Von Brigitte Scherer
03. März 2005 Da steht es nun, trutzig aus Stein und luftig aus Glas, hufeisenförmig um die Hügelkuppe des Eckerbichl geschmiegt, ein Stück globaler Architekturmoderne inmitten der Alpengipfel mit dem Weltläufigkeit suggerierenden Namen "Intercontinental Resort Berchtesgaden". Wie die Summe aller Widersprüche soll es auf dem Obersalzberg, Hitlers zweitem Machtzentrum, in einer kühnen Doppelstragie zweierlei: die bösen Geister der Vergangenheit bannen, doch nicht in das Vergessen entlassen. So heißt das Konzept des Freistaats Bayern, der das hundert Hektar große Gelände seit 1996 besitzt.
Aber selbst das ist nur ein Teil der Aufgabe. Teil zwei jenes umstrittenen "Zweisäulenmodells" von Dokumentationszentrum und Hotel in unmittelbarer Nachbarschaft, welches das bayerische Kabinett beschloß, nachdem sich das amerikanische Militär Mitte der neunziger Jahre vom Obersalzberg als Erholungsort heimkehrender Soldaten verabschiedet hatte, ist noch waghalsiger. Denn das Hotel, das vor zwei Tagen mitten im einstigen "Führersperrbezirk" auf derselben Kuppe eröffnet worden ist, die auf älteren Fotos noch mit einem Stein mit der Aufschrift "Reichskanzler Adolf Hitler-Höhe" gekrönt war, kommt mit großer Geste, als amtlich erklärtes Flaggschiff der bayerischen Ferienhotellerie zur Welt.
Neue Impulse im Tourismus setzen
Als erstes "Mountain Resort" mit allen internationalen Fünf-Sterne-Ingredienzien von ausschweifender Wellness-Abteilung über Konferenzzentrum bis Präsidentensuite soll es als Motor und Vorbild für eine neue Zukunft des lahmenden Fremdenverkehrs in den bayerischen Alpen, vor allem aber Berchtesgadens brillieren. Der Bau werde neue Impulse im Tourismus setzen, sagte der bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser zur Eröffnung.
Überall sonst wäre das eine glänzende Idee. Auf dem Obersalzberg hoch über Berchtesgaden aber, Hitlers "Alpenfestung", wirkt sie wie eine Fessel. Wie wenig geeignet dieser Ort trotz des phantastischen Blicks auf Watzmann und das Salzburger Land dazu taugt, der bedrückenden Vergangenheit die Leichtigkeit des Seins als Neubeginn entgegenzusetzen, würde selbst ein Besucher aus einer fernen Galaxis merken, der von alledem nichts weiß. Denn sobald er zum Beispiel Kritik an den dünnbeinigen Metallstreben der hohen Glaswand im Spa übte, das überhaupt in seiner hellen Beliebigkeit nicht so recht zum insgesamt wuchtigen Baukörper aus Stein und Holz passen will, hieße es sofort: Monumentalarchitektur wie in der Nazizeit ist nicht erwünscht. Und wunderte er sich über das kulinarische Konzept einer leichten Mittelmeerküche auf tausend Metern Höhe in den deutschen Alpen samt Parmesankäserad auf den Holztischen neben dem rot aufglühenden, raumhohen Glaswürfel, in dem der Rotwein gelagert wird, ist die Beschwichtigung, man wolle Internationalität statt dumpfer Deutschtümelei, nicht weit. So wurde auch das vorgesehene bayerische Stüberl im Untergeschoß, offenbar aus lauter Angst vor Fehlintepretationen, gestrichen - es soll aber jetzt doch schnellstmöglich eingerichtet werden. Was auch immer die Hotelleitung tut: Immer wird eine Seite damit nicht zufrieden sein.
Nichtssagende Bürostil-Möbilierung
Bleiben wir bei der Architektur: Der große Wurf des urprünglich geplanten, seitlich auf Stelzen gegen den Berg stehenden Zweiflügelgebäudes mit Turm und großzügigen Loggien in großformatiger Stein- und Holzausführung nach dem Vorbild des stilbildenden Amangani-Berg-Resorts in Jackson, Wyoming, wurde teils aus Geld-, teils aus Geschmacksgründen nach dem Wunsch des Bauherrn zur jetzigen Hufeisenform vereinfacht - und insgesamt verwässert. Zur beeindruckenden Schwere von grauem Schiefer und kakaofarben gebeiztem Lärchenholz wirkt die nichtssagende Bürostil-Moblierung von Restaurants und Zimmern so fehl am Platz wie die rosefarbenen Schleiflacktüren. Nur in den doppelstöckigen Suiten mit ihrer Panoramaterrasse auf dem weiten Rund des Daches hat der Gast das Gefühl, auch die Innenarchitektur halte der Wucht der umgebenden Bergwelt stand.
Aber um so banale Dinge wie Schönheit der Einrichtung, Qualität und Stil des Essens, Service oder Zimmerpreis ging es bei der Vorstellung des Hauses sowieso nicht. Bemüht, den richtigen Pfad bei der Gratwanderung zwischen "Grauen und Glamour" zu finden, wie es eine Beobachterin unvergleichlich ausdrückte, war vom strahlenden Festtagsglanz einer Grandhotel-Eröffnung so wenig zu spüren wie von einem Vorstand der britischen Betreibergesellschaft Intercontinental zu sehen. Außer dem bayerischen Finanzminister, sozusagen als Hausherr - Bauherr und Erbpachtnehmer des Hotels ist die Gewerbegrund, eine Tochter der Bayerischen Landesbank -, trat nur der Hoteldirektor bei der Pressekonferenz auf, beide sekundiert bei der heiklen politisch-historischen Bewertung von prominenten Fachleuten, von Rabbi Andreas Nachama, dem Direktor der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin, und von Volker Dahm, dem Leiter des Instituts für Zeitgeschichte in München. Nicht noch einmal wollte man sich dem Vorwurf aussetzen, zu viel von Wellness, Golf und Ski, von Konferenzen, Incentive-Veranstaltungen und von Luxus zu sprechen und zu wenig über die Schrecken des Ortes, die grausamen Pläne, die hier geschmiedet wurden.
Nicht protzig, nicht aufdringlich, nicht jodlerisch
"Je mehr Leute herkommen, desto mehr werden das Dokumentationszentrum sehen." So praktisch sieht es Rabbi Nachama. Nur weil "die Herren der tausend Jahre zwölf Jahre, vier Monate und acht Tage hier gehaust" hätten, dürfe man der Landschaft nicht verwehren, ihr eine der Geschichte angemessene goldene Zukunft zu wünschen. Nachama nannte den Obersalzberg mit seiner kombinierten Nutzung einen "Lernort", vergleichbar mit anderen prominenten Nazi-Orten wie dem Olympiastadion oder dem Flughafen Tempelhof in Berlin, die beide trotz ihrer Vergangenheit wieder genutzt würden. "NS-Orte entmystifiziert man am besten, indem man das normale Leben einziehen läßt", bekräftigte Volker Dahm und trug noch einmal das Konzept des 1999 eröffneten Dokumentationszentrums auf dem Obersalzberg vor, das die Heile-Bergwelt-Propaganda der Hitlerzeit mit dem realen Horror von Krieg und Holocaust konfrontiert.
Auch Minister Faltlhauser betonte die Bedeutung der Dauerausstellung, die bisher mehr als sechshunderttausend Menschen besucht haben und die im Juni um einen Bau erweitert wird. Er nahm die Gelegenheit wahr, die Architektur des Hotels als "nicht protzig, nicht aufdringlich, nicht jodlerisch", also mit lauter kleinmütigen Verneinungen, zu loben. Formvorgaben an den Architekten - der nicht zu der Vorstellung geladen war - , habe es nicht gegeben, außer der einen: Das Gebäude dürfe jede Anmutung besitzen, nur eine nicht, martialisch.
Das Hotelpersonal bekam geschichtlichen Nachhilfeunterricht
Daß er sich in einem Ferienhotel mit Zusatzbedeutung befindet, merkt auch der Gast, sobald er sein Zimmer betritt. Dort liegt das fünfhundert Seiten starke Begleitbuch zur Ausstellung im Dokumentationszentrum mit dem Titel "Die tödliche Utopie" aus. Die übrigen Broschüren enthalten neben Ausflugstips auch einen Abriß über die nationalsozialistische Vergangenheit des Ortes. In Absprache mit dem Dokumentationszentrum können Gästegruppen auch außerhalb der Öffnungszeiten Ausstellung und Bunkerstollen besichtigen. Diese enge Zusammenarbeit sagte der Hotelbetreiber vertraglich zu. Sie soll "integraler Bestandteil" des "Mountain Resorts" sein. Das gesamte Hotelpersonal wurde von Mitarbeitern des Instituts für Zeitgeschichte geschult. Sollten "Wallfahrer" auftauchen, werde er von seinem Hausrecht Gebrauch machen und diesen unerwünschten Gästen ohne Ansehen seiner Bilanzen die Tür weisen, sagte Jörg Böckeler, der Direktor des Hauses. Die Hotelkette hat sich gegenüber dem Freistaat verpflichtet, keinen NS-Tourismus zu dulden. Die "gebündelte Erfahrung und die Seriosität" von Intercontinental garantierten, daß sich "an dieser sensiblen Stelle ein exquisites Hotel zu einem touristischen Anziehungspunkt" entwickeln werde, hob der Finanzminister hervor.
Die bayerische Staatsregierung hatte von Anfang an einen internationalen Hotelkonzern für das Management des Obersalzbergs gesucht. Deutsche Bewerber, so ist zu hören, seien mit Bedacht nicht zum Zuge gekommen, andere internationale Hotelketten hätten abgesagt, viele von ihnen haben jüdische Manager. So bekamen die Intercontinental Hotels den Zuschlag, die mit ihren dreieinhalbtausend Häusern weltweit bislang eher für die Hotelwelt der Dienstreisenden stehen. Das bislang einzige "Mountain Resort", das sie führen, befindet sich im Libanon. Doch der auf fünfundzwanzig Jahre vertraglich festgelegte Managementvertrag mit dem Obersalzberghotel soll erst der Anfang einer neuen strategischen Ausrichtung mit einer Boutique-Hotel-Linie sein.
Der Bauherr hofft nun auf die segensreichen Wirkungen des weltweiten Interconti-Reservierungssystems, Verkäufer auf allen Kontinenten würden für das "Mountain Resort", für Berchtesgaden und für Bayern werben, lockte der Hoteldirektor, der seinerseits die Früchte neuer Billigflugstrecken zwischen deutschen Städten und dem nahen Flughafen Salzburg zu ernten hofft.
Dokumentationsstelle und Hotel gehören zusammen
Daß es bei Hoteleröffnungen an legendären Orten um große Gefühle geht, ist seit den Anfängen der Grandhotel-Geschichte so. Als am Brandenburger Tor der Neubau des untergegangenen "Adlon" eröffnet wurde, war dies ein nationales Ereignis mit heftig hin und her wogenden Emotionen. Und noch im vorigen Januar stürmten siebentausend Berliner zur Publikumsführung ins neue Ritz Carlton am Potsdamer Platz, das achtzehnte Fünfsternehaus in Berlin. Im "Mountain Resort Obersalzberg" schauten trotz Schnee, Nebel und Sturm beim Tag der offenen Tür achttausend Neugierige vorbei.
Immer schon waren Hotels imaginäre Sehnsuchtsorte eines erhöhten Lebensgefühls, das per Zimmerbuchung erreichbar scheint. Der alte Conrad Hilton brachte es auf den Punkt, als er postulierte, der Gast solle in seinen Hotels finden, wovon er zu Hause träume. Um welche Träume es sich dabei in Zukunft am Obersalzberg handeln wird, bleibt offen. Wer wie der bayerische Finanzminister sagt, daß beide Teile des Nutzungskonzepts, Dokumentationsstelle und Hotel, zusammengehörten, muß sich nicht wundern, daß er damit auch beim Gast jegliche Unbefangenheit austreibt. Mit dem vermeintlichen Befreiungsschlag eines Neubaus auf historisch derart besetztem Boden bekommt alles und jedes eine zweite Bedeutung - wie die an der Decke befestigten Regenduschen, die die ersten Rezensenten sofort an die falschen Duschköpfe der Gaskammern von Auschwitz erinnerten.
Keine Fluchtburg vor dem Alltag
Wie klug wäre es gewesen, das Dokumentationszentrum auf dem Obersalzberg einzurichten und sich als Standort für das Luxushotel unter passenden Immobilien in Berchtesgaden umzusehen. Denn das "Mountain Resort" kann kaum eine Fluchtburg vor dem Alltag, vor den Zumutungen der gewöhnlichen Welt sein, sondern droht zu bleiben, was es im Moment ist: ein Hort der Verlegenheiten.
Text: F.A.Z., 03.03.2005, Nr. 52 / Seite R1
Bildmaterial: dpa/dpaweb, F.A.Z., Jan Roeder, REUTERS