen - an jemanden, der sich um das Federvieh verdient gemacht hat. Im vorigen Jahr wurde der niederländische Fotograf Jan von de Kam ausgezeichnet. Er folgte mit der Kamera den Zugwegen der Ringelgans von Westeuropa über die Halligen bis zur nordsibirischen Halbinsel Taimyr.
Premiere auf plattdeutsch
Zentrum der Ringelgans-Tage ist Hooge. Dort finden sich auch die meisten Tagestouristen ein. Langeneß, mit achtzehn Warften die größte Hallig, ist weitläufiger und für eine Stippvisite weniger attraktiv. Die touristische Infrastruktur beschränkt sich auf eine Gaststätte beim Anleger, einen Kaufmannsladen am anderen Ende der zehn Kilometer langen Straße und "Inkes Café" auf halber Strecke. Besucher der Ringelgans-Tage bleiben meist einige Nächte, manche wandern sogar durchs Watt, um das Naturschauspiel zu erleben. Salzwiesenexkursionen, ein Blümchenbuffet am Wattenmeerhaus, Vogelbeobachtungen und Theater mit anschließendem "Ringelpietz mit anfoten" und anderes steht dann auf dem Programm.
In der Gaststätte "Hilligenlei" hat das neue Stück des Rottgoostheaters Premiere. Selbstredend auf plattdeutsch. Die Auswärtigen müssen sich "dat eben tosamen klamüstern", sagt der Postschiffer Fiete Nissen zur Begrüßung. Der kernige Typ mit dem roten Vollbart spielt die Hauptrolle in dem Schwank, auf der Bühne stehen auch Renate Boysen vom Fremdenverkehrsamt und Bruno Petersen, der Fahrer des Hallig-Expreß. Die Ringelgänse hingegen stehen nicht so gern im Rampenlicht. Die scheuen Vögel fühlen sich beim Fressen schnell gestört, fliegen auf und verlieren dabei die nötige Energie für den Weiterflug. Zum Leidwesen der Vogelschützer empfinden die Ringelgänse ökologisch korrekte Fußgänger als Belästigung. Auch Radfahrer werden nur akzeptiert, wenn sie in die Pedale treten und schnell das Weite suchen. Von Autos hingegen lassen sich die Ringelgänse nicht stören.
Am besten schmecken Suden
Am besten beobachtet man die Vögel durchs Fernglas, außerhalb ihrer Fluchtdistanz. Der Zivildienstleistende vom Wattenmeerhaus ist mit einer kleinen Besucherschar unterwegs. Brütende Kiebitze, Sandregenpfeifer und Rotschenkel hat er gesichtet. Auch Austernfischer, die durch die Salzwiesen staksen. Gerade ist wieder ein Trupp Ringelgänse gelandet. Friedlich geht es aber gar nicht zu in der Gänseschar. Einige Ganter recken zornig die Hälse und fauchen. Um ein schönes Weibchen geht es bei den Scheingefechten nicht, sondern allein darum, wer mit dem Fressen beginnen darf. Ringelgänse betreiben Wiesenmanagement, erklärt der Naturführer: Haben sie die Weide abgefressen, kommen die Vögel nach vier Tagen zurück, um sich über die nachgewachsenen Sprossen herzumachen: über das Andelgras, den Rotschwingel und die leckeren Suden.
Für dieses Ungemach erhalten die Landwirte seit 1987 Ausgleichszahlungen aus dem Halligprogramm des schleswig-holsteinischen Landwirtschaftsministeriums. Doch eine Gans, die goldene Eier legt, ist die Ringelgans deshalb nicht. Allenfalls achtzig Euro Gänsegeld gibt es pro Hektar. "Der tatsächliche Schaden liegt aber bei bis zu dreihundert Euro", sagt Frerk Johannsen, der Ortsvorsitzende vom Bauernverband. Manchmal müsse im Mai sogar mit Heu zugefüttert werden, damit das Vieh nicht verhungere. Er selbst hält fünfunddreißig Rinder und ist einer von fünf Vollerwerbslandwirten auf Langeneß. Drei weitere Bauern geben ihr Vieh zum Überwintern aufs Festland. Ein Dutzend Familien bewirten nur Pensionsvieh.
Das Vieh kommt zur Pension
Etwa dreihundert Rinder verbringen den Sommer auf Langeneß. Die Beweidung ist schon aus Küstenschutzgründen wichtig. Die Tiere tragen zur Festigkeit des Bodens bei und halten die Grasnarbe stabil. Doch für die Halligbauern wird es immer schwieriger, Pensionsvieh zu bekommen. Auf dem Festland stehen zunehmend mehr und günstigere Grasflächen zur Verfügung. "Das ist zeitlich nicht so aufwendig, zudem fallen die Frachtkosten weg", sagt Bauer Johannsen. Die Halligbauern müssen sich anstrengen.
Gerade ist wieder ein Viehtransport mit der Fähre gekommen. Ein Trecker übernimmt den Anhänger, um die Fracht auf die Weide zu befördern. Die Ringelgänse stören sich nicht an dem Verkehr. Sie sind anderweitig beschäftigt. Schon bald werden sie den Flug in die Arktis antreten. Bis dahin haben sie sich ein so dickes Bäuchlein angefressen, daß sie Mühe haben werden abzuheben.
Information: Die siebten Ringelgans-Tage auf den Halligen finden vom 1. bis 9. Mai statt. Das Programm ist im Internet unter www.ringelganstage.info zu lesen. Allgemeine Auskünfte beim Fremdenverkehrsbüro, Ketelswarft 3, 25863 Hallig Langeneß, Telefon: 04684/ 217, Fax: 289, im Internet: www.langeness.de
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.04.2004, Nr. 94 / Seite R12
Bildmaterial: dpa