Von Jakob Strobel y Serra
14. Februar 2008 Monsieur le Maire ist ein Lebensretter, ein Held, mutig und stark, der sein Dorf vor dem Ruin gerettet und ihm seine Zukunft geschenkt hat. Monsieur le Maire ist ein Totengräber, ein Feigling, der sein Dorf in den Ruin treibt und ihm aus Kleingeistigkeit die Zukunft raubt. Serge Cettour-Meunier, Monsieur le Maire, der Bürgermeister der kleinen Gemeinde Abondance in Hochsavoyen, ist ein großer, schwerer Mann mit kratertiefen Sorgenfalten, der sein Dorf gespalten und darüber seinen Frieden verloren hat.
Er ist nervös, fahrig, ruhelos, ein Getriebener, Opfer und Täter zugleich, waidwund in einem Moment, angriffslustig im nächsten, ständig Achseln und Hände zur Abwehr hebend, dann wieder wild mit den Fingern fuchtelnd, als kämpfe er gegen ein Heer von Feinden. Denn Monsieur le Maire, dieser impulsive Dickschädel, dieser savoyardische Jean Valjean, hat Ungeheuerliches getan: Er ist dafür verantwortlich, dass sein Dorf in Zeiten des Klimawandels Tourismusgeschichte schreibt - als erste Gemeinde der Alpen, die ihr komplettes Skigebiet abgeschafft hat.
Landwirtschaft statt Skigebiet
Jetzt muss Abondance mit einem Ruhm leben, den es sich lieber erspart hätte. Bisher verdankte es ihn vor allem zwei Dingen, die über jeden Zweifel erhaben sind: Kühe und Käse. Beiden gibt das Tal von Abondance den Namen, und beide werden von Feinschmeckern in ganz Frankreich verehrt - die einen wegen ihrer kräftigen, mit frischen Almkräutern gewürzten Milch, der andere als einer der besten Rohmilchkäse des Landes mit dem Adelsprädikat einer eigenen Appellation d'origine contrôlée. So fällt Abondance nach dem skifahrerischen Kahlschlag wenigstens nicht ins Bodenlose, sondern weich in den Schoß einer jahrhundertealten Landwirtschaft, die Bauernhöfe groß wie Paläste und Alphütten so fein geschnitzt wie Teepavillons geschaffen hat. Es riecht nach Dung, es dampft aus Ställen, vor denen die Milchkannen aufgereiht stehen wie Zinnsoldaten und in denen Bauern mit Händen wie Schaufeln stolz ihre Kühe herzeigen, als seien es Rassepferde.
Das ist la France profonde, das Frankreich der Bar Tabacs, in denen nach Feierabend ein schneller Chasselat getrunken wird, nulleins für einsfünfzig, der Aperitif im Blaumann, ein heiliges Ritual; es ist das Frankreich der Kirchen mit hochmütigen Türmen und dem Gekreuzigten an jeder zweiten Kreuzung, die vor der Vanitas warnen; und das Frankreich der Kriegerdenkmäler für die verlorenen Söhne des Dorfes, die alle Nachgeborenen daran erinnern, dass die Geschichte von Abondance nicht mit dem ersten Skilift begann und nicht mit der Demontage des letzten enden wird. Es klingt wie ein höhnisches Versprechen für die Menschen in diesem ersten Winter ohne das Surren der Gondel.
Kritische Größe, kritische Lage
Den ersten Lift bauten ihre Väter zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, ein paar Leute aus dem Dorf hatten zusammengelegt. Das lief ganz gut und ziemlich ruhig, bis sich die Pariser Zentralregierung in den Kopf setzte, aus den Franzosen ein Volk von Skifahrern zu machen. Sie verkündete in den sechziger Jahren den Plan neige, klotzte Retortenskiorte ins Hochgebirge und brachte so die Saat aus, die auch in Abondance aufgehen sollte. Immer mehr Franzosen zog es in den Schnee, immer mehr Lifte wurden im Dorf gebaut, das sich schon früh dem riesigen, grenzübergreifenden Liftverbund Portes du Soleil anschloss, ohne aber direkt an dessen sechshundertsechzig Kilometer Pisten in drei Tälern zwischen Frankreich und der Schweiz angebunden zu sein. Die Siebziger und Achtziger waren dennoch goldene Jahre mit prallen Geldbeuteln, und wie zum scheinbaren Beweis für das ewige Glück von Abondance gewann einer aus dem Dorf bei den Olympischen Winterspielen in Sarajevo 1984 die Bronzemedaille im Slalom. Doch der Erfolg des jungen Didier Bouvet sollte etwas ganz anderes werden: ein Menetekel dafür, dass kein Triumph sein Heimatdorf vor dem Strudel jenes Teufelskreises bewahren konnte, an dessen tiefstem Punkt Abondance jetzt angelangt ist.
Eine Gondel, ein Sessellift, sechs Schlepplifte und Pisten auf tausend bis tausendsiebenhundert Metern Höhe: Das ist eine kritische Größe und eine kritische Lage - zu klein, um genügend Gewinn für notwendige Modernisierungen zu erwirtschaften, zu niedrig, um die immer häufigeren Winter mit wenig Schnee zu überstehen, zu arm, um sich Schneekanonen leisten zu können. Das Skigebiet setzte Patina an, die Stammgäste verloren die Lust an den altertümlichen Liften, aus Patina wurde Rost, aus Treue Enttäuschung. Die Gemeinde musste schließlich die Anlagen selbst übernehmen, um sie vor dem Konkurs zu bewahren. Und die Verluste wurden immer dramatischer. Bald verschlangen sie fünfzig Prozent des Gemeindebudgets, in schlechten Jahren wie dem vergangenen Winter mit seinen katastrophalen Schneeverhältnissen sogar achtzig Prozent. Die Steuern stiegen, die Schulden wuchsen, in beiden Disziplinen belegt Abondance längst Spitzenplätze. Geld fehlt seit Jahren an allen Ecken und Enden, für die Straßen, den Kindergarten, das Rathaus, das seit der Großen Französischen Revolution nicht mehr renoviert worden sei, wie der Bürgermeister sagt. Im Mai vorigen Jahres zog er die Reißleine. Jetzt stehen in Abondance alle Schwungräder still.
Vom Genfer See bis zum Montblanc
In anderen Dörfern des Tals drehen sie sich weiter, so in Chapelle ein paar Kilometer talaufwärts, das seit jeher eine herzhafte Feindschaft mit dem Nachbardorf verbindet. Sie klauen uns unsere Frauen, und wir klauen ihnen ihre Kühe, sagen die Leute in Abondance, ohne zu sagen, was das für die Wertschätzung von Frau und Kuh bedeutet. Chapelle hat sein Skigebiet gerade massiv aufgerüstet, obwohl es nur zwanzig Meter höher liegt als das von Abondance. Doch es hat den unschätzbaren Vorteil, direkt an die Pisten von Portes du Soleil angebunden zu sein. Stundenlang kann man von hier aus auf Skiern durch zwei Länder vagabundieren, ohne je einen Lift wiederholen zu müssen, hinauf zum Tour de Don, um auf den Genfer See hinabzublicken, hinüber nach Les Gets, um den Montblanc zu begrüßen, oder mitten hinein nach Avoriaz, dem Herzen von Portes du Soleil und ganzen Gegenteil von Abondance.
In den sechziger Jahren wurde Avoriaz auf tausendachthundert Meter Höhe in den Schnee gerammt, eine futuristische Retortenstadt aus maiskolbenähnlichen Hochgebirgshochhäusern und kubistisch dekonstruierten Quadern, die jetzt - très à la mode - allesamt ein hübsches Holzschindelkleid auf dem Betonleib tragen und nach fünfzig Jahren noch frischer, mutiger aussehen als der Mainstream der Almhüttenalpenarchitektur. Auch technisch ist Avoriaz auf dem neuesten Stand - dafür sorgt schon der Großaktionär Compagnie des Alpes, dem die halben französischen Alpen gehören - und marketingtechnisch sowieso; der Gag dieses Winters ist die Semaine célibataire, keine asketische Keuschheitsfastenkur, sondern eine Woche im Schnee für liebeshungrige Singles mit Speeddating im Sessellift.
Schimpfen statt Flirten
Nach Flirten steht den Menschen in Abondance nicht der Sinn. Stattdessen wird geflucht, geschimpft, gestritten. Die Gralshüter des Skigebiets mit den örtlichen Hoteliers und Geschäftsleuten an der Spitze haben sich in der Vereinigung Abondance demain zusammengeschlossen und machen im Internet mit gallischem Widerstandswillen Stimmung gegen die Schließung unter dem Motto: Wir wollen nicht die erste Skistation der Alpen sein, die sich in ein normales Dorf zurückverwandelt. Heuchler seien das, grollt der Bürgermeister und hebt die Hände wie Moses auf dem Berg Sinai, was hätte er denn anderes tun können? Das Skigebiet sei ein Fass ohne Boden gewesen, seine Demontage die einzige Rettung für das Dorf. Er trage die Verantwortung für das Wohl von Abondance, und es wäre unverantwortlich gewesen, den Kopf in den Schnee zu stecken und so weiterzumachen wie bisher.
Der Bürgermeister sei eben kein Skifahrer, sondern ein Beamter, poltert mit sportsmännischer Verachtung Didier Bouvet, ein schlanker, drahtiger Mann, der immer noch gut in Form und ein ebenso großer Sturkopf wie Monsieur le Maire ist. Mit funkelnden Augen steht er in der Werkstatt seines Sportgeschäftes am Hauptplatz von Abondance, an dessen Front er in zweifacher Ausführung auf seinen olympischen Medaillengewinn hinweist. Doch wie es mit seinem Laden weitergehen solle, wer jetzt noch Skier bei ihm ausleihen werde, das wisse er nicht. Natürlich kenne auch er die Probleme des Skigebiets, den wenigen Schnee, die kritische Höhe, die großen Verluste. Fünf Jahre Galgenfrist aber hätte ihnen der Klimawandel bestimmt noch gegeben, mindestens, und außerdem werde es schon nicht so schlimm kommen mit der Erderwärmung, wie alle sagen, da sei er sich ganz sicher, er wisse Bescheid, sagt Didier Bouvet und schraubt eine Bindung auf einen Ski. Und das viele Geld, das der Bürgermeister jetzt in diesen blöden Parc ludique gesteckt habe, um den Verlust des Skifahrens zu kompensieren, das sei ja wohl zum Fenster herausgeschmissen.
Wahrhaftigkeit ist keine Tugend
Dieser Spielpark ist der ganze Stolz des Bürgermeisters, ein abschüssiges, fußballfeldgroßes Terrain direkt neben dem Hauptplatz, das zur Hauptattraktion des Dorfes werden soll: ein hundertzwanzig Meter langer Transportteppich, ein Idiotenhügel, eine Rodelstrecke, eine Snowtubepiste, eine mongolische Jurte - ein schwacher Trost für den Verlust eines kompletten Skigebiets. Das sei kein Quatsch, wie seine Kritiker kläfften, sondern der zentrale Teil eines neuen touristischen Profils, das Abondance dringend brauche, um zu überleben, sagt der Bürgermeister, und wer das nicht begreife, habe nichts kapiert.
Die zweite Brücke in die touristische Zukunft des Dorfes sollen Kunst und Kultur bauen, was in Abondance glücklicherweise keine leere Hülse ist. Denn der Ort hat als kunsthistorische Großattraktion seine Abtei, die Augustinermönche mit Sehnsucht nach der Stille des Gebirges vor neunhundert Jahren hier errichteten und die sich im Laufe der Jahrhunderte zu einer monumentalen Anlage auswuchs. Am schönsten ist das Klaustrum mit seinen Fresken, die biblische Szenen in den Kulissen Hochsavoyens schildern - das Rote Meer ist der Genfer See, die Berge des Sinai sind die Dents du Midi -, und natürlich die Kirche mit ihren Trompe-l'OEil-Skulpturen. Sie stellen die Kardinaltugenden dar und sind so täuschend echt auf Holzplatten gemalt, dass man sie für leibhaftige Plastiken hält - Wahrhaftigkeit ist ja keine Kardinaltugend.
Zwei entscheidende Grad Celsius
Auch die Kulturgüter Käse und Kuh sollen ihren Teil zur touristischen Existenzsicherung beitragen. Fünfunddreißig hauptamtliche Käsemacher gibt es noch im Tal. Am berühmtesten ist die Ferme du Mont hoch über Abondance, ein Familienunternehmen, dessen Verkaufsraum mit Goldmedaillen aus den Pariser Gastronomiesalons für den besten aller Abondance-Käse tapeziert ist. Einer der Söhne erzählt mit strahlendem Gesicht, dass er an dreihundertfünfundsechzig Tagen im Jahr von vier Uhr morgens bis acht Uhr abends ununterbrochen mit dem Käsemachen beschäftigt sei, und er erzählt es mit solcher Begeisterung und Dankbarkeit, dass man ihn am liebsten umarmen und ausrufen möchte: Skifahren ist doch nicht das größte Glück.
Doch es ist ein sehr großes gewesen für Abondance. Deswegen fällt den Menschen der Abschied so schwer. Als Bauern haben ihre Vorväter nicht schlecht gelebt, aber der Wohlstand kam erst mit den Liften. In zwei, drei Winterwochen konnte man so viel Geld verdienen wie in einem ganzen Sommer auf der Alm. Geld war aber nicht alles. Das Geschäft mit dem Schnee wurde Teil der Identität von Abondance, ein liebgewonnenes Selbstverständnis. Ein Skigebiet zu schließen, sagen die Leute, sei etwas anderes, als eine Fabrik zu schließen, da gehe etwas für immer verloren, das hinterlasse eine schreckliche Leere. Wie wollte man dem widersprechen, da doch jeder weiss, wie es ist, wenn man auf dem Weg ins Skigebiet ein Tal entlangfährt und diese eine, entscheidende Grenze überwindet zwischen dem letzten Dorf ohne Lifte und Pisten und dem ersten mit Gondeln und Abfahrten - und plötzlich die Aura des Skifahrens spürt?
Der Traum vom Schnee
Abondance hat diese Aura verloren. Dafür ist es jetzt Avantgarde. Es hat ein Tabu gebrochen und wird längst nicht das letzte Skigebiet der Alpen sein, das seinen Betrieb einstellen muss. Doch das muntert Monsieur le Maire überhaupt nicht auf. Er steht in seinem Parc ludique im Regen und beaufsichtigt die letzten Arbeiten. In Avoriaz schneit es jetzt. Zwei Grad Erderwärmung und die um dreihundert Meter nach oben verschobene Schneefallgrenze sind keine Lappalien, sondern existentiell. Der Klimawandel prasselt auf den Anorak. Der Bürgermeister läuft durch den Matsch und hebt die Hände, als danke er dem Himmel für die nassen Argumente, als wolle er sagen: Seht her, ich rette das Dorf, ich verrate es nicht. Er wird den Beistand von oben brauchen. Am 9. März ist Gemeinderatswahl. Didier Bouvet und seine Freunde haben einen Gegenkandidaten aufgestellt. Sie träumen davon, weiterzumachen mit dem Skifahren. Der Regen wird stärker.
Information: Office de Tourisme d'Abondance, Chef-lieu, F-74360 Abondance, Telefon: 0033/450/730290, E-Mail: info@abondance.org; Internet: www.abondance.org;
Office de Tourisme de Portes du Soleil, 1401 route de Vonnes, F-74390 Châtel, Telefon: 0033/450/733254,
E-Mail: info@portesdusoleil.com, Internet: www.portesdusoleil.com.
Text: F.A.Z., 14.02.2008, Nr. 38 / Seite R1
Bildmaterial: AFP, ASSOCIATED PRESS, F.A.Z., KEY
