Österreich

Die Zugspitze steht neben dem Großglockner

Von Georg Weindl

Szene aus “Gipfelsturm“, der die Erstbesteigung der Zugspitze schildert

Szene aus "Gipfelsturm", der die Erstbesteigung der Zugspitze schildert

16. Oktober 2007 Das Schicksal kennt der Loipen-Charly in- und auswendig. Liebesdramen, Machtkämpfe, Verzweiflungstaten jeder Couleur sind dem kantigen Osttiroler Bauern vertraut. Er hat Streitereien mit Wilderern und geldgierigen Kapitalisten erlebt und alle heil überstanden. Was andere in einem ganzen Leben nicht erfahren, das hat der Charly, der bürgerlich Karl-Heinz Egger heißt, als Komparse in mittlerweile zehn Heimatfilmen zu spüren bekommen. Diesen ungewöhnlichen Nebenerwerb verdankt er einerseits seinem überaus filmtauglichen Aussehen mitsamt der schlaksigen, groß gewachsenen Figur und dem buschigen, grauen Bart. Vor allem aber liegt es daran, dass seine Heimat in den vergangenen Jahren zu einem begehrten Drehort für Heimatfilme geworden ist. Die Täler in dem östlichen Anhängsel des Bundeslands Tirols, die sich unweit der italienischen Grenze in die steile Bergwelt einschneiden, sind wie geschaffen für das wiedererwachte Genre. Denn hier scheint tatsächlich die Zeit stehengeblieben zu sein.

Innervillgraten, das archaische Dorf mit seinen knapp tausend Einwohnern, ist mittlerweile eine bekannte Schönheit, und das nicht nur in Filmerkreisen. Hier auf 1.500 Meter Höhe findet man keine Gewerbebauten oder Bettenburgen, sondern nur rustikale Bauernhöfe, die sich auf dem flachen Talkessel verteilen, dazu ein paar Gasthäuser und Pensionen und mittendrin die Kirche. Das ist eine ideale Kulisse für massenkompatible Herzschmerzfilme wie den Mehrteiler „Im Tal des Schweigens“, der nunmehr in die vierte Runde geht. Die seifenopernerprobten Protagonisten Christine Neubauer und Sascha Hehn spielen ein Bergbauernpaar, das sich gegen böse Geschäftemacher und den Ausverkauf der schönen Heimat wehrt - eine dramatische Konstruktion, die sich schon in den glorreichen fünfziger Jahren bewährt hat: die Gutmenschen aus dem Bergdorf gegen die ruchlosen Eindringlinge, die das Idyll aus Profitgier verhunzen wollen. In Innervillgraten hat man extra für diese Produktion vor Jahren schon die Stromleitungen unterirdisch verlegt, damit die Szenerie auch möglichst glaubwürdig vergangene Heileweltstimmung in deutsche und österreichische Wohnzimmer transportiert.

Edelweiß und Steinbock

Solche „Locations“ ohne Gewerbepark und Viersternewellnessbunker sind in den Alpen rar wie Edelweiß und Steinbock. Deshalb ist auch die Münchner Filmproduktionsgesellschaft Sonne, Mond und Sterne im vergangenen Sommer nach Matrei in Osttirol gezogen, um dort in einem romantischen Tal zu Füßen des Großvenedigers die Erstbesteigung der Zugspitze zu drehen. Das Bergpanorama des Jahres 1820, als der Tiroler Josef Naus die historische Tat vollbrachte, ist im heutigen Garmisch-Partenkirchen mit seinem städtischen Ambiente nicht rekonstruierbar. In Innergschlöß, einem Seitental, das vom Südportal des Felbertauerntunnels Richtung Großvenediger abzweigt und nur wenige Kilometer vom Großglockner entfernt ist, wurde dann gedreht. Passend zu den alten Hüttensiedlungen baute man eine bayerische Kirche nach und schickte dressierte Adler in die Lüfte.

Einer hat den Filmpfarrer attackiert, erzählt der Loipen-Charly, der einen Bauern mimte. Früher hätte man das als böses Omen gedeutet. Aber die sogenannten Alpendramen, zu denen der „Gipfelsturm“ auf die Zugspitze zählt, haben keine moraltheologischen Ambitionen, sondern wollen nur Unterhaltung mit alpinhistorischem Hintergrund sein.Etliche Schaulustige befürchteten während der Dreharbeiten, dass hier eine neue „Piefkesaga“ gedreht würde, die in den neunziger Jahren mit ihrer boshaften Darstellung des Tiroler Massentourismus für Schlagzeilen sorgte. Ganz so schlimm war es dann doch nicht. In Osttirol entstandene Filme wie „Franz und Anna“ oder „Der Schandfleck“ nach einer Ganghofer-Vorlage handeln ja auch mehr von den kleinen Katastrophen und zwischenmenschlichen Wirrungen im Bergbauernleben und nicht so sehr von den großen gesellschaftlichen Problemen.

Am Anfang war Ganghofer

Angefangen hat die cineastische Karriere der Region 1986 mit der Ganghofer-Verfilmung „Gewitter im Mai“, bei der es um tragische Liebesgeschichten und Schicksalsschläge in einem bayerischen Dorf geht. Gedreht wurde in Innervillgraten - was man so lange nicht merkt, solange man die feinen Unterschiede der bäuerlichen Architektur in den Alpen nicht kennt und auch mit dem tatsächlichen Dialekt der Einheimischen nicht konfrontiert wird. In den meisten kommerziellen Alpinromanzen wird ja ohnehin Hochdeutsch geschmalzt und geschimpft, der rauhe Osttiroler Duktus wäre nur schlecht für die Quote. Auch Produktionen wie die „Schwabenkinder“ vom Regisseur Jo Baier mit Tobias Moretti in einer Hauptrolle oder „Der Bär“ von Jean-Jacques Annaud wurden zum Teil in Osttirol gedreht. Für Oswald Fürhapter vom Tourismusbüro in Innervillgraten ist die touristische Resonanz der Filme deshalb auch schwer abschätzbar. „Manchmal“, sagt er, „heißt es dann im Abspann: Wir danken der Bevölkerung von Innervillgraten.“

Doch das läuft unter der Abteilung Kleingedrucktes, und dafür interessiert sich nicht jeder Heimatfilmliebhaber.Immerhin sollen im kommenden Jahr geführte Exkursionen auf den Spuren der Filmproduktionen angeboten werden. Das ist ein erster Schritt. So wie man am oberösterreichischen Traunsee die populäre TV-Serie „Schlosshotel Orth“ in das touristische Angebot mit Themenwegen und inszenierten Dreharbeiten einbindet oder auf dem Mieminger Plateau bei Innsbruck die Urlauber auf den Spuren des „Bergdoktors“ ins Gelände schickt, davon ist man in Innervillgraten und den anderen Osttiroler Dörfern noch weit entfernt.

Der Tod des letzten Bären

Dass die Region aus ihrer Rückständigkeit jemals solches Kapital schlagen könnte, galt vielen Osttirolern lange als undenkbar. Wer, so sagten sie sich, interessiert sich schon für einen Landstrich, in dem der letzte Bär erst 1971 erlegt wurde, während man im Virgental bei Matrei noch bis in die siebziger Jahre nach einem alten germanischen Brauch zum Gottesdienst einen Widder opferte; er wurde allerdings nicht geschlachtet, sondern nach der Messe versteigert. Während man in vielen Nordtiroler Tälern die Dörfer hemmungslos zubetonierte, blieb in Osttirol eben vieles beim Alten, und die Unberührtheit wurde so zum größten Pfund Osttirols. Im Mittelpunkt des Urlaubsgeschäftes steht heute der Nationalpark Hohe Tauern, von dessen 1.800 Quadratkilometer Fläche ein Drittel auf Osttiroler Gebiet liegt.

Matrei ist mit 156 Quadratkilometer Schutzgebiet die größte Nationalparkgemeinde Österreichs. Rechts und links des Iseltals öffnen sich das idyllische Virgental mit seinen malerischen alten Höfen, den spektakulären Umbal-Wasserfällen und der Wallfahrtskirche Maria Schnee. Etwas weiter südlich liegt das Defereggental mit den idyllischen Bergdörfern Hopfgarten, St. Veit und St. Jakob. Auf der Ostseite des Iseltals grenzt das Kalsertal an, ein beschauliches Hochtal zu Füßen des Großglockners mit weiten Almwiesen und kleinen beschaulichen Siedlungen. Geführt von Nationalpark-Guides, kann man Gletscher erkunden, Gipfeltouren unternehmen, Gams und Steinadler beobachten oder als Höhepunkt von Kals aus den 3.798 Meter hohen Großglockner bezwingen. Eine andere anspruchsvolle Tour ist der große Nationalparktreck, der über mehrere Tage quer durch das Schutzgebiet führt und herrliche Gipfel und einsame Täler erschließt.

Wallfahrt zum Wilderer

In Innervillgraten, das nicht mehr im Nationalparkgebiet liegt, hat man dafür andere Pretiosen zu bieten. Neben einem stilvollen Edelgasthof mit Bioküche im Dorfzentrum ist vor allem die Oberstalleralm das touristische Aushängeschild: achtzehn urige und weitgehend authentische Almhütten mit puristischem Wohnkomfort in einer einsamen Siedlung auf 1.864 Meter Höhe. Oft gibt es nur einen Holzherd in der Küche, ein Plumpsklo und Petroleumleuchten, doch dafür wird man mit dem einzigartigen Flair alter Bergbauernromantik entschädigt. Das sorgt dafür, dass die Hütten meist auf Wochen und Monate ausgebucht sind - es ist ja auch wie im Heimatfilm. Allerdings kann es an kalten Tagen recht ungemütlich werden, und die zart besaitete Stadtnatur kommt dann leicht ins Frösteln.

Mit den eher grobrustikalen Eigenarten des Lebens im Gebirge hat auch eine andere Attraktion von Innervillgraten zu tun, die für kuriose touristische Nebeneffekte sorgt. Oberhalb des Dorfes bei der einsam gelegenen Wallfahrtskirche in Kalkstein, die man auf einer kurvigen Straße vorbei an uralten Bauernhöfen erreicht, steht das monumentale Grabmal des Walder Pius. Grabmal ist fast eine Untertreibung, Mausoleum ist da schon eher die treffende Bezeichnung. Vor gerade einmal fünfundzwanzig Jahren wurde der Wilderer in flagranti von Jägern erschossen. „Ich wurde am 8. September 1982 in Kalkstein von zwei Jägern aus der Nachbarschaft kaltblütig und gezielt beschossen und vom achten Schuss tödlich in den Hinterkopf getroffen.“ So steht es auf dem Grabstein, und so wurde der damals dreißigjährige Pius zur Legende. Dafür sorgte auch der lange Streit zwischen den Jägern und den drei Brüdern des Toten. Der Pfarrer, der keine Messe für den Pius lesen wollte, wurde verprügelt. Bei der Gerichtsverhandlung in Innsbruck wurden Platzkarten verteilt und Kontrollen wie bei Terrorismusprozessen angeordnet.

Überrumpelung der Wirklichkeit

Noch heute reden die Leute in Innervillgraten nicht gern darüber. Ob das nun ernst gemeint oder Teil der Mystifizierung ist, wird man als Auswärtiger kaum erfahren. Fest steht jedenfalls, dass über den Wilderer ein Buch geschrieben wurde - es heißt ganz unbescheiden „Die Walder Saga“ - und dass ganze Busgesellschaften zum Grab des Wilderers pilgern. Eigentlich ein Wunder, dass sich noch niemand an die Verfilmung der Walder-Saga gewagt hat. Es ist ein perfektes Sujet für ein Alpendrama, noch dazu mit realem Hintergrund, ganz so wie der berühmte Wildschütz Jennerwein vom bayerischen Schliersee, dessen ebenso turbulentes wie kurzes Leben man ebenfalls verfilmt hat. Und zwar nicht in seiner Heimat, sondern im nahen salzburgischen Rauriser Tal und noch dazu mit einem österreichischen Schauspieler in der Titelrolle, was die Schlierseer und Tegernseer ziemlich gewurmt hat. Aber die Grenze zwischen Realität und Fiktion ist im Heimatfilmgenre nebulös, weshalb man Details nicht allzu ernst nehmen sollte.

Manchmal aber lässt sich die Wirklichkeit nicht überrumpeln. Davon handelt auch die Anekdote, die der Loipen-Charly zum Abschluss erzählt: Bei der Verfilmung der Zugspitzbesteigung kamen drei dressierte Adler zum Einsatz. Der älteste von ihnen mit Namen Hugo wurde schon für die Verfilmung der Geierwally in die Lüfte geschickt. Womit indes weder Hugo noch seine Auftraggeber rechneten, waren die einheimischen Raubvögel, die den Eindringling rasch aus ihrem Revier verjagten. Nach einer Woche wurde der verstörte Hugo im Keller eines Hauses in Kals am Großglockner gefunden - ein Adler im Keller statt in der Luft, das ist kein Happy End.

Information: Osttirol Werbung, Albin-Egger-Straße 17, A-9900 Lienz, Telefon 0043/4852/65333, Internet: www.osttirol.com.



Text: F.A.Z., 11.10.2007, Nr. 236 / Seite R5
Bildmaterial: Cinetext/Marco, F.A.Z.

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