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Luxuszüge
Nordspanien in einem Zug

Zum Showdown kommt es kurz vor Llanes. Die Reiseführerin hat schon vor Stunden angekündigt, dass unser Zug, der sich seit knapp vier Tagen gemächlich von Galizien entlang der spanischen Nordküste in Richtung Baskenland bewegt, am Nachmittag auf den der entgegenkommenden Gruppe treffen wird. Die Tradition, zwitschert sie im aufgeregten Animierton, wolle es, dass die beiden Gruppen sich beim Aufeinandertreffen der Züge eine Wasserschlacht lieferten.

Und so geschieht es, dass in Ehren ergraute Männer und ihre mit Edelsteinen geschmückten Frauen, die je gut 2500 Euro für die achttägige Schienenkreuzfahrt im Transcantábrico bezahlt haben, aufgedreht wie Siebenjährige beim Kindergeburtstag die Minibars ihrer Suiten nach Wasserflaschen absuchen. "Hygienebeutel" genannte Plastiktüten für Monatsbinden und Tampons werden bis zum Rand mit Wasser gefüllt und unter lautem Gekreische und Gekicher in einem der geöffneten Fenster des anderen Zuges versenkt. Clevere verschanzen sich in den Badezimmern und drehen die Brause auf.

Im Salonwagen

Nach wenigen Minuten ist das Spektakel vorüber, und man trifft sich, noch etwas außer Atem, aber gesittet und mit frischer Oberbekleidung, wieder im Salonwagen zu Lektüre und vorabendlichem Drink. Draußen schweben bei Tempo dreißig die dunklen Wälder Asturiens in der Dämmerung vorbei.

Eine Gruppenreise, seit ihrer Erfindung durch den Engländer Thomas Cook im Jahr 1841 wissenschaftlich erforscht, zeichnet sich auch heute noch vor allem durch eines aus: Sie ist eine Art Schicksalsgemeinschaft von begrenzter Dauer und mit beschränkter Haftung. Soziale Interaktion entsteht hier viel schneller und intensiver als im nichttouristischen Alltag. Eben weil diese Gruppe räumlich und zeitlich begrenzt und weit weg von der Alltagswelt existiert.

In jener "normalen" Umgebung würden wir vielleicht über Carmen und Enrique aus Almería spötteln. Über ihn, weil er grellbunte Hosen mit noch greller gestreiften Hemden kombiniert und seine geringe Körpergröße durch besonders lange und dicke Zigarren wettmacht. Über sie, weil sie ihre Lippen ganz offensichtlich von einem Stümper hat aufspritzen lassen. Doch während der Transcantábrico auf der längsten Schienenreise unterwegs ist, die in Westeuropa durchgehend möglich ist, verschwinden solche Äußerlichkeiten im "Wir-Gefühl".

Sanft klopfen die Räder

Dass Adela und Jordi aus Tarragona Wochen später die Adressliste der Reiseteilnehmer nutzen werden, um per E-Mail heftige politische Attacken gegen den spanischen Regierungschef Zapatero zu reiten oder Papst Benedikt XVI. ihre moralische Unterstützung gegen den Zorn von Islamisten angedeihen zu lassen, muss jetzt noch niemanden stören. Nicht jetzt, da das sanft-einschläfernde Klopfen der Räder auf den Schienen die Streitlust zähmt. Nicht jetzt, da die Weite des Atlantiks vor den Panoramafenstern den Kleingeist besiegt.

Zusammengeschweißt auf engem Raum wächst die Schicksalsgemeinschaft der Reisenden mit jedem der fast tausend Kilometer, die die Schmalspurbahn durch Spaniens grünen Norden zurücklegt. Der Zug hat gerade den Bahnhof des noch im milchigen Morgenlicht schlummernden galizischen Küstenstädtchens Viveiro verlassen, und das Geschrei der über dem Hafenbecken kreisenden Möwen ist bald nur noch Erinnerung.

Auf dem Weg zum ersten Frühstück im Salonwagen amüsiert man sich gemeinsam über den unsicheren, wankenden Gang. Auch darüber, dass ein Ellbogen oder eine Hüfte blaue Flecke davonträgt. Bald wird das nerven. Vielleicht schon, bevor Kantabrien mit seinen langen Sandstränden und mondänen Stadthäusern erreicht ist. Und ebenso schnell wird die Gewissheit unter den Reisenden wachsen, dass nicht an Klaustrophobie leiden muss, wer ein kaum vier Quadratmeter großes Schlafzimmer für zwei Personen als zu klein bemessen empfindet. "Ich weiß nicht wohin mit meinen Kleidern", ist allemal ein Anknüpfungspunkt für ein Gespräch unter bis dahin Fremden. Und wer weiß, vielleicht entwickelt sich gar eine Bekanntschaft, die die Reise überdauert.

Unter Spaniern

Spanier sind offene, kontaktfreudige Menschen. Wer bei Gruppenreisen in Deutschland beispielsweise die Erfahrung gemacht hat, dass ein am ersten Tag besetzter Sitzplatz im Bus nach einem ungeschriebenen Gesetz bis zum Ende der Reise beansprucht werden darf, wird auf dem Weg von Santiago de Compostela nach Bilbao und dann weiter in die kastilische Ebene nach León die überraschende Entdeckung des Gegenteils machen. Wie sonst sollte man möglichst viele neue Bekanntschaften schließen und (Reise-)Erlebnisse teilen, wenn nicht der Sitznachbar oder zumindest das Paar auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges täglich andere Gesichter hätten?

Was wäre Cangas de Onís, jene Kapitale des von dem Herrscher Pelayo im 8. Jahrhundert gegründeten Asturischen Königreichs, ohne die Gesellschaft von Julie aus Bilbao? Die quirlige ältere Dame wird Tage später mit der Schärpe der beliebtesten Mitreisenden ausgezeichnet. Oder was wären die Berggipfel der Picos de Europa und die berühmten Höhlenzeichnungen von Altamira ohne Gotthold aus Mexiko, der nie vergisst, das Wort "Ingenieur" vor seinen Namen zu setzen? Nicht auszudenken auch, wenn die Tischgeschichten beim Kampf mit der Hummerschere in Viveiro dieselben wären wie über dem typischen asturischen Bohneneintopf Fabada in Covadonga.

Nach acht Tagen in Léon

So zieht der Transcantábrico sein Band draußen zwischen Meer und gebirgigem Hinterland, zwischen den Fischern, die morgens in Luarca lautstark ihren Fang versteigern, und jenen, die nachmittags schweigend in Ribadesella ihre Netze flicken. Zwischen den schnellen Schrittes von Termin zu Termin eilenden Geschäftsleuten in Gijón oder Oviedo und den einsamen Pilgern, deren Wallfahrt auf dem Jakobsweg mitten in der dürren kastilischen Ebene die Schienenroute kreuzt. Und drinnen, in den Wagen, knüpft er, zumindest für kurze Zeit, Verbindungen zwischen Menschen, die der bloße Zufall dazu brachte, sich füreinander zu interessieren.

Es ist früher Nachmittag, als die Schicksalsgemeinschaft nach acht Tagen am Zielort in León vor ihrer Auflösung steht. Ein letzter Stadtrundgang, ein letztes Mal noch gemeinsam staunen - hier über die gotische Kathedrale Santa María mit ihren kostbaren Farbfenstern. Noch ein Menü im Parador, Adressentausch.

Und da sind sie plötzlich, die anderen. Die Gruppe, die sich gleich auf den Weg in umgekehrter Richtung machen wird. Eine neue Gemeinschaft, die an die Stelle der alten tritt. Acht Tage voller neuer Gesichter und Geschichten.



F.A.S.
Karin Finkenzeller


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